"Wir fragen unsere kressköpfe": Warum Torsten Rossmann "Welt"-Wortspiele nicht mag

 

Alles neu macht der Januar: Der Ex-ProSiebenSat.1-Nachrichtensender N24, der damals schon von Torsten Rossmann geleitet wurde, vollzieht endgültig die Verschmelzung mit der Springer-Marke "Welt". Symbolik ist dem Senderchef wichtig. N24 ändere aber nur den Namen, nicht seine Identität. Lesen Sie im Interview, wie Rossmann mit der eigenen News-Sucht, den Eitelkeiten der Branche und dem Veränderungsdruck umgeht.

kress.de: Herr Rossmann, durch die große Umfirmierung verschwindet der Namenszusatz N24 für den Sender endgültig. Wie groß ist Ihre Wehmut?

Torsten Rossmann: Angemessen groß. Die Marke N24 hat mich – von der Idee zur Gründung eines Nachrichtensenders bis jetzt zum Namenswechsel - einen großen Teil meines beruflichen Lebens begleitet. Mit N24 sind viele Erfolge, aber auch eine ungewöhnlich wechselvolle Sendergeschichte verknüpft. Aber: Marken sind kein Selbstzweck. Es gibt gute Gründe, den Sender jetzt in WELT umzubenennen und zu verwirklichen, was wir uns mit dem Verkauf des Senders an Axel Springer 2013 vorgenommen haben: Print, Digital und TV unter einem Markendach zu vereinen. Im Übrigen macht nicht die Marke den Sender aus, sondern unsere Mitarbeiter sind es, die den Sender machen. Wir ändern nur den Namen, nicht unsere Identität und das, wofür wir stehen. Und so ganz verschwindet der Name N24 ja auch nicht von der Bildfläche: Unser Timeshift-Sender heißt weiterhin N24 Doku.

kress.de: Wenn Sie auf die Anfänge als Nachrichten-Fernsehmacher zurückblicken: Hätten Sie jemals gedacht, dass die einst so klar getrennten Welten von Print und Bewegtbild so eng zusammenwachsen? 

Torsten Rossmann: Nein, das konnte ich mir damals in diesem Ausmaß nicht vorstellen. Erst die Digitalisierung der Medien hat ja dazu geführt, dass Bewegtbild für alle Inhalteanbieter geradezu unverzichtbar geworden ist. N24 allerdings war von Anfang an ein Sender, der Print und TV zusammenbringen sollte. Schon kurz nach seiner Gründung unterzeichnete die "FAZ" einen Vertrag, um sich mit 25,1 Prozent an N24 zu beteiligen. Dieses Vorhaben wurde dann erst mit der Fusion von ProSieben und Sat.1 ad acta gelegt. In gewisser Weise verwirklichen wir diese Idee jetzt mit dem richtigen Partner: im Verbund mit WELT.  

kress.de: Nicht nur der ursprüngliche Sender N24, sondern auch Ihre ehemaligen klassischen Zeitungskollegen haben über die Jahre hinweg viele Veränderungen durchlebt. Wie schwer war es, die Vision eines vereinten Hauses aufrecht zu erhalten und die Mitarbeiter dafür entsprechend zu motivieren?

"Wir sind davon überzeugt, dass wir dafür in dieser Aufstellung besser gerüstet sind als unsere Wettbewerber."

Torsten Rossmann: Zum Kaufangebot von Axel Springer gehörte 2013 auch das Konzept, den Sender mit WELT zu vereinen. Insofern begleitet uns diese Vision jetzt schon seit vier Jahren. In dieser Zeit hat sich gezeigt, wie groß die Herausforderungen an Qualitätsjournalismus in einer digitalen Welt tatsächlich sind. Das motiviert ungemein. Allen ist bewusst, dass wir uns gemeinsam auf eine Reise in die digitale Zukunft begeben haben. Wir sind davon überzeugt, dass wir dafür in dieser Aufstellung besser gerüstet sind als unsere Wettbewerber.

kress.de: Wie reagieren eigentlich Familie, Freunde und Bekannte, die vielleicht nicht unmittelbar mit dem Hause Springer zu tun haben, wenn Sie sich als ein Welten-Lenker vorstellen?

Torsten Rossmann: So verstehe ich mich nicht. Dieser Begriff gehört nicht zu meinem Vokabular, weder im übertragenen noch im markenbezogenen Sinn. Wortspiele mit "Welt" werden Sie von mir nicht hören. Dass unser Sender Teil von Axel Springer geworden und mit WELT eine einzigartige Medienmarke entstanden ist, halten viele Menschen, die mir nahestehen, für ein extrem spannendes Projekt, das sie mit großem Interesse verfolgen. 

kress.de: Die Veränderungen, die nun auch durch eine große Werbekampagne breit unterstrichen werden, haben Sie und Ihre Teams ja schon lange vorbereitet und auch schon länger in in der täglichen Arbeit gelebt. Wie wichtig ist Symbolik – bis hin zu neuen Türschildern und Visitenkarten – trotzdem?

"Als N24 war es uns immer wichtig, einen präzisen Markenauftritt hinzulegen. Daran hat sich bei WELT nichts geändert." 

