Die "Journalismus!"-Kolumne von Paul-Josef Raue: Heribert Prantl über Ombudsleute und die Interessen der Leser

 

Die Ombudsleute und Leserredakteure werden im Frühjahr eine Vereinigung gründen. In seiner "Journalismus!"-Kolumne erzählt Paul-Josef Raue von Heribert Prantl, der in München mit den Ombudsleuten sprach und klar machte: Die Kommunikation mit den Lesern hat eine hohe, wahrscheinlich sogar entscheidende Bedeutung für den Journalismus.

Heribert Prantl, Leiter des Ressorts Innenpolitik bei der "Süddeutschen Zeitung", der derzeit ein neues Meinungs-Ressort aufbaut, ist eine deutsche Journalisten-Legende zu Lebzeiten.

"Der Dialog mit dem Leser ist unglaublich wichtig. Er ist Zeitungs-Zukunftspolitik", ermutigte er die Ombudsleute und Leser-Redakteure von Zeitungen aus Deutschland und der Schweiz. Solche Bekenntnisse sind auch von Verlegern, Managern und Chefredakteuren zu hören, stets in Festreden, bei Verbandstagen oder Medientreffen. Doch Taten folgen selten.

Die Schar der Ombudsleute ist immer noch überschaubar, ein gutes Dutzend, mehr nicht; sie nennen sich Leseranwalt, Leser-Redakteur oder Ombudsleute, die Titel sind variantenreich. Auf Einladung von Tom Soyer  dem Leserredakteur der "SZ"-Lokalredaktionen, trafen sie sich bei der "Süddeutschen Zeitung" und beschlossen, im Frühjahr nächsten Jahres eine Vereinigung zu gründen und ins Vereinsregister eintragen zu lassen. Anton Sahlender, der Ombudsmann der Würzburger "Main-Post", ist als erster Präsident vorbestimmt.

"Was interessiert die Leser über die Leserbriefe hinaus?", fragte Prantl die Ombudsleute: Sie schreiben regelmäßige Kolumnen und erklären, wie Journalisten arbeiten, sie treffen sich in Beiräten und auf Foren mit den Lesern, wandern mit ihnen, um ins Gespräch zu kommen, gehen in Schulen und diskutieren mit Schülern. Reicht das? Erreicht man damit zumindest die Gutwilligen, die zwar kritisieren, bisweilen auch pöbeln, aber noch auf Argumente warten?

"Der Leser springt auf alles, was Meinung ist", ist Prantl überzeugt und erzählte von seinem Traum als Krönung seiner Journalisten-Laufbahn: Aufbau einer Meinungs-Redaktion in der "SZ", die im  kommenden Jahr wirklich werden soll. "In dieser Redaktion will ich alles bündeln", so Prantl, "was zur Zeit weit im Blatt verstreut ist. Mit der Bündelung wollen wir der Meinung noch mehr Kraft geben." So könnte die Seite 5 der Wochenend-Ausgabe, direkt der Meinungsseite der Redakteure gegenüber, zu einer Sammlung von klugen und überraschenden Kommentaren von Leser werden.

Solch eine Seite könnte auch die Leser beruhigen, die im Netz, aber auch in Briefen impulsiv reagieren – was auch Prantl bisweilen zu impulsiven Reaktionen verleitet. "Ich lass mich von Ihnen nicht als Arschloch rupfen", rief er einem Leser ins Telefon. Und wie hat der reagiert? "Es tut mir leid." Ombudsleute, so vermutet Prantl, dürften Erfahrung haben, um Leser zu beruhigen. Er selbst neige nach 20 "schweinischen Kommentaren von Lesern" dazu, auch mal zurückzuschlagen. Das sei wohl nicht dienlich.

"Schreiben wir denn nur für Rindviecher?", fragte Prantl und verneinte sogleich. Leserbriefe, online oder auf Papier, sind auch eine Selbst-Therapie: So schreiben sich Leser den Frust weg, die Angst, die ihnen sonst im Magen steckenbleibt. Prantl erlebt selten eine wilde Wut von Abonnenten der "SZ". "Die schlimmsten Stunden erlebe ich nach Talkshows wie bei Anne Will. Da schreiben Leute, die mich nicht aus der Zeitung kennen. Dann ziehe ich gerne die Schublade raus mit den Lobesbriefen und sage: Wir haben doch intelligente Leser."

