"Wir fragen unsere kressköpfe": Timo Schneckenburger über schärferes Fernsehen und einsame Berghütten

 

Er sitzt bei HD+ in München-Unterföhring, einer Tochterfirma des großen Satellitenbetreibers SES, an den Schalthebeln der Zukunftstechnik und jongliert leichthändig mit den Buzz-Words der Branche wie UHD- und HDR-Fernsehen. Und doch fühlt sich Timo Schneckenburger, Geschäftsführer Marketing und Vertrieb von HD+, sehr geerdet, wenn er durch den Schnee vor seiner Skihütte hoch über dem Zillertal stapft.

kress.de: Herr Schneckenburger, Sie haben selbst mit dem Produzieren bzw. dem Beauftragen von Ultra-HD-Material begonnen. In wie weit ist das derzeit noch aus der Not geboren?

Timo Schneckenburger: Tatsache ist, dass zum Start von UHD1 by HD+ vor zwei Jahren nur relativ wenig in Ultra HD produziertes Material vorhanden war – wie der farbenprächtige Frosch oder die herunterrinnenden Tropfen auf einem Blatt im Urwald. Aber der Zuschauer zuhause, der seinen neuen - in der Regel großen - Fernseher anschaltet, möchtet natürlich mehr sehen. Wir haben aus dieser Situation eine Tugend gemacht und zum Start viele Inhalte produzieren lassen oder von Partnern wie Spiegel TV Wissen oder MarcoPolo lizensiert. Es war allerdings unser Ziel, auch diejenigen Formate in UHD zu zeigen, die Abend für Abend die Zuschauer vor die TV-Geräte bannen. Also Genres und Titel, die insbesondere von den Sendern gezeigt werden, die wir auch in unserem Sender-Paket in HD abbilden. Das haben wir geschafft: Es gab bereits Parallelausstrahlungen mit Nitro, DMAX oder Deluxe Music und RTL II. Davon profitieren nicht nur die Zuschauer. Das ist gleichzeitig die Gelegenheit für Produzenten und Sender, Erfahrungen für das Fernsehmachen in einer neuen Bildqualität zu sammeln.

kress.de: Sie lassen unter anderem gestochen scharfe Musik- und Unterhaltungsformate produzieren. Wie wählen Sie dabei aus, und welche Fernsehformate eignen sich besonders gut für Ultra-HD?

Timo Schneckenburger: Immer öfter kommen sowohl Produktionsfirmen als auch Senderpartner auf uns zu und schlagen uns Themen und Formate vor. Natürlich sind bildgewaltige Themen prädestiniert für UHD. Aber wir wissen durch Studien, dass HD-Zuschauer im Vergleich zum SD-Empfang grundsätzlich viel intensivere Emotionen mit HDTV erleben. Für UHD-Inhalte gilt das unabhängig vom Genre umso mehr.

kress.de: Wie schätzen Sie aktuell das Potenzial von Ultra-HD-Fernsehen in Deutschland ein und was muss geschehen, um die breite Masse von Geräte-Käufern und letztlich auch Abonnenten zu erreichen?

Timo Schneckenburger: Im Weihnachtsgeschäft ist fast jeder zweite TV bereits ein UHD-Fernseher. Die Hersteller setzen darauf, der Zuschauer will die bessere Qualität, der Handel profitiert. Natürlich ist das Angebot an Sendern mit UHD-Inhalten noch überschaubar. Aber das wird sich ändern. Und wir packen dafür selbst mit an und launchen am 13. Dezember Travelxp 4k als UHD-HDR-Kanal. Ein großartiger Sender, der den Zuschauer in die ganze Welt entführt. An die wunderbarsten Ecken. In Ultra HD und dem so getauften "High Dynamic Rate". Dahinter steckt, dass sie die Bilder mit noch mehr Farbvielfalt und Kontrasten erleben werden: Gold sieht zum ersten Mal aus wie Gold. Der UHD-Zug nimmt also Fahrt auf. Bis dieser Zug in der Masse angekommen ist, bietet HD die beste Möglichkeit für wahrhaft intensive Fernseherlebnisse.HD+ Nutzer schöpfen dabei aus dem vollen, da sie nicht nur UHD-Kanäle wie UHD1 und Travelxp empfangen, sondern in erster Linie aus mehr als 50 Sender in HD-Qualität wählen können.

kress.de: Wie groß ist aus Ihrer Sicht die Kooperationswilligkeit der Sender?

