#metoo-Debatte: Sexismus in der "Stern"-Redaktion und anderen Medien

 

JOURNALISMUS! Paul-Josef Raue fragt in seiner Kolumne: Welcher Ton herrscht in einem Magazin wie dem "Stern", das als fortschrittlich und investigativ gilt? Redakteure, nicht nur beim "Stern", prahlen gerne damit, dass ein rauer Ton herrsche. Ulrike Posche ist seit 30 Jahren "Stern"-Redakteurin; sie schreibt in der aktuellen Ausgabe: "Es gibt Herrenwitze und Anzüglichkeiten. Und manchmal vergreift sich einer." Sie nennt zwar keine Namen, aber gibt Hinweise: Wer hat sich wann vergriffen? Und wir fragen: Wer recherchiert nun?

Man stelle sich vor: Ein "Stern"-Reporter bekommt eine Liste mit CSU- oder FDP-Politikern, die Frauen sexuell belästigt haben. Zwar fehlen konkrete Namen, aber aus den Schilderungen mit teils genauen Zeitangaben dürften sie leicht zu recherchieren sein. Eine Skandal-Welle schwappte über die Republik.

Man stelle sich vor: Der "Stern" berichtet nicht nur von Politikern, sondern auch von Chefredakteuren und anderen hochrangigen Journalisten, die sich vergriffen haben - und dies wäre kein Planspiel für die Henri-Nannen-Journalistenschule, sondern die Wirklichkeit. Die "Stern"-Redakteurin Ulrike Posche schreibt im aktuellen "Stern" von diesen Redakteuren: "In eigener Sache: Macht und Muffensausen".

Als die dreißigjährige Ulrike Posche 1987 in die "Stern"-Redaktion eintritt, heißt ihr Ressort offiziell "Erziehung und Gesellschaft"; die Redakteure nennen es intern "Strick und Fick". So fängt sie an. Vor einigen Jahren wird sie mit dem "Emma-Journalistinnen-Preis" ausgezeichnet. Und in der aktuellen #metoo-Debatte räumt sie in ihrer Redaktion auf.

Ihre "eigene Sache" recherchiert Ulrike Posche allerdings nur halbherzig, oder: sie darf oder soll sie nur halbherzig erzählen. So mutig die Chefredaktion ist, Posches Anklage drucken zu lassen, so ängstlich ist sie, Ross und Reiter zu nennen (was bei dieser Recherche ein stimmiges Sprachbild sein dürfte).  Allerdings dürfte die Recherche nicht schwierig sein. Ulrike Posche gibt hinreichend Indizien. Die Politiker:

A. Ein junger SPD-Ministerpräsident (etwa 1990)

Ulrike Posche: "Als ich einen jungen SPD-Ministerpräsidenten in seinem Amtszimmer interviewen sollte, fragte der als Erstes, ob ich Kinder hätte. Als ich verneinte, rief er fröhlich ins Vorzimmer: Frau Müller, machen Sie mal kurz die Tür zu, Frau Posche will ein Kind! Ich fürchte, ich habe das damals witzig gefunden."

B. Ein anderer SPD-Ministerpräsident (1994)

Er schlug mir 1994 auf einem Sommerfest unseres Büros vor, schnell mal mit ihm in seine Landesvertretung zu verschwinden, "ich hab da auch Champagner". Ich wollte lieber auf der Party bleiben, er war beleidigt.

C. Ein Minister (ohne Jahr, ohne Partei) - es gibt ein Beweis-Foto

Ich habe ein Foto von einer Dienstreise mit einem Minister gefunden, auf dem seine Hand auf meinem Knie liegt, während ich gewissenhaft aufschreibe, was er sagt.

D. Ein Ex-DDR-Minister (ohne genaues Datum)

Auf der Recherche für ein Porträt über einen ehemaligen DDR-Minister stand dieser nachts vor meiner Hoteltür im ehemaligen Berliner Grand Hotel. Ich verschanzte mich. Anderntags fragte er mich und meine Fotografin im Fond seines Dienstautos, ob wir nicht einmal mit ihm in seine Sauna kommen wollten - er habe übrigens "drei Eier". Damals hatte ich zum ersten Mal Muffensausen bei der Arbeit.

E. Rainer Brüderle (FDP)

FDP-Mann Brüderle war nie einer von den Schlimmen. Ein Sprüchemacher, kein Nötiger. Aber sein Fall hat vieles verändert. Leider nicht alles.

Doppelmoral beim "Stern" vermutet Hugo Müller-Vogg, Ex-"FAZ"-Herausgeber wegen dieses Posche-Zitats. In einem Tweet schreibt er: "Im Januar 2013 aber blies der "Stern" zur Hatz auf denselben Brüderle. Man wollten halt die FDP klein kriegen - mit Erfolg."

An anderer Stelle ihres Artikels schreibt Ulrike Posche: "Ich finde auch heute nicht, dass ein Minister zurücktreten muss, weil er irgendwann einmal einer Journalistin die Hand aufs Knie gelegt hat. Vieles an der aktuellen Debatte erscheint mir überzogen. Wir sind deshalb doch keine Opfer!"

