Warum schreibt ein Ex-Chefredakteur einen Roman über einen Medienmanager, der als Auftragskiller arbeitet?

 

Bis zu seiner Pensionierung 2012 arbeitete Klaus B. Siegmeier 28 Jahre lang in der Chefredaktion des "Schwarzwälder Boten" - die letzten zwei Jahrzehnte davon als Chefredakteur. Nun legt er seinen Roman "Der Nebenjob" vor, in dem der Spitzenmanager eines Medienkonzerns als Auftragskiller unterwegs ist. Das wirft Fragen auf. kress.de hat sie dem 67-Jährigen gestellt.

kress.de: Ist Ihr Roman eine Abrechnung mit dem "Schwarzwälder Boten"?

Klaus Siegmeier: Nein, keineswegs. Wie kommen Sie darauf? Wir sind in großer Freude auseinandergegangen, und es gibt keine offenen Rechnungen. Ich freue mich einfach, dass ich jetzt Zeit finde, Bücher zu schreiben und Herr meines Terminkalenders bin. Das Vergnügen hatte ich 40 Jahre nicht.

kress.de: Aber wie kommen Sie als ehemaliger Chefredakteur dazu, einen Roman über einen Medienmanager zu schreiben, der als Auftragskiller arbeitet? Ist da wirklich kein Bezug zu Ihrer Vergangenheit?

Klaus Siegmeier: Nein, ich wollte bei meinem ersten Buch das Geschehen einfach in einer Branche spielen lassen, die mir vertraut ist. Und ich komme nun einmal aus den Medien. Deswegen habe ich die Handlung hier und nicht woanders angesiedelt.

kress.de: Und wie sind Sie nun auf die Idee gekommen, den tödlichen Nebenjob eines Medienmachers zu erzählen?

Klaus Siegmeier: Die Idee trage ich schon viele Jahre mit mir herum. Im Mediengeschäft läuft einem schon mancher über den Weg, dem man so etwas - zugespitzt gesagt - vielleicht auch zutraut. Man kann ja nicht alle mögen. Ich kam nur nie dazu, die Idee auch aufzuschreiben. Aber immer schon wollte ich Krimis und Thriller schreiben.

kress.de: Ist das Mediengeschäft inzwischen zu einem Haifischbecken geworden, in dem - im übertragenen Sinne - Menschen "gekillt" werden?

Klaus Siegmeier: Jein. Das mögen manche heute so empfinden und früher so empfunden haben. Aber jede Branche verfügt über fragwürdige Figuren, die sie in ein Haifischbecken verwandeln.

"Die Redaktionen marschieren alle in eine Richtung"

kress.de: Also alles paletti in den Medien?

Klaus Siegmeier: Das habe ich nicht gesagt, und das sehe ich auch nicht so. Dem Zeitungsgeschäft - und nur für das kann ich sprechen - schadet die Oberflächlichkeit, die durch die knappen Ressourcen entsteht. Ich wünsche mir mehr Recherche und mehr Sorgfalt. Und das geht eben nur mit Menschen, nicht mit Robotern.

kress.de: Dem Killer schreiben Sie ja durchaus liebenswürdige Eigenschaften zu, er ist eine ambivalente Figur. Dürfen wir das als einen Appell gegen das Schwarz-Weiß-Denken im Journalismus verstehen?

Klaus Siegmeier: Ganz sicher sogar. Die Entwicklung wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Gekippt ist die Lage 2000/2001, als viele Verlage in ein schwarzes Loch blickten und das Anzeigengeschäft drastisch zurückging. Wir haben ja heute nicht zu wenige Blätter - wir haben nur weniger Eigentümer. Und damit einher geht dieses Schwarz-Weiß-Denken. Die Redaktionen marschieren alle in eine Richtung.

kress.de: Inwiefern?

