Brexit-Blues - Abschied aus London: Wie sich die großen TV-Konzerne neue Firmensitze suchen

29.11.2017
 
 

Der drohende Austritt Großbritanniens aus der EU zwingt Multichannel-Networks wie Sky, Disney (Disney Channel), Discovery (Discovery Channel, Animal Planet, DMAX) und Turner (Cartoon Network, TNT Kanäle, CNN) dazu, sich nach alternativen Standorten umzuschauen. Laut einer Studie der britischen Beratungsfirma Expert Media Partners liegen die Niederlande dabei zwar vorne, doch Deutschland ist immer noch im Rennen.

Die Networks sind verwöhnt, denn London bietet ihnen noch bis März 2019 die besten Voraussetzungen in ganz Europa: Flexibles Arbeitsrecht, internationale Flugverbindungen, komplette Sender-Infrastrukturen, etablierte Arbeitsabläufe in der Postproduktion, eine gewachsene Produktionslandschaft, Fachleute aus allen europäischen Ländern und eine verhältnismäßig niedrige Körperschaftssteuer.

"Jedes andere Land hat mindestens eine wirklich Schwachstelle", sagt Adam Minns. "Deutschland ist interessant, weil der Marktumfang ähnlich ist." Doch Deutschland habe zwei Schwächen: seine Sprache und die starke Fragmentierung. In Deutschland ist nicht nur die Produktionslandschaft zwischen Köln, München, Hamburg und Berlin aufgesplittert, sondern auch die Medienregulierung. Das bedeutet, Sender müssen bei riskanten Geschäftsentscheidungen 14 Landesmedienanstalten statt eine zentrale Behörde von ihren Plänen überzeugen.

Dazu kommt die Sprache: In Berliner Cafés spricht man vielleicht Englisch, aber die Geschäftssprache bleibt Deutsch. Die Körperschaftssteuer liegt bedeutend höher als in Irland, und der digitale Ausbau ist noch nicht so weit vorangeschritten wie beispielsweise in Estland oder den Niederlanden. Dafür dürfen die Sender länger werben: Zwölf Minuten pro Sendestunde statt neun wie in Großbritannien. Rechtssicherheit und Stabilität sind hoch, qualifizierte Kreative, Produktionsfachleute und Techniker in den regionalen Medienballungsgebieten vorhanden. Und eine Zulassung zu beantragen dauert nur einige Wochen bis maximal sechs Monate.

Jede Region hat andere Vorzüge: Im Landkreis München konzentrieren sich die internationalen Fernsehfirmen. Roland Berger, Leiter der Medien- und Internetwirtschaft der Stadt Köln, hebt die technische Infrastruktur mit dem Sendezentrum Cologne Broadcasting Center hervor sowie die große Dichte an Produktionsfirmen und Studios. Das internationale Berlin biete, gerade im Vergleich zu London, verblüffend geringe Wohn- und Lebenshaltungskosten so Stefan Franzke, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsfirma Berlin Partner. Und: "Berlin ist und bleibt ein wichtiges, wenn nicht das wichtigste politische Zentrum in Europa."

Doch noch gibt es keine gemeinsame Strategie, die Global Players nach Deutschland zu holen. Amsterdam bemüht sich dagegen gezielt um die Multichannel-Networks und hat bereits Entgegenkommen signalisiert. Die Metropole wirbt mit dem nahegelegenen Flughafen Schiphol, dem drittgrößten Europas, und seinem Medienzentrum in Hilversum. Zwar gibt es aufwändige Regelungen zu Untertitelung und Quoten für Programme auf Holländisch und Friesisch. Doch andere Bereiche werden wiederum im Vergleich zu europäischen Mitbewerbern liberaler gehandhabt. Behördensprache ist (auch) Englisch. Und die Stadt hat bereits in englischsprachige Schulen für die Familien internationaler Mitarbeiter investiert. 

Nicht nur die globalen Multichannel-Networks werden in Zukunft wohl einen Bogen um Großbritannien machen. Amerikanische und asiatische Unternehmen verlassen sich seit dem EU-Referendum seltener auf London als Sprungbrett für den europäischen Markt und suchen nach Alternativen. Amsterdam ist laut Sebastiaan Meijer - Wirtschaftssprecher der Stadt - bereits im Gespräch mit einem asiatischen Medienunternehmen, das nach Europa expandieren möchte.

Und der Brexit bietet weitere Chancen: Globale Fernsehnetze sind zunehmend von personenbezogenen Daten und grenzüberschreitender Datenübermittlung abhängig. Die derzeitige Unsicherheit über diese rechtliche Situation könnte bei vielen Medienunternehmen und ihren technischen Dienstleistern den Ausschlag für einen Standortwechsel geben. Geschäftsführerin Sharon White der britischen Regulierungsbehörde Ofcom betonte kürzlich bei einer Rede in Brüssel: "Ein bedeutender Rundfunksender sagte, dass dies ein noch größeres Thema für die Kontinuität seines Betriebs sei als die Aufrechterhaltung des Herkunftslandprinzips."

Viele internationale Networks mit Programmverantwortung in London verbreiten ihre Programme bereits über das größte europäische Betriebszentrum Digital Media Centre DMC in Amsterdam, das Programmplanung, Qualitätskontrolle, Postproduktion und Sendeabwicklung aus einer Hand anbietet. Ob das allerdings auch nach dem Ausstieg Großbritanniens weiter so unproblematisch möglich ist, ist fraglich. Einen ähnlichen Service bietet das Cologne Broadcasting Center CBC der Mediengruppe RTL in Köln vor allem deutschen Sendern.

Forschungsleiter Guy Bisson von Ampere Analysis vermutet, dass Multichannel-Networks dies zum Anlass für Investitionen in IP-basierte Lösungen nehmen könnten, mit dem Ziel, ihre Fernsehkanäle rein aus der Cloud zu bestücken und zu senden. DMC ist einer der weltweiten Vorreiter dafür – einer der Vorzüge der niederländischen Hauptstadt. Laut Amsterdams Wirtschaftssprecher Sebastiaan Meijer kann die Metropole bereits das größte Wachstum von Rechenzentren in Europa und mit AMS-IX einen der größten Internet-Hubs der Welt vorweisen. 

Noch ungeklärt ist, wie sich der Markt für Produktion und Postproduktion nach dem Brexit verschieben wird, vor allem wenn mehr und mehr Medienfachleute aus EU-Ländern Großbritannien verlassen. Werden britische Inhalte weiter als europäisch gelten und damit den EU-Quoten gerecht? Oder lohnt es sich für englische Programmmacher ebenfalls, ihren Firmensitz in die EU zu verlagern, und was bedeutet das für den Produktionsstandort Deutschland?

Autorin: Uli Hesse, Journalistin und Filmemacherin.

 

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