Warum musste Horst Seidenfaden als "HNA"-Chefredakteur gehen?

 

Horst Seidenfaden (61) verlässt nach 15 Jahren als Chefredakteur die "HNA" in Kassel, die zur Ippen-Gruppe gehört. In der dürren Verlagsmitteilung ist von "einer einvernehmlichen Beendigung" zu lesen, was auf eine Kündigung seitens des Unternehmens schließen lässt. Warum? So rätseln auch die Redakteure, denen Seidenfaden am Dienstag in seiner letzten Redaktionskonferenz das Ende mitteilte. Teilnehmer berichten von einem emotionalen, nicht selten von Tränen begleiteten Abschied, als Seidenfaden die Redaktion durch ein Spalier applaudierender Redakteure verließ.

 

In der Redaktion geht offenbar die Sorge um, ein radikaler Sparkurs werde folgen. Diese Sorge nährt für die Redakteure die Verlagsmitteilung, in der nicht das Wirken des scheidenden Chefredakteurs kritisiert wird, sondern von "unterschiedlichen Auffassungen zur künftigen Geschäftsentwicklung" die Rede ist (kress.de berichtete). Redakteure vermuten: Der Verlag in München befürchtete intensive Gegenwehr von Seidenfaden gegen Stellen- und Niveauabfall und habe aus diesem Grunde den Chefredakteur vorsorglich entlassen.

"HNA"-Geschäftsführer Herbert Siedenbiedel zerstreut allerdings die Sorgen der Redaktion: "Es gibt keine Sparpläne für die Redaktion der 'HNA'. Die Ängste sind unbegründet", antwortet er auf eine Anfrage von "kress.de". Auch dementiert Siedenbiedel Gerüchte, die redaktionelle Berichterstattung sei der Grund des Ausscheidens von Horst Seidenfaden gewesen.

Seidenfaden zählte zu den besten Chefredakteuren in Deutschland, der konsequent das Netz als Chance für Journalismus und für Verlage begriff und die Redaktion crossmedial aufstellte, beginnend mit dem Volontariat. Neben dem Regio-Wiki, einer Art Google für Nordhessen, schuf er mit seiner Redaktion die App "Kassel live", in der Leser aktuell alles erfahren, was sich gerade in Kassel und der Region ereignet - von der liegengebliebenen Straßenbahn bis zu Entscheidungen im Stadtrat. In den vergangenen Monaten etablierte er zusammen mit Jens Nähler ein täglich aktualisiertes Lokal-Magazin im Netz: "Sieben", das vor einem Jahr als Online-Sonntagszeitung eingeführt worden war.

Auch die gedruckte Ausgabe verwandelte er: Als erste große Regionalzeitung beginnt die "HNA" schon auf der ersten Seite mit dem Lokalen. Diese Umstellung bescherte der "HNA" zumindest für einige Jahre eine stabile Auflage und immer noch eine zufriedene Leserschaft. Die Zeitung hat eine Auflage, mit den Partnerausgaben, von rund 190.000 und verliert durchschnittlich knapp drei Prozent.

Bei einem Symposium in Erfurt vor zwei Jahre kritisierte Seidenfaden Redakteure wie Manager: "Das Netz haben wir mindestens zehn Jahre lang komplett verschlafen in der gesamten Republik: Wir haben das Internet als Bedrohung und nicht als Chance empfunden." Er forderte eine Änderung des journalistischen Selbstverständnisses und schilderte die aktuelle Situation: "Mittlerweile werden wir als Redaktion von allen Seiten gejagt. Vorne entschwindet uns der Trend und hinten kommen die Wölfe Verleger und Geschäftsführer, die mit Blick auf die veränderten Renditen sagen: Kosten senken! Was heißt das? Weg mit dem Personal."

"Kassel Live", von Seidenfaden mitbegründet, meldet den Abschied nur knapp - und lässt eine Kommentierung nicht zu: "Wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt." Hat der Mut die Redaktion verlassen?

Ihre Kommentare
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Elron

02.12.2017
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Die Preise für Traueranzeigen erhöhen sich ab 01. Januar 2018. Die bisherige Vergünstigung für eine Zweitschaltung in einer HNA Regionalausgabe wird ab Januar statt mit 50% nur noch mit 20% rabattiert. Die Aufgabe einer Danksagung (nach Schaltung einer Trauernzeige) wurde bisher rabattiert mit 20%. Das ist ganz wegfallen.

Wirtschaftliche Gründe? Ach woher.


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