"May Day" und "Leyen-Spiel": Die Schlagzeilen des Jahres

 

JOURNALISMUS! Seit acht Jahren wählt eine Jury des "Verein Deutsche Sprache" die "Schlagzeile des Jahres". Paul-Josef Raue fragt in seiner Kolumne: Nach welchen Kriterien wählt die Jury aus? Hat sie den normalen Leser im Blick? Oder nur die Rotwein-Runde gebildeter Zeitgenossen, die sich abends amüsiert über "A Lidl bit crazy"? Was ist überhaupt eine gute Überschrift?

Es gibt nichts, was schwieriger ist, als eine Überschrift. Die Welt ist kompliziert oder komplex oder beides, die Überschrift darf beides nicht sein: Sie fasst die Wirklichkeit in wenige Zeichen, manchmal in gerade mal elf. "1:0 verloren" - titelte die Redaktion der "Süddeutschen Zeitung" am Tag nach der Bundestagswahl 2017, die dramatisch war, unübersichtlich, eben komplex.

"Gibt es eine treffendere Zusammenfassung dieses für Angela Merkel so zweideutigen Wahlerfolgs?", meinten vier Wissenschaftler und zwei Journalisten, die die Jury der Aktion "Schlagzeile des Jahres" bilden, und wählten sie zum Sieger. Nur - darf die Überschrift über einem Bericht, über einem Aufmacher kommentieren? Darf sie sogar ironisch sein - was lange ein Markenzeichen der "taz" und des Boulevards war?

Wer eine kommentierende Überschrift in der Zeitung grundsätzlich ablehnt, muss die Frage beantworten: Wie sieht eine objektive aus? "CDU gewinnt Bundestagswahl" - eine solche Zeile dürfte ein Publikum langweilen, dem das Ergebnis schon seit Stunden bekannt ist.

Wahrscheinlich gelten manche Regeln in Zeiten der schnellen Nachrichten nicht mehr. Die Redaktion muss in der gedruckten Zeitung, im analogen Reservat, überraschen, muss den Leser verführen: Warum lohnt sich die Lektüre des Aufmachers? Nur wenn er mehr bringt als die Wiederholung, wenn er analysiert, neue Einsicht vermittelt, zum Nach- und Mitdenken verführt - und sei es über den Ärger, den eine kommentierende Überschrift bereitet.

Viermal konnte sich die "Süddeutsche Zeitung" unter den besten zehn Schlagzeilen platzieren, sie hat die Überschrift zur Meisterschaft entwickelt, sie überragt alle anderen Redaktionen. "Bild" errang einst mit "Wir sind Papst" und anderen Schlagzeilen die Meisterschale, in diesem Jahr taucht das Boulevard-Blatt auf Platz 28 der Schlagzeilen-Rangliste auf; die "taz" war nicht einmal nominiert.

Auch den zweiten Platz holt die "Süddeutsche". "May Day" lautete die Schlagzeile am 10. Juni, nachdem die britische Regierungschefin Theresa May bei der Unterhauswahl viele Sitze, viel Prestige und wahrscheinlich ihre politische Zukunft verloren hatte.

"May Day" ist keine kommentierende Überschrift  "May Day" ist ein Spiel mit der Sprache: "Mayday" funken die Kapitäne, wenn ein Flugzeug abzustürzen oder ein Schiff zu sinken droht. Der Notruf ist international eingeführt, aber in der Alltagssprache weniger geläufig als das "SOS". Aber muss eine Überschrift nicht sofort verständlich sein? Wer holt sich schon ein Lexikon, wenn er die "Süddeutsche" in die Hand nimmt?

Wie viele Leser haben das Sprachspiel verstanden? Die "SZ" ist nicht nur eine Zeitung der gebildeten Stände, sondern auch eine Regionalzeitung mit etlichen Lokalredaktionen in Bayern. Während manche Leser rätselten, hat die Jury ihre Freude gehabt an dem Spiel mit May und der Not - wie auch an dem "Spiegel"-Titel vom 10. Mai über die Verteidigungsministerin: "Das Leyen-Spiel".

Das "Nachrichten-Magazin" kommentiert routinemäßig in ihren Schlagzeilen - und spielt mit der Sprache. "Das Leyen-Spiel" kann man als "Laienspiel" verstehen: So wird der Titel zur zynischen Abrechnung mit einer unbeliebten Ministerin: Das ist so von der Redaktion gewollt und dürfte eine Verbeugung vor der Leserschaft sein, die ähnlich denke (denkt die Redaktion).

Was der Jury gefiel, fiel bei den Käufern durch. Nur eine Ausgabe in der Geschichte des "Spiegel" hatte bis dahin noch weniger verkauft: "Das Leyen-Spiel" war ein Flop. Lag es am Titel? Oder am Bild, das Ursula von der Leyen mit Stahlhelm zeigt? Oder an der Unterzeile mit zwei wertenden und überflüssigen Adjektiven: "Der eitle Kampf der Verteidigungsministerin gegen ihre skandalreiche Truppe"? Nichts regte die Käufer an: Offensichtlich war die Kritik zu plump  selbst für eingefleischte "Spiegel"-Leser - aber eben nicht für die Juroren.

