Die Widersprüche des "Bild"-Chefs

 

Julian Reichelt geht als Boulevard-Chefredakteur in der Berichterstattung über andere gerne an die Grenzen, in eigener Sache dagegen reagiert er ausgesprochen empfindlich.

Wer lange genug im engen Feld des Medienjournalismus arbeitet, weiß sehr genau, dass Journalisten widersprüchliche Wesen sind. Vieles, was sie über andere berichten, akzeptieren sie in eigener Sache nicht. Julian Reichelt, Chef der "Bild"-Gruppe, bringt es in dieser Widersprüchlichkeit zu einer gewissen Formvollendung, konnten wir zuletzt lernen.

In der vergangenen Ausgabe hatte "kress pro" über die Gehälter von Führungskräften in der Medienszene berichtet. Dabei schätzten wir nach intensiven Recherchen das Einkommen von Verlagsmanagern und Chefredakteuren. Einige der Betroffenen kommentierten die Schätzung informell, die meisten verzichteten jedoch auf einen Kommentar.

Julian Reichelt war der einzige Chefredakteur, der uns bat, auf eine Schätzung zu verzichten. Er argumentierte, dass eine Schätzung seines Gehalts das Risiko finanziell motivierter Straftaten gegen seine Familie erhöhen würde.

Wir konnten die Argumentation nicht nachvollziehen, boten aber ein informelles Gespräch an, um den Fall zu klären. Reichelt lehnte dies ab.

Die insgesamt neunseitige Geschichte erschien im Oktober, inklusive der Gehaltsschätzung des "Bild"-Chefs. Neben vielen anderen Zahlen ist die Bezahlung Reichelts auf exakt 13 Zeilen ein Thema: nüchtern und ohne die Eröffnung einer Neiddebatte. Also: nicht sehr boulevardesk.

Es war uns offen gestanden egal, ob sich Reichelt an der Schätzung stören würde. Eigentlich gingen wir aber eher davon aus, dass er mit dem Erscheinen des sachlich gehaltenen Gehaltsreports erkennen würde, dass seine Reaktion womöglich etwas überzogen war.

Das war ein bisschen naiv, wie sich wenig später am Rande der Medientage in München herausstellte. Als man Reichelt ansprach, wiederholte er die Kritik an der Schätzung und betonte erneut, dadurch werde seine Familie gefährdet. Er empfahl zudem, sich dazu beim Landeskriminalamt zu erkundigen.

Nun, das haben wir getan. Die Polizei in Berlin mochte aus "datenschutzrechtlichen Gründen" keine Auskunft geben und teilte lediglich allgemein mit, gefährdeten Personen werde empfohlen. "keine bzw. so wenig persönliche Daten wie möglich offen bekannt zu geben".

Wirklich erstaunlich an dem kurzen Gespräch in München war, dass Reichelt in seiner Argumentation offenbar keinen Widerspruch zur eigenen Berichterstattung in "Bild" sieht.

So schreibt das Boulevardblatt gerade im Sport gerne über die Gehälter von Fußballprofis. Eines von vielen Beispielen: Ende Mai berichtete man über das "Hammergehalt" des HSV-Stürmers Bobby Wood (3 Millionen Euro jährlich). Im September hieß es bei "bild.de": "Hammergehalt! - Lesen Sie mal, was ein ARD-Boss verdient" und thematisierte das Einkommen von WDR-Intendant Tom Buhrow (399.000 Euro jährlich). Im August schrieb "Bild" online ausführlich über die Reichstenliste des Wirtschaftsmagazins "Bilanz", das ebenfalls im Springer-Verlag erscheint. Titel: "Die Super-Reichen-Liste: Das sind 86 der 1.000 reichsten Deutschen".

Man darf wohl behaupten, dass die von Reichelt verantwortete Bild-Gruppe beim Thema Gehälter und Vermögen nicht durch besondere Zurückhaltung auffällt.

Man kann dem HSV-Stürmer Bobby Wood und 86 der 1.000 reichsten Deutschen nur raten, eine akute Bedrohung geltend zu machen, wenn sie künftig in Geldangelegenheiten nicht mehr in "Bild" erscheinen wollen. Gerne hätten wir Julian Reichelt in diesem Beitrag mit einigen ziemlich schmissigen Aussagen und einer deutlichen Kritik an "kress" zitiert. Nach einem längeren Mailwechsel blieb aber unklar, ob Reichelt seine Aussagen nun autorisiert hat oder nicht. Klar wurde hingegen, dass der "Bild"-Chef "kress pro" von einer Berichterstattung über sein Verhalten abbringen wollte.

Den Gefallen werden wir ihm allerdings auch künftig erst tun können, wenn er die Branche wechselt.

kress.de-Tipp: "Der große Gehaltsreport" ist in "kress pro"-Ausgabe 8/2017 (Oktober) erschienen. Die Ausgabe gibt es in unserem Shop als E-Paper oder gedruckt - und im iKiosk. Per E-Mail kann sie unter vertrieb(at)oberauer.com bestellt werden.

Die Geschichte von "kress pro"-Chefredakteur Markus Wiegand zu "Bild"-Chef Julian Reichelt findet sich neben vielen weiteren spannenden Storys, Cases, Rankings und Studien in "kress pro" 9/2017 (November). Die Ausgabe können Sie als E-Paper oder gedruckt - und im iKiosk erwerben. Per E-Mail können Sie sie unter vertrieb(at)oberauer.com bestellen.

"kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. "Zum "kress pro"-Abo.

Ihre Kommentare
Kopf

Robert Reisch

28.11.2017
!

Schade, dass Kress sich auf dieses Niveau begibt und den Kollegen Reichelt angeht. Wäre es nicht besser für Leser sich mit wichtigen Themen zu beschäftigen?


Leserin

28.11.2017
!

Ganz ehrlich - wen interessiert es was Kollege Reichelt verdient? Dass der Bild-Chef aber nicht unbedingt überall beliebt ist und demzufolge auch eine Gefährung bestehen kann, sollte Kress einfach mal akzeptieren.


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