Ein ehrbarer Journalist: Ulrich Wickert zum 75.

 

JOURNALISMUS! Paul-Josef Raue gratuliert Ulrich Wickert nachträglich zum Geburtstag; am Samstag, 2. Dezember, wurde er 75. In seiner Kolumne erzählt Raue von einem Gespräch in Erfurt vor einigen Jahren - über Respekt und Vertrauen, Meinung und Haltung, das Kommunistische Manifest und Hajo Friedrich. Wickert wunderte sich, dass Journalisten selten loben. Das soll in dieser Kolumne ausnahmsweise anders sein.

 

Als ich Ulrich Wickert vor einigen Jahren Erfurt zeigte, eine der schönsten deutschen Städte, standen wir auf der Krämerbrücke und tranken einen Prosecco. Touristen, offenbar ein Klub älterer Damen, näherte sich uns langsam, die Köpfe reckend. Wickert sah sie, sah ihre Neugierde, sah ihr Zögern - und nickte ihnen zu. "Sie sind doch der Herr Wickert?", sagte eine, errötete leicht, plauderte munter drauflos, und alle freuten sich ihres Lebens, als sie bald weiterzogen.

Ob er, der überall erkannt wird, der Plauderei nicht überdrüssig sei, fragte ich. "Anfangs habe ich mich abgewandt", erzählte er, "bis ich merkte: Das bringt nichts und verärgert mich und die Menschen. Also gehe ich auf die Leute zu und spreche mit ihnen, kurz und freundlich. Menschen mögen, wenn sie respektiert werden."

Wer Ulrich Wickert auf einem Foto oder bei einer Lesung sieht, glaubt immer noch, ihn erst gestern Abend in den "Tagesthemen" erlebt zu haben. Das Fernsehen hat eine suggestive Kraft: Gesichter bleiben lebendig, wenn sie - weitgehend skandalfrei - länger als ein Jahrzehnt nahezu an jedem Abend zu sehen waren. Ulrich Wickert war 15 Jahre lang "das" Fernsehgesicht, war länger im Dienst, als Angela Merkel als Kanzlerin wirkt; nun das kann sich noch ändern.

Als die ARD "Mister Tagesthemen" in die Rente schickte, schrieb er weiter Bücher - gut dreißig sind es heute -, fuhr er durch Deutschland und las daraus, kümmerte sich um Kinder und ihre Rechte, vor allem die der Mädchen in den armen Ländern unserer Welt, gründete unter dem Dach des Kinderhilfswerks "Plan" die Ulrich-Wickert-Stiftung und gleich dazu den "Ulrich-Wickert-Journalistenpreis": Der ist einmalig in seiner Art, wird jährlich an Reporter verliehen für Texte, Hör- oder TV-Stücke über Kinderrechte und für Jugendliche, die in armen Ländern eigene Medien-Projekte entwickeln und so  für ihre Rechte streiten.

Wickert hat den Journalismus und die Journalisten stets an  den Werten gemessen, die sie zu wahren haben - und immer wieder verletzen. "Der Ehrliche ist der Dumme", hieß der Titel eines Buchs, das er schon vor gut zwanzig Jahren geschrieben hat. Darin beklagt er, der Mensch werde zur Nachrichtenware, die ethische Grenze werde zu oft gezielt überschritten - und er fordert ein ethisches Bewusstsein von allen Journalisten sowie einen Medienrat, der die journalistischen Schurken in die Schranken weisen und hohe Geldstrafen verhängen kann.

Wie jeder Moralist hat er mit dem Einwand zu leben, er hänge seine Prinzipien zu hoch und folge ihnen auch selber nicht immer und zu jeder Zeit. Gleichwohl hat Wickert immer wieder über die Moral der Journalisten öffentlich nachgedacht - beginnend in den siebziger Jahren, als die hohen Positionen in der ARD nach dem Parteibuch besetzt wurden. Was er von Journalisten forderte, lebte er selber vor: In seinen TV-Interviews beispielsweise ging er nicht aggressiv auf seine mächtigen Gäste zu, wie es auch heute noch einige Moderatoren schätzen.