Die erste Regel für eine Überschrift lautet: Der Leser muss sie verstehen können!  Gegen diese Regel verstößt der "Spiegel"-Titel nicht, aber die "May Day"-Spielerei der "SZ" dürfte manchem auf den ersten Blick ein Rätsel aufgegeben haben. Doch die Überschrift sieht der Leser erst auf den zweiten Blick: Der erste geht auf das Bild. Theresa May auf dem Bild, "May Day" im Titel - das funktioniert.

Bild, Überschrift und Unterzeile bilden eine Einheit, die fast jeder Leser zumindest überfliegt, um zu entscheiden, ob er weiterliest. Eine Überschrift kann man nur isoliert betrachten, wenn dem Artikel weder Foto noch Grafik beigestellt ist.  Stimmen Bild und Überschrift nicht überein, lesen die meisten nicht einmal mehr die Unterzeile: Die Redaktion hat die Leser vergrault. Sozialpsychologen nennen das Phänomen, wenn Unvereinbares zusammenkommt, eine "kognitive Dissonanz"; Journalisten sprechen von der Text-Bild-Schere.

Sehen die Leser den Labour-Chef auf dem Bild und "May Day" im Titel, dann sind sie verwirrt und verstehen weder die Welt noch ihre Zeitung. So sollte die Wahl zur Schlagzeile des Jahres auch die Umgebung betrachten, Foto und Unterzeile, sie sollte die Lesegewohnheiten beachten - bei aller Liebe zum Spiel mit der Sprache.

Das Spiel mit der Sprache ist keine Domäne der Magazine und  nationalen Zeitungen, auch Redaktionen von lokalen und regionalen Zeitungen treffen sich abends zur Überschriften-Konferenz.

Vorbildlich war die Rhein-Zeitung in Koblenz, deren Chefredakteur Christian Lindner die stärksten Zeilen auch twitterte: Die "Hall of Fame" der Schlagzeilen. Unter dem Hashtag #rzHeadlines  sind sie noch zu lesen - wie Nummer 1302: "Revolution in der Hosentasche"  zu einem Artikel auf der Titelseite zu zehn Jahre "iPhone". Die Nummer 1320 war eine besondere: "Minister wollen die Sau rauslassen" auf der Wirtschaftsseite über die Probleme bei der Schweinehaltung. Nach 1320 entließ der Verleger seinen Chefredakteur, seitdem gibt es keine neuen Einträge. Ob die Entlassung mit #rzHeadlines in Verbindung steht, ist nicht bekannt.

Nur zwei Regionalzeitungen tauchen unter den 30 Schlagzeilen des Jahres auf: Die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" (vier Mal) und die "Berliner Zeitung" (ein Mal). Dies belegt keineswegs die sprachliche Unlust oder gar das Unvermögen der Redakteure in der Provinz, sondern verweist auf die Schwächen der Vorauswahl: Gerade mal 56 Vorschläge aus 15 Zeitungen und Magazinen lagen der Jury vor.

Sind solche Sprach-Wahlen überhaupt sinnvoll? Ja, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind: Die eine - Leser beteiligen sich; die zweite - die Entscheidung wird im Blatt und darüber hinaus diskutiert. Vorbildich geschieht dies Jahr für Jahr nach der Wahl des "Wort des Jahres". Die Jury der "Gesellschaft für deutsche  Sprache" entschied sich vor einigen Tagen für "Jamaika-Aus", prompt kommentierte "SZ"-Redakteurin Kathleen Hildebrand: "Was für eine feige Entscheidung". Sie hätte lieber "Obergrenze", den Hashtag "#metoo" oder "Ehe für alle" auf dem ersten Platz gesehen, findet, "Jamaika-Aus" sei ein "fatales Signal" und "die Entscheidung ein Zeichen dafür, wie ängstlich inzwischen in Deutschland debattiert wird".

So wird die Sprache, zumindest die Medien-Sprache, zum Thema - wie auch beim Unwort des Jahres, das in einigen Wochen wieder zu reichlich Kontroversen führen wird. Die Vorschläge kommen von den Bürger, die im Netz aufgefordert werden:

"Die sprachkritische Aktion basiert auf dem Interesse und auf der Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger. Jede und jeder kann zum 31.12. eines jeden Jahres schriftlich Unwortvorschläge an die Jury einreichen (bitte mit kurzer Begründung und Quellenangaben!). Die Jury 'kreiert' also keine Unwörter, sondern wählt nach gemeinsamer Diskussion begründet aus den aktuellen Einsendungen aus."