Klaus Siegmeier: Das können Sie bei den Flüchtlingen, bei der Euro-Rettung, beim Brexit, bei Trump, bei der Russland- und Ukraine-Berichterstattung doch deutlich sehen. Da fehlen die Grautöne. Und wer sie anmahnt, wer sich gegen den Mainstream stellt, der wird von Intoleranz doch geradezu erdrückt. Auch bei der Sex-Affäre um Weinstein geht alles in eine Richtung. Es wird verallgemeinert und dauert dann immer eine Weile, bis auch einmal eine kritische Stimme zu Wort kommt. Und die darf in diesem Fall dann auch nur eine Kollegin äußern, kein Mann. Früher war die Berichterstattung nicht so gleichlautend.

kress.de: Zurück zu Ihrem Buch: Wie viel von Ihnen steckt in der Hauptfigur, dem Killer im Nebenjob, Wolff von Rapp?

Klaus Siegmeier: Natürlich hat Wolff von Rapp ein wenig von mir mitbekommen. Seine Freude an Pferden und Hunden, an Sportwagen, gutem Essen und Trinken zum Beispiel. Auch altersmäßig liegen wir nicht weit auseinander. Nur: Einen solchen Nebenjob als Killer habe ich natürlich nicht (lacht).

kress.de: Trotzdem umgekehrt gefragt: Wie viel von Wolff von Rapp steckt in Ihnen?

Klaus Siegmeier: Wenn ich das so genau wüsste... Wenn ein Autor eine Figur erfindet, dann kann er sich distanzieren oder Nähe zulassen. Ich finde ihn nicht ganz unsympathisch - trotz seines Nebenjobs. Aber nein: Ich bin nicht Wolff von Rapp.

kress.de: Als Autor muss man sich ja nicht nur in der Branche - wie Sie vorhin gesagt haben -, sondern auch in den Städten, in denen der Roman spielt, gut auskennen. Dass Sie Ihre Heimatstadt Rottweil gewählt haben, ist nicht verwunderlich. Aber welchen Bezug haben Sie zu Kiew, wo ein Teil der Handlung stattfindet?

Klaus Siegmeier: Das war Zufall. Ich wollte nicht, wie in so vielen Büchern, die immer gleichen Hauptstädte London, Paris und Rom nehmen. Dann las ich in der Zeitung von einer Schießerei in einem gutbesuchten Restaurant in Kiew. Da dachte ich mir, dort passiert so etwas - dann nehme ich die Stadt auch für meinen Roman als einen weiteren Handlungsort.

kress.de: Sie haben also gar keine spezielle Beziehung zu Kiew?

Klaus Siegmeier: Richtig. Alles, was Sie in dem Kapitel über die ukrainische Hauptstadt finden, habe ich mir angelesen, und ich war dort natürlich auch virtuell unterwegs.

"Ja, ich würde auch heute noch einmal gern Journalist werden, aber..." 

kress.de: Noch einmal zurück zu Ihrer Medienkritik. Würden Sie unter den heutigen Bedingungen noch einmal Journalist werden wollen?

Klaus Siegmeier: Über die Frage habe ich schon lange gegrübelt. Sie wird ja vielen Ruheständlern gestellt. Der Beruf hat sich sehr verändert. Bedenken Sie: Als ich vor 40 Jahren angefangen habe, gab es noch den Bleisatz. Aber ich finde Journalismus immer noch sehr interessant, und er ist nicht gebunden an Papier. Tagesaktuelle Ereignisse darzustellen und sie einzuordnen, ist meine Leidenschaft, und für mich ist das nach wie vor reizvoll.

kress.de: Aber?

Klaus Siegmeier: Die Finanzierbarkeit journalistischer Arbeit ist viel schwieriger geworden. Und in den vergangenen 20 Jahren ist leider niemandem etwas Bahnbrechendes eingefallen, das Problem zu lösen. Die Paywalls sind ja nichts anderes als früher Abonnements. Um es kurz zu machen: Ja, ich würde auch heute noch einmal gern Journalist werden, aber die Frage wäre: Könnte ich von dieser Arbeit auch meine Rechnungen bezahlen?

kress.de-Tipp: Klaus B. Siegmeier, Der Nebenjob, 518 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro. Zu beziehen über: www.schreibkunst.net.

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