"Digitale Zeiten sind Fernsehzeiten": Wie ARD und ZDF mit ihrem Qualitätsanspruch endlich Ernst machen können

 

Kommt der Streit mit den Zeitungsverlegern den ARD-Intendanten gerade genau recht, um vom Innovationsstau in den eigenen Sendern abzulenken? Publizist Franz Sommerfeld fordert in einem kress.de-Debattenbeitrag: "Digitales Fernsehen bietet ARD und ZDF nun endlich auch die Möglichkeit, Ernst zu machen mit ihrem Qualitätsanspruch."

Im "Spiegel" dieser Woche hat sich Stefan Raue, neuer Intendant von Deutschlands bestem Nachrichtensender Deutschlandfunk, an der Debatte um die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Fernsehens beteiligt. Seinen Beitrag Heraus aus den Gräben eröffnet er mit Worten des Respekts für einige überregionale Tageszeitungen und einer kurzen selbstkritischen Besinnung. Just in dem Moment, wo der geneigte Leser Hoffnung schöpft, so könne ein Streit vielleicht doch noch fruchtbar werden, verfällt Raue in die leider so vertrauten Muster der vergangenen Wochen. 

Raue diffamiert die Kritik am öffentlich-rechtlichen Vorgehen als "große Kampagne" mit "wutschnaubenden Texten": "Wochenlang verging kaum ein Tag ohne Angriffe unter die Gürtellinie. Das offensichtliche Ziel: die öffentlich-rechtlichen Sender und ihre Mitarbeiter lächerlich zu machen, ihnen den professionellen Respekt zu entziehen, sie zu delegitimieren", behauptet Raue, ohne diese gravierenden Anschuldigungen auch nur mit einem einzigen Wort oder Zitat zu belegen. 

Da überrascht es dann schon nicht mehr, dass Raue die Souveränität fehlte, auf das klare Bekenntnis des Zeitungsverleger-Präsidenten Mathias Döpfner zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen einzugehen. Es hätte ihm die Opfer-Attitüde vermasselt.

Sie prägte schon den offenen Brief von Journalisten öffentlich-rechtlicher Anstalten. Dort weisen sie Kritik an ihren Sendern zurück, weil die Weltlage doch so bedrohlich sei: "Können Sie uns mal erklären, warum wir als verantwortungsvolle JournalistInnen in diesen Zeiten nicht zusammenhalten gegen Fake News und populistische Parolen?" Auch sie denunzieren Kritik als Kampagne. Und natürlich fehlt der Vorwurf nicht, mit Kritik der AfD in die Hände zu spielen. 

In alledem zeichnen sich Umrisse eines neuen, grundlegend anderen Verständnisses von Öffentlichkeit ab. Es ist die Idee, alle "verantwortungsvollen" Journalistinnen und Journalisten gegen den weltweiten Vormarsch der Populisten und gefährlichen Internet-Monopole zu formieren und so im Grunde eine Art "formierte Öffentlichkeit" zu schaffen - natürlich für das Gute. Das geistige Rüstzeug liefern die dazu kürzlich veröffentlichten "Zehn zentralen (!) Thesen zur Zukunft der öffentlich rechtlichen Medien", die im öffentlich-rechtlichen Milieu entworfen und von etlichen Rundfunk- und Fernsehräten unterschrieben wurden.

Sie bringen die bei Raue und anderen durchscheinenden Vorstellungen dankenswerterweise auf den Punkt: Für sie ist Öffentlichkeit "eine journalistisch-redaktionelle Selbstbeobachtung der Gesellschaft im öffentlichen Interesse", wie es in den "Zentralen Thesen" so hübsch formuliert wird. Eine weise öffentlich-rechtliche Hand entscheidet, was "öffentliches Interesse" ist. 

Hier zeichnet sich ein tiefgreifender Systemwechsel ab: Öffentlichkeit entsteht - anders als heute - nicht mehr als Ergebnis des Streits unterschiedlicher und gegensätzlicher, auch durch Interessen geleiteter Vorstellungen. Das lehnen die Thesen als "marktwirtschaftliche Funktionslogik" ab. Beiträge von "privaten Anbietern"  sind "aufgrund ihrer wirtschaftlichen Abhängigkeit" für sie minderwertig. Da verwundert es nicht, wenn sie kühl auf den weiteren Niedergang der Zeitungen setzen: "Ob die Presse der Unterstützung bedarf, muss an anderer Stelle diskutiert werden". 