Ein Leser sagte ihm: "Ihre Meinung teile ich selten, aber ich lese sie und lese sie gerne." Das sei die Aufgabe eines guten Kommentars, ermahnte er auch Journalisten, nicht allein Meinungen auszubreiten, sondern logisch und verständlich zu argumentieren; dazu gehöre auch, die Gegenthesen zu nennen und zu widerlegen – und genau zu schreiben: Warum habe ich recht?

"Sind Sie immer von Ihrer Meinung überzeugt?", fragte ein Ombudsmann leicht skeptisch. "Ja", antwortete Prantl, ohne zu zögern, "es gibt selten etwas, dass ich meine Meinung ändere." Und hat es gerade doch getan. Nach der Bundestagswahl hatte er gegen eine Große Koalition kommentiert, aber seine Meinung nach den Jamaika-Sondierungen geändert. "Da hatte sich auch die Geschäftsordnung verändert."

"Wir Journalisten müssen uns nicht anklagend das Hemd aufreißen", wandte sich Prantl gegen die neuerdings beliebte Selbstgeißelung von Redakteuren, die öffentlich bekennen, auf ihre Leser nicht gehört und sich nur in einer Blase von Gleichgesinnten eingelullt zu haben. "Es stimmt einfach nicht, dass wir uns nur in den höheren Schichten bewegen und ein inzüchtiges System pflegen."

Heribert Prantl, 64 Jahre alt, längst schon Bewohner des journalistischen Olymps, wäre der ideale Ombudsmann für die "SZ"-Redaktion – neben Tom Soyer, dem lokalen Leserredakteur. In ein paar Jahren, wenn sein letztes großes Projekt, die Meinungsredaktion, das Laufen gelernt hat, könnte er mitwirken an dem, was er den Ombudsleuten prophezeit hat: "Der Journalismus wird kraft Ihrer Wirkung in drei, vier Jahren ganz anders aussehen."

kress.de-Info: Heribert Prantl sprach vor sieben Jahren in einem Vortrag zu Qualität und Zukunft von  Zeitungen, gehalten bei der Jahrestagung von Netzwerk Recherche:

"Die Tageszeitung wird sich des Internets wegen verändern. Der Inhalt der Zeitung wird ein anderer sein, aber die Zeitung wird erst recht Zeitung sein: Die Texte, die dort stehen, werden Nachrichten im Ursinne sein müssen, Texte zum Sich-danach-Richten. Es wird Texte und Formen geben, die den Datentrash des Internets sortieren, ordnen, bewerten. Das kriegt man nicht umsonst, das kostet. Ein Billigjournalismus ist zum Wegwerfen, nicht zum Lesen.

Viele Zeitungsleute reden über das Internet wie von einem neuen Hunneneinfall. Die Hunnen kamen vor 1500 Jahren aus dem Nichts, schlugen alles kurz und klein und verschwanden hundert Jahre später wieder. Das Internet schlägt gar nichts kurz und klein.

Das ist die Lehre aus jeder mediengeschichtlichen Revolution: Kein neues Medium hat je die alten Medien verdrängt. Es kommt zu Koexistenzen. Das Internet ersetzt nicht gute Redakteure, es macht gute Journalisten nicht überflüssig; im Gegenteil: Es macht sie wichtiger als bisher.

Es wird mehr denn je gelten: Autorität kommt von Autor und Qualität kommt von Qual. Dieser Qualitäts-Satz meint nicht, dass man Leser und User mit dümmlichem, oberflächlichem Journalismus quälen soll. Qualität kommt von Qual: Dieser Satz verlangt von Journalisten in allen Medien, auch im Internet, dass sie sich quälen, das Beste zu leisten - und er verlangt von den Verlegern, dass sie die Journalisten in die Lage versetzen, das Beste leisten zu können."

Zum AutorPaul-Josef Raue war vor gut einem Jahrzehnt Ombudsmann der WAZ-Gruppe, er gründete Ombuds-Instanzen bei der "Volksstimme" in Magdeburg und der "Braunschweiger Zeitung". 35 Jahre lang war er Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Raues neues Buch "Luthers Sprach-Lehre" erscheint im Klartext-Verlag. Wenn er nicht schreibt und Ombudsleuten zuhört, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier und Berlin.

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