Die "Braunschweiger Zeitung" bat ihre Leser um Vorschläge für das "Wort des Jahres", die sie auch in der Zeitung veröffentlichte: gelindnert, gelieberknechtet (auf den Trainer von Eintracht Braunschweig anspielend), Groko, Schwampel, Trumpeltier, Dieselgate - und "Jamaika", das meistgenannte Wort. Mit diesen Leser-Wettbewerben startet keine Massenbewegung: 35 Leser machten in Braunschweig mit; aber die Redaktion beginnt schon vor der Jury-Entscheidung mit einer Debatte über unsere Sprache.

Eine heitere Variante denkt sich der Deutschlandfunk aus. Am Ende des Jahres prophezeit die Redaktion die Schlagzeilen des kommenden Jahres. Das waren einige für 2017:

Mai 2017 Fake-news-Wahlkampf in NRW mit überraschendem Ergebnis - 19-jährige Programmiererin aus Nowosibirsk wird neue Ministerpräsidentin in Düsseldorf. 
 
Juni 2017 Nach Meistertitel für RB Leipzig - Uli Hoeneß meldet sich freiwillig in der JVA Landsberg zurück.

Juli 2017 "Make Germany great again" kommt nicht an - Aufstand der AfD-Basis gegen "ausländisch klingende Parole" ihrer Partei.

September 2017 "Noch zu früh" - Einen Tag vor der Bundestagswahl lässt Seehofer Unterstützung der CSU für Merkel weiter offen.

Oktober 2017 Zweifel an Stockholmer Akademie wachsen - Nach Bob Dylan geht Literaturnobelpreis an "Wildecker Herzbuben". 

November 2017 Weltweite Empörung über Zeremonie in Istanbul - Erdogan schließt in einer Feierstunde letzte Zeitungsredaktion.

Was ist nun eine gute Überschrift? Erstens muss sie jeder verstehen, zweitens muss sie mit dem Foto übereinstimmen, drittens das Thema  zumindest andeuten, viertens korrekt sein in Aussage, Rechtschreibung und Grammatik, fünftens Bäh-Wörter meiden (wie Verpflichtungsermächtigung) und sechstens so attraktiv sein, dass sie zum Lesen des Artikels verführt. Ob sie kommentieren darf, übertreiben oder Fragen stellen darf oder einfach verspielt sein - das hängt von den Lesern ab, die man erreichen will oder muss, von der Zeitung (die "taz" titelt anders als der "Bayernkurier" oder die "Südwest-Presse") und den Vorlieben des Chefredakteurs. Wie lautete nochmal die letzte Schlagzeile, im Tweet verewigt, des Chefredakteurs vor dem Rauswurf: "Minister wollen die Sau rauslassen".

Info - Die Schlagzeilen des Jahres 2017

Die Jury besteht aus vier Professoren: Tübinger Rhetorikprofessor Gert Ueding, die Sprachwissenschaftler Helmut Glück aus Bamberg und Horst Haider Munske aus Erlangen, Walter Krämer als Vorsitzender des "Vereins Deutsche Sprache" und aus den beiden Journalisten Wolf Schneider und Franz Stark.

Die 30 höchstbewerteten Schlagzeilen sind auf den Netzseiten des Vereins Deutsche Sprache (pdf-Datei) zu finden. Dies sind die ersten zehn:

  1. 1:0 verloren (Über Angela Merkels zweideutigen Wahlerfolg, SZ, 25. September 2017)

  2. May Day (Über die Fehlkalkulation der britischen Premierministerin bei den vorgezogenen Wahlen, SZ, 10./11. Juni 2017)

  3. Das Leyen-Spiel (Über die Verteidigungsministerin und ihre Truppe, Der Spiegel, 10.5.2017)

  4. Schiene con Carne / Liebloses Essen, frustrierte Kellner, veraltete Technik verärgern die Gäste - und die Bahn zahlt auch noch drauf. (Der Spiegel, 11.3.2017)

  5. A Lidl bit crazy (über die wechselseitigen Parodien der Supermärkte im Internet, SZ, 14.9.2017)

  6. Liberté, Egalité, Fragilité (Über Frankreich nach der 1. Runde der Präsidentschaftswahlen, Der Spiegel, 29.4.2017)

  7. Einmal die Elf, bitte!- Mit gigantischen Summen lockt China Topspieler ins Reich der Mitte (Hannoversche Allgemeine Zeitung, 24.1.2017)

  8. Humboldt Humboldt Humboldt tätärä  (Die Welt, 22.6.2017)

  9. In Phoenix aus der Asche - Präsident Trump zu Besuch in Arizona (FAZ, 23.8.2017)

  10. Alles in Luther (Bericht von der großen Abschluss Feier zum Reformationsjahr in Wittenberg, SZ am 2.11. 22)

Der Autor

Paul-Josef Raue war ein Mal für die Wahl zum "Sprachwahrer des Jahres" nominiert, organisiert von der Zeitschrift "Deutsche Sprachwelt". In der Online-Abstimmung fiel er durch, konnte nur wenige überzeugen. Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus; sein neues Buch "Luthers Sprach-Lehre" erscheint im Klartext-Verlag. Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier und Berlin.

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