"Eine der wichtigen Eigenschaften eines Journalisten sollte sein, Vertrauen zu schaffen", sagte er in unserem Erfurter Gespräch und erzählte eine Episode aus der deutschen Einheit.

Er war bei einer entscheidenden Stunde dabei, als sich der deutsche und französische Außenminister einigten, die Oder-Neiße-Grenze zu akzeptieren gegen Kohls erklärten Willen. "Der deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher vertraute mir, als ich Korrespondent in Paris war, ebenso wie sein französischer Kollege, der Außenminister Roland Dumas."

So durfte Wickert dabei bleiben, als sich die beiden plötzlich und ungeplant in Paris trafen; er blieb auch noch, nachdem der Kameramann den Raum verlassen hatte. "Setzen Sie sich doch zu uns", sagte Dumas, der deutsch sprach. Ulrich Wickert erzählt: "Ich konnte miterleben, wie Hans-Dietrich Genscher mit harten Worten die Ablehnung von Bundeskanzler Helmut Kohl kritisierte, die Oder-Neiße-Grenze als Westgrenze Polens öffentlich anzuerkennen -  und mit Dumas beriet, wie der französische Präsident Francois Mitterrand Druck auf Kohl ausüben könnte."

So vertrauensvoll Wickert seine Interviews führte - dies wurde zu seinem Markenzeichen -,  so übermütig war er bisweilen in seinem Leben. Als Student hatte er dem neuen Rektor der Universität Bonn seine Nazi-Vergangenheit öffentlich vorgeworfen. Er sollte von der Uni fliegen; Wolfgang Schmidt, der Dekan der philosophischen Fakultät, drohte mit seinem Rücktritt und rettete ihn so.

"Da habe ich gelernt, dass man mit seiner Meinung und Haltung in der absoluten Minderheit sein kann − und trotzdem den Mut haben soll, bei seiner Haltung zu bleiben."

Als Student war Wickert Mitglied der Humanistischen Studentenunion. Als ich ihn, halb scherzhaft, einen "heimlichen Kommunisten in seiner Jugend" nannte, lachte er. "Ich war dafür zu faul: ich habe das Kommunistische Manifest gelesen und fand darin vieles richtig. Aber vom ,Kapital' habe ich nur eine Seite gelesen. Das war mir zu anstrengend!"

Journalist wurde er eher zufällig: "Ich blieb nur wegen des regelmäßigen Einkommens", erzählt er; er blieb dabei, "wohl - ohne dass ich es bewusst als Lebensziel sah - weil es meiner tiefen Neigung entsprach".

Journalisten loben sich selten, stellt Wickert fest. "Vielleicht wird das von einer Mischung aus Konkurrenzneid und Eitelkeit verhindert", schreibt er in seinem Buch "Neugier und Übermut". Es war kein Zufall, dass Hanns Joachim Friedrich ein enger Freund wurde. Die beiden arbeiteten in New York als Korrespondenten, Wickert für die ARD, Friedrich fürs ZDF. "Keiner hat dem anderen je etwas geklaut. Auch das ist unter Journalisten ungewöhnlich. Wir haben uns sogar ausgeholfen." Und noch eines hat Wickert von Hajo Friedrich gelernt: Auch leichte Themen zu schätzen, denn: "Das Leichte muss nicht seicht sein."

Info

Wickerts Buch "Nie die Lust aus den Augen verlieren" ist gerade erschienen (Hoffmann und Campe, 448 Seiten, 22 Euro): Ein Sammlung von Essays aus 35 Jahren über Wickerts Lieblingsthemen: Werte und Aufklärung.

Darum geht es auch in "Medien: Macht & Verantwortung",  das im vergangenen Jahr erschienen ist (Hoffmann und Campe, 160 Seiten, 16 Euro).

Der Autor

Paul-Josef Raue lernte Ulrich Wickert in der Wickert-Journalistenpreis-Jury kennen, zu der er seit der Gründung zählt. Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Raues neues Buch "Luthers Sprach-Lehre" erscheint im Klartext-Verlag. Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier und Berlin.

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