Ulrike Posche erzählt auch von Chefredakteuren und leitenden Journalisten beim "Stern" und in anderen Redaktionen:

1. "Stern"-Chefredakteur 1996

Ulrike Posche: Als 1996 herauskam, dass der angehende Kanzlerkandidat Gerhard Schröder sich in eine "Focus"-Redakteurin verliebt hatte, fragte mich mein Chefredakteur in vollem Ernst, warum er mich so oft über Schröder habe schreiben lassen, wenn nun eine "Focus"-Redakteurin das Rennen machte! Keine Ahnung, ob er meine Ehe als Entschuldigung nahm oder eher als Ausrede.

2. "Stern"-Chefredakteur nach der Wende

Von der Nachstellung eines Ex-DDR-Ministers erzählte Ulrike Posche ihrem Chefredakteur "mit der Bitte, etwas gegen den bekanntermaßen Testosteron-gesteuerten Mann zu unternehmen." Der Chef gab sich väterlich: "Ganz ehrlich, es hat euch doch auch ein bisschen geschmeichelt, oder nicht?"

3. Der Leiter des Bonner Parlamentsbüro zur Wende 1989  

Bei der Vorstellung fragte mich dessen Leiter: "Warum kommen Sie nicht zu uns? Sie als Frau haben hier doch ganz andere Recherchemöglichkeiten."

4. "Stern"-Korrespondent in Berlin 2005

In einer 'Stern'-Telefonkonferenz vor zwölf Jahren wurde entschieden, dass ich über einen bestimmten Politiker schreiben sollte. Wir saßen zu dritt in einem Hamburger Ressortleiterbüro, am anderen Ende der Leitung saßen Berliner Kollegen. Einer krähte ins Telefon: "Die soll aber nicht wieder mit feuchtem Höschen schreiben!" Großes Lachen in Berlin, betretenes Schweigen in Hamburg.

Der Punkt ist, auch wenn sich der Korrespondent bis heute etwa hundertmal entschuldigt hat, ich habe das Gefühl der Demütigung und Verunsicherung nie mehr verloren. In den Gesichtern meiner Kollegen sehe ich seither die Bilder, die sie eigentlich im Kopf haben, wenn sie über oder mit Journalistinnen reden. Vieles konnte ich überhören, weglachen und vergessen. Das nicht.

5. Redakteure vom "Spiegel" im Sommer 1994

Ein  SPD-Ministerpräsident 1994 schlug mir 1994 auf einem Sommerfest unseres Büros vor, schnell mal mit ihm in seine Landesvertretung zu verschwinden...  Umstehende Kollegen vom "Spiegel" amüsierten sich. Einer meinte: "Jetzt hättest du mal richtig Karriere machen können!"

6. Ein älterer "Zeit"-Redakteur (ohne Datum)

Alle unrühmlichen Geschichten ähneln einander. Vom berüchtigten "Kameltester" bei der "Zeit" war viel die Rede, einem alten Redakteur, der beinahe jede Praktikantin nötigte.

7. Fernsehchef bei RTL (ohne Datum)

Er griff Frauen in den Schritt und fragte: "Wie geht es uns denn heute?"

8. Stellvertretender Chefredakteur in Hamburg (ohne Datum)

Bei den hipperen Hamburger Magazinen wurden Frauen häufig nach dem Aussehen eingestellt oder, wie ein Chefredakteur erklärte, als "Augentrost". Einer Redakteurin sagte sein Stellvertreter: "Du sollst hier nicht nur schön schreiben, sondern auch schön mit mir ficken."

9. Ein "Silberrücken" 2015

Vor zwei Jahren unterhielt ich mich auf einer Vorweihnachtsparty mit dem Gastgeber, einem Silberrücken unter den Journalisten. Wir sprachen über Sigmar Gabriel, glaube ich, weil ich soeben ein Porträt über ihn geschrieben hatte. Plötzlich packte mir der Gastgeber an den Hintern. Einfach so, voll hingelangt. Und ich, die erfahrene "stern"-Autorin, habe nicht "Flossen weg!" gesagt, ich habe getan, als hätte ich es nicht bemerkt. Die Frau des Klemm-Chauvis stand nur zwei Meter neben uns.

Ist die Frage männlich-naiv: Warum verlassen Journalistinnen nicht einfach solch eine Macho-Redaktion? Der Verdacht liegt nahe: Wenn schon Männer in einer eher linken Redaktion zu Anzüglichkeiten und mehr neigen - wie ist es in anderen? Oder ist das "Vergreifen" keine Frage von rechts oder links, konservativ oder liberal, grün oder links?

Man solle eine "kleine Grenzverletzung lieber nicht an die große Glocke hängen", rieten Redakteurinnen der Autorin. "Stimmt! Es war das Argument, das ich seit 30 Jahren hörte", schreibt Ulrike Posche und endet mit dem Optimismus: "Das Schöne ist: Es war!"

Doch die Frage bleibt: Wer recherchiert diese Affären? Wer nennt die Namen und fragt die mutmaßlichen Täter? Oder gilt: Nestbeschmutzung dulden wir nicht? Und bleiben dabei: Schmutzig sind nur die anderen?

Der Autor

Paul-Josef Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Raues neues Buch "Luthers Sprach-Lehre" erscheint im Klartext-Verlag. Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier und Berlin.

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