Sie wollen das Land bis hinunter auf die Ebenen von Städten und Gemeinde mit einem öffentlich rechtlichen journalistischen Netz, einer Art Öffentlichkeitsbehörde, überziehen, für die tausende neuer Stellen bezahlt und finanziert werden müssen. "Man hält sich für die Öffentlichkeit der Demokratie", notiert Jürgen Kaube in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

In dieser "formierten Öffentlichkeit" findet der Zuschauer nicht statt, jedenfalls nicht als Subjekt, ein gerade in digitalen Zeiten bemerkenswert patriarchalischer Ansatz. Nur an einer Stelle spielt der Kunde eine Rolle und wird Ernst genommen, als Zahler von Rundfunk- und Fernsehgebühren, die die Thesen vornehm "Demokratieabgabe" nennen. 

Auch hier wieder der gleiche autoritäre Anspruch: "Der Auftrag bestimmt den Beitrag und nicht umgekehrt." Auf gut Deutsch: Der Bürger hat zu zahlen, was die Anstalten für erforderlich halten.

Dieses Leitbild einer "formierten Öffentlichkeit" erinnert an die einst von Bundeskanzler Ludwig Erhard angestrebte "formierte Gesellschaft", mit der er das "Zusammenwirken aller Gruppen und Interessen" erreichen wollte. Die Thesen nennen das heute "gesamtgesellschaftlichen Diskurs". 

Beide verbindet, dass sie Gesellschaft und Öffentlichkeit nicht als freies Spiel der Kräfte akzeptieren, sondern sie um eines vermeintlich guten Ziels willen zu formieren suchen. Damit bedrohen sie freiheitlichen Journalismus.

Erhard scheiterte mit seiner "formierten Gesellschaft". Der Streit um die "formierte Öffentlichkeit" hat erst begonnen. Da gibt es auch kein einheitliches Bild im öffentlich-rechtlichen Lager. Während sich einzelne ARD-Intendanten darauf konzentrieren, möglichst viele zeitungsähnliche Textformate im Netz veröffentlichen zu dürfen und damit den Eindruck erwecken, den Rückgang der Zeitungsauflagen für eine Ausweitung des öffentlich-rechtlichen Sektors in bislang nicht gekanntem Maße nutzen zu wollen, konzentriert sich das ZDF mit einem sehr pragmatischen Ansatz auf das  Fernsehen. Denn hier findet gerade die mediale "Zukunftsschlacht" dieser Zeit statt.

Die Ablösung der Gutenberg-Revolution durch die digitale ersetzt die alte Vormachtstellung des geschriebenen Wortes durch Bild und Film. Digitale Zeiten sind Fernsehzeiten. Es mag Kulturpessimisten in ihren tiefen Ängsten bestärken, aber so wie die Mönche einst das Lesen für alle nicht verhindern konnten, so wird heute niemand das Video für alle aufhalten können, nicht einmal ein ARD-Intendant. Mark Zuckerberg erklärte bei der Vorstellung der letzten Quartalszahlen: "Der größte Trend in unseren Produkten in den nächsten drei Jahren wird Video sein."

Die amerikanischen Internet-Konzerne haben diesen Zukunftsmarkt auch hier zu Lande schon weitgehend besetzt. Mit dem gerade erfolgten gelungenen Relaunch des "heute"-Auftritts in Web und App stellt sich das ZDF dieser Konkurrenz. Dazu gehört scheinbar selbstverständliches: "heute"-Sendungen sind jetzt jederzeit und zeitnah nach ihrer Ausstrahlung abzurufen. Bei "tagesschau" und "tagesthemen" dauert es Stunden, bis die Sendungen in der Mediathek abzurufen sind. Und niemand erfährt, wann es soweit ist, obwohl es letztlich keine technischen Hürden gibt, das sofortige Abrufen zu ermöglichen. 