Timo Schneckenburger: Die Sender sind da sehr aufgeschlossen. Mit Nitro haben wir das "Autoquartett" und mit DMAX die "Männer der See" parallel zur Erstausstrahlung auch auf UHD1 gezeigt. Gemeinsam mit Deluxe Music haben wir bereits eine ganze Reihe von Music Sessions mit Künstlern wie Rag'n'Bone Man, Olly Murs, Wyclef Jean oder Hurts in UHD-Qualität produziert, mit MTV das Unplugged Konzert mit Peter Maffay gleichzeitig auf UHD1 ausgestrahlt. Auch zu den diesjährigen EMAs gibt es erstmals eine UHD-Variante. Zuletzt waren die "Reimanns" in ultrascharfer Qualität parallel zu RTL II zu sehen. Und 2018 wird noch viel aufregenden: Wir starten noch Anfang 2018 mit dem neuen Serienhighlight "Sankt Maik" von RTL in UHD/HDR. Das wird ein regelrechtes RTL UHD-Event. Als ich die ersten Ausschnitte in dieser neuen Produktionsqualität erlebt habe, hat mich das tief beeindruckt. Das ist ein toller Auftakt für 2018. Aber eben auch nur der Auftakt: Wir werden die Attraktivität von UHD1 und damit von UHD generell mit einer Vielzahl von Parallelausstrahlungen weiter ausbauen. Und warum nicht bald auch ein Sportevent...

kress.de: In wie weit ergibt sich für Ihr Unternehmen aus dem Beauftragen von Produktionen auch neue Geschäftsmodelle? An wen können Sie Ihre "scharfen" Inhalte weiter lizensieren?

Timo Schneckenburger: Das ist nicht unser Ziel. UHD1 ist ein Demokanal, um den Sendern die Möglichkeit zu geben, ihre Pilotformate in UHD einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen und die Möglichkeiten und Herausforderungen bei der Produktion testen zu können. Damit wollen wir grundsätzlich die Begeisterung für UHD-Inhalte steigern, den in diesem Fall stimmt die Aussage "seeing is believing". Wenn es uns damit gelingt die Entwicklung von UHD zu beschleunigen, dann haben wir unsere Position als Vorreiter beim Thema Bildqualität gefestigt. Also profitieren neben unseren Partnern und den Zuschauern auch wir selbst.

kress.de: Mit welchen Ideen können Produzenten, die an Sie herantreten, für Sie gewinnen?

Timo Schneckenburger: Da sind wir völlig offen. Wir lassen uns gerne von ungewöhnlichen und inspirierenden Ideen überraschen. Voraussetzung ist allerdings, dass sie einen kommunikativen Buzz ermöglichen, damit wir das Thema UHD weiter entwickeln können.

kress.de: Wie aufwändig ist in technischer Hinsicht eigentlich eine Ultra-HD-Produktion und wie schwer ist es etwa, die Protagonisten für eine neuartige Maske und Make-up zu gewinnen?

Timo Schneckenburger: Abgesehen vom UHD-Equipment in der Produktion oder weiteren Entwicklungen wie HDR, muss man mit riesigen Datenmengen in der Postproduktion umgehen können. Auch in der Bildsprache ändert sich: Bei Konzerten können sie zum Beispiel durch die hohe Schärfentiefe bei UHD Gesichter erkennen, die 25 Meter weit weg von der Bühne stehen. Da möchte das Auge einen Moment verweilen und keine schnellen Schnitte - und auch keinen Nebel. Die Maskenbilder - und übrigens auch die Kosmetikindustrie - haben sich bereits auf den neuen Standard eingestellt. Da alle Protagonisten möglichst gut aussehen wollen, ist hier wohl eher wenig Überzeugungsarbeit nötig...

kress.de: Zuletzt haben Sie kurz vor Bundesliga-Start mit der Weiterverbreitung der Freitagsspiele über Satellit für Aufsehen gesorgt. Wie fühlt das sich für das Unternehmen an, wenn Sie Eurosport aus der Ausschreibungspatsche geholfen haben?

Timo Schneckenburger: Nun, wenn der Steilpass kommt, musst du laufen: Wir haben nicht auf die Bundesliga gewartet. Aber manchmal öffnen sich im Leben wie im Geschäftsleben Zeitfenster, die man nutzen kann oder auch nicht. Wir haben uns dafür entschieden, unseren heutigen und künftigen Kunden ein attraktives Angebot zu unterbreiten, und sorgen damit auch dafür, dass viele Fußballfans nichts verpassen.

kress.de: Welche Chancen – und unternehmerischen Risiken – rechnen Sie sich durch den exklusiven Fußball-Content aus?

