Wie "Lesewert"-Coach Dietrich Nixdorf Redaktionen schult

18.12.2017
 

Er hat gemeinsam mit Redaktionen Abertausende Artikel ausgewertet und befasst sich mit Fragen wie "Was ist die Perspektive, die dem Leser am nächsten ist", "Wie lassen sich gut gelesene Geschichten ausbauen". Der ehemalige Reporter und Blattmacher der "Sächsischen Zeitung", Dietrich Nixdorf, arbeitet als "Lesewert"-Coach. 

"Vater beschließt zu sterben", heißt der Text auf Seite 3 der "Sächsischen Zeitung", der so eindringlich wie behutsam die Geschichte des Freitodes von Georg (85) und Elisabeth Richter (86) erzählt. Es ist ein trauriger Artikel - und doch ein ungemein lesenswerter.

Und deshalb einer, der Dietrich Nixdorf die Arbeit erleichtert. Positive und emotionale Beispiele sind immer hilfreich. Bis zu 90 Minuten pro Tag steht er telefonisch Redaktionen zur Verfügung, deren Zeitung mit "Lesewert" gemessen wird. "Wie relevant ist ein Thema für das Publikum? Was ist die Perspektive, die dem Leser am nächsten ist? Wie lassen sich gut gelesene Geschichten ausbauen?", beschreibt er seine Aufgabe.

Seit 2014 arbeitet Dietrich Nixdorf als "Lesewert"-Coach, zuvor war er lange Reporter und Blattmacher bei der "Sächsischen Zeitung", und hat inzwischen einige Zeitungen gecoacht und gemeinsam mit Redaktionen Abertausende Artikel ausgewertet. Mit dem Leser deutscher Regionalzeitungen ist er auf Du und Du.

In den zwei bis sechs Monaten einer Messung bestätigen sich viele der "Lesewert"-Thesen immer wieder aufs Neue. Mit Hilfe eines Online-Tools sammelt Nixdorf im Verlauf des Vormittags jene Artikel der aktuellen Ausgabe, die er der Redaktion als Best Cases präsentieren oder an denen er Verbesserungspotenziale demonstrieren kann. Die Liste der Kriterien reicht dabei von A wie "Artikelgewichtung" bis W wie "Weiterdrehen/Themenentwicklung".

Dietrich Nixdorf ist mehr coachender Journalist als Journalisten-Coach. Er preist die "Lesewerte" nicht als einzige Wahrheit, sondern versucht mit ihnen den Rahmen für eine Beratung auf Augenhöhe abzustecken. Das ist deshalb so wichtig, weil das ungefilterte Leser-Feedback für Redakteure ungewohnt ist und niedrige Werte für Stress sorgen können. Manchmal braucht es einen Coach, der die Empfindsamkeiten des strapazierten Berufsstands kennt - und ihnen mit diplomatischem Geschick zu begegnen weiß. "Es geht auch darum, unbequeme Wahrheiten so konstruktiv zu vermitteln, dass Redaktionen sie mit kreativer Aufbruchsstimmung beantworten", sagt Dietrich Nixdorf. Deshalb freut er sich zwar auch weiterhin über jede gut gelesene Langstrecke auf Seite 3. Was seine Arbeit mit "Lesewert" aber besonders wertvoll macht, ist die originelle, konsequent umgesetzte Idee, mit der ein vormals skeptischer Reporter auf einer vierten Lokalseite den Nerv seiner Leser getroffen hat. 

kress.de-Tipp: Das Porträt von "Lesewert"-Coach Dietrich Nixdorf stammt aus dem "kress pro"-"Dossier Leseforschung - mit der Leserwert-Methode Abonnenten gewinnen", das Katy Walther verfasst hat. Dort wird ausführlich die "Lesewert"-Methode beschrieben, dazu gibt es Cases, Praxistests und Tipps. Das Dossier können Sie als E-Paper oder in gedruckter Form bestellen. Jeder "kress pro"-Ausgabe liegt ein Dossier bei - zur Übersicht.

"kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer.

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