Aber hier geht es nicht um Technik, sondern um eine strategische Frage: Die Freiheit, zu jeder Zeit zu sehen, was man will und wo man will, ist die Zukunft, nein, sie ist schon Gegenwart. Natürlich ist Amazon mit waipu.tv bereits in die Lücke gestoßen. Originalton Amazon: "Sie entscheiden, wo Sie fernsehen - auf Ihrem Fire TV im Wohnzimmer oder beispielweise auf dem Smarthome in Ihrer Küche". Auch die Kabelanbieter werden ihre schon vorhandenen Angebote auf diesem Feld ausbauen. Das alles könnten die öffentlich-rechtlichen Anstalten längst selbst leisten. Doch ohne Not überlassen sie denjenigen Zwischenhändlern die Verbindung zu ihren Kunden, vor denen die Intendanten ansonsten gerne und eindringlich warnen. Dass zum Fernsehen zu jeder Zeit an jedem Ort die Aufhebung der noch vorhandenen Löschfristen gehört, versteht sich von selbst. Die Fristen sollten sich allein aus den Interessen der Zuschauer und möglichen Rechte-Verkäufen ergeben.

Die Öffentlich-Rechtlichen haben dort gute Karten im Wettbewerb mit den globalen Web-Konzernen, wo sie sich auf ihre journalistischen Stärken besinnen: Längst überfällig ist zum Beispiel ein rund um die Uhr angebotenes 15-minütiges Format wie "tagesschau" oder "heute", das nur bei relevanten News, aber dafür 24 Stunden lang aktualisiert wird. Das wäre ein Gegenangebot oder eine Ergänzung zu den verschiedenen Newstickern, die ohne jede Gewichtung vermeintliche und tatsächliche Nachrichten verbreiten. Die bereits angebotene einhundertsekündige "tagesschau" ist im Grunde nur eine Kurz-Form des Newstickers und kann daher ein solches größeres Format nicht ersetzen.

In der Aufbereitung einer globalen Nachrichtenlage mehr oder weniger im Echtzeitrhythmus liegt das Wesen von Journalismus in digitalen Zeiten. Das erfordert Auswahl und Konzentration von Informationen, aber nicht unendliche und überwiegend belanglose Live-Schaltungen, die nur eine Illusion von Dabeisein erzeugen. Die App des Deutschlandfunks "DLF24" zeigt übrigens, wie man das machen kann. Sie ist in ihrem Auftritt zwar nicht annähernd so elegant wie "Der Tag", die App der "FAZ", aber sie erfüllt die Informations-Erwartungen ihrer Nutzer.

Digitales Fernsehen bietet ARD und ZDF nun endlich auch die Möglichkeit, Ernst zu machen mit ihrem Qualitätsanspruch. Politische Magazine, die sich zwischen Schuhplattler-Revuen und Krimis über Krimis jede Minute Sendezeit erkämpfen müssen, können in einem eigenen Web-Kanal deutlich mehr Platz erhalten. Bei Talkshows könnten die Zuschauer aktiv eingebunden werden, anstatt ihre Reaktionen ("unsere Zuschauer") durch eine Assistentin von Papierzetteln vorlesen zu lassen.

Das sind nur wenige Beispiele von vielen. Aber leider gibt es weder eine öffentliche noch eine öffentlich-rechtliche Debatte darüber, ein gemeinsames Suchen nach neuen Ideen. Gelegentlich erscheint es eher so, als nutzen die ARD-Intendanten den Streit mit den Verlegern, um vom Innovationsstau in den eigenen Sendern abzulenken. Doch nur wenn sie ihn auflösen, werden sie den von ihnen zu Recht beschworenen Herausforderungen der globalen Web-Konzerne begegnen können. 

Deutschland braucht keine neue öffentlich-rechtlich "formierte Öffentlichkeit", sondern Fernsehsender, die alle Möglichkeiten des Internet nutzen, um im entscheidenden Zukunftsmarkt TV zu bestehen. Damit werden sie ihrem gesetzlichen Auftrag gerecht.

Zur Person: Unser Autor Franz Sommerfeld war von 2009 bis 2014 Publizistischer Vorstand der Kölner Mediengruppe DuMont.

kress.de-Debatte: Was sagen Sie? Hat Franz Sommerfeld recht? Wie muss sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk aus Ihrer Sicht erneuern? Wir freuen uns über Ihre Zuschriften an chefredaktion(at)newsroom.de.

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