Timo Schneckenburger: Für uns ist die Kooperation mit Eurosport eine wichtige Weichenstellung. Erstmals bietet HD+ über sein Free-TV-HD-Angebot hinaus auch exklusive TV-Inhalte an. Bundesliga live gehört zu den Highlights im deutschen Fernsehen. Durch die attraktive Preisgestaltung und faire Rahmenbedingungen, wie die monatliche Kündigungsfrist, schnüren wir ein Bundesliga-Pay-TV-Angebot, das für ein breites Publikum attraktiv ist. Über die bestehenden drei Millionen HD+ Haushalte hinaus erschließen wir als führender HD-Anbieter über Satellit für Eurosport 2 HD Xtra ein technisches Potenzial von knapp 18 Millionen Haushalten in Deutschland.

kress.de: Wenn Sie auf Ihre eigene bisherige Karriere zurückblicken, aber auch die umfangreichen persönlichen Branchenkontakte: Wo haben sie am meisten gelernt und was hilft beim Tagesgeschäft am meisten?

Timo Schneckenburger: Ich hatte immer das Glück, mit sehr inspirierenden Menschen zusammenarbeiten zu dürfen. Menschen, die mir große Freiräume gelassen haben und über das Ziel und nicht die Aufgabe geführt haben. So habe ich viel lernen können und tue das heute noch jeden Tag. Was mir im Tagesgeschäft am meisten hilft? Ich schaue von meinem Schreibtisch auf zwei große Fotos, die ich in China auf einem Markt aufgenommen habe. Das eine zeigt einen hart arbeitenden Menschen, der in riesige Fässer mit Fischabfällen greift. In den Fässern fermentiert Fischsauce und man hat den Gestank förmlich in der Nase – selbst hier in meinem Büro in Unterföhring. Doch es ist die Genese eines Produktes, das die Basis für eine Unzahl von köstlichen Gerichten darstellt. Das zweite Bild entstand nur wenige Meter von den Fischsaucen-Fässern entfernt. Es zeigt eine sehr alte Dame, die mit geschlossenen Augen auf einem Stuhl sitzt und sich ausruht. Die Dame strahlt so viel Gelassenheit, Würde und Herzlichkeit aus. Ich empfinde sie – auch wenn ich sie nicht gesprochen habe – als Vorbild.

kress.de: Mehrere Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten, erfordert Kraft, Geschicklichkeit und einen beweglichen Geist: Wie laden Sie eigentlich Ihre Batterien immer wieder auf?

Timo Schneckenburger: Insbesondere auf meiner recht einsamen Hütte im Zillertal auf 1.100 Metern. Gerade im Winter. Von den vier Köpfen meiner Familie bin ich der Frühaufsteher. Morgens heize ich zuerst den einzigen Ofen in der Stube ein und gehe dann zum Bauern runter und hole die noch warme Milch. Auf meine stets gleiche Frage an Johann, unseren Bauern, nach dem "Wie geht’s Dir" antwortet er stets mit "Zfriedn sein". Wenn ich dann wider hochstapfe, haben meine beiden Töchter den Kaffee gebrüht. Und wenn die Hütte dann nach Kaffee duftet, schält sich meine Frau aus den Federn. Und dann stehe ich auf der Terrasse und schaue aufs Zillertal und denke mir "Life is good". Klingt kitschig, ist aber so.

kress.de: Sie haben seit kurzem ein "kressköpfe"-Profil angelegt. Wie wichtig ist es für die Arbeit in Ihrem Netzwerk?

Timo Schneckenburger: Natürlich ist ein Netzwerk wichtig. Aber – mit Verlaub – noch wichtiger als institutionalisierte Plattformen sind natürlich die persönlichen Begegnungen. Gerade auch bei einem guten Essen und dem einen oder anderen Glas Rotwein.

kress.de: Mit welchen Geschäfts- oder Kooperationspartnern, Querdenkern oder Kreativköpfe würden Sie sich – idealerweise über die "kressköpfe" – gerne einmal zu einem Mittagstermin verabreden?

Timo Schneckenburger: Ups, da sind so viele, dass mir eine Auswahl wirklich schwerfallen würde.

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