Torsten Rossmann: Ich halte sie für wichtig, heute mehr denn je. Nicht nur aus Gründen der Visibilität und Wiedererkennung, sondern auch im Interesse der Glaubwürdigkeit. Als N24 war es uns immer wichtig, einen präzisen Markenauftritt hinzulegen. Daran hat sich bei WELT nichts geändert. Und auch den Mitarbeitern hilft eine stringente Corporate Identity dabei, den neuen Namen ganz selbstverständlich zu verinnerlichen.

kress.de: Wie groß ist Ihre Befürchtung, dass bisherige Stammseher auf die Umfirmierung irritiert reagieren?

Torsten Rossmann: Diese Befürchtung teile ich nicht. Wir haben uns diese Frage schon früh gestellt und zwei Jahre lang kontinuierlich die Meinung unserer Zuschauer abgefragt. Für uns war immer klar: Wir werden den Schritt zu WELT erst gehen, wenn wir sicher sein können, dass die Zuschauer ihn mitgehen. Das ist jetzt der Fall.

"Bis auf das Logo links unten auf dem Bildschirm wird sich nicht viel ändern."

kress.de: Wie sehr werden Sie im Zuge des neuen Auftretens auch Charakter und Anmutung der Beiträge verändern? Was ändert sich im Bewegtbild-Design?

Torsten Rossmann: Die komplette Überarbeitung unseres On-Air-Designs im Herbst 2016 erfolgte schon mit Blick auf einen möglichen Namenswechsel. Bis auf das Logo links unten auf dem Bildschirm wird sich deshalb nicht viel ändern. Wir sind mit unserem aktuellen Erscheinungsbild sehr zufrieden. Es harmoniert auch mit unseren Digital- und Printangeboten. Die inhaltliche Ausrichtung und der Charakter unserer Beiträge ändern sich durch die Namensänderung nicht.

kress.de: Was muss ein Vollblutjournalist aus Ihrem Haus mitbringen, um Sie für einen Beitragsschwerpunkt oder vielleicht sogar eine neue Reihe oder ein Sendungskonzept zu begeistern?

Torsten Rossmann: Ganz einfach: eine gute Idee und eine pragmatische Vorstellung davon, wie sie zu verwirklichen ist. Als kleinerer Sender verfügen wir nur über einen begrenzten finanziellen Spielraum für neuer Formate. Trotzdem kann so etwas manchmal ganz schnell gehen. Unsere Produktionen "Spacetime" und "Die Foodtruckerin" sind solche Beispiele. Beide Ideen sind inhouse entstanden und waren schon nach wenigen Monaten on air.

kress.de: Wie offen ist die Tür des Senderchefs eigentlich in der Praxis noch?

Torsten Rossmann: Sie ist offen für alle, die mich sprechen möchten. Wenn sie mal geschlossen ist, dann für Gespräche, die in vertraulichem Rahmen stattfinden müssen. Das gibt es natürlich auch. Sie können einen Informationssender nicht führen, ohne in die täglichen Abläufe involviert zu sein. Wir müssen oft sehr schnell reagieren, und dafür sollte man die Dinge im Blick haben. Abgesehen davon schätze ich meine Kollegen und möchte auf den regelmäßigen Austausch mit ihnen nicht verzichten.

kress.de: Ihre Aufgaben bringen sicher auch viel Administratives, viel Zahlen- und Vertragswerk mit sich. Wie sehr juckte es Sie weiterhin in den Fingern, selbst am journalistischen Betrieb mitzuwirken?

Torsten Rossmann: Diesen Job überlasse ich gern meinen Kollegen. Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Rahmenbedingungen stimmen, dass Programmschema und Vermarktung funktionieren und sie ihre Arbeit ordentlich und mit einem guten Gefühl machen können.

kress.de: Man muss sich einen Manager in Ihrer Position ja fast zwangsläufig als Medienjunkie vorstellen: Welche Titel oder Marken nehmen Sie sich persönlich früh als erstes vor?

Torsten Rossmann: Tja, das stimmt wohl. Vorm Frühstück sind es der Deutschlandfunk, WELT, Spiegel Online und manchmal Haaretz, zum Frühstück Info-Radio, "Süddeutsche Zeitung" und der "Tagesspiegel". Und im Büro dann "Bild", n-tv, CNN, Sky News und selbstverständlich N24 bzw. WELT.   

"Eine einzigartige Managementschule, für die ich Georg Kofler und Urs Rohner heute noch dankbar bin." 

kress.de: Wenn Sie auf Ihre eigene bisherige Karriere zurückblicken: Wo haben sie am meisten gelernt?

Torsten Rossmann: Ich hatte als Kommunikationschef und Leiter des Corporate Offices das große Privileg, die Entstehung und den Börsengang der ProSiebenSat.1-Gruppe aus nächster Nähe begleiten, verfolgen und mitgestalten zu dürfen. Das war eine einzigartige Managementschule, für die ich Georg Kofler und Urs Rohner heute noch dankbar bin. 

kress.de: Und woher haben Sie Kraft und Selbstvertrauen genommen, den Medienwandel selbst auch unternehmerisch immer wieder mit Mut zum eigenen Risiko mitzugestalten?

Torsten Rossmann: Soweit es N24 betrifft, so habe ich den Sender von Anfang an als Projekt gesehen, das mir anvertraut worden ist, um es auch gegen Widerstände zum Erfolg zu führen. Das setzt Kräfte und Kreativität frei, gerade weil Nachrichtenfernsehen kein Selbstläufer ist und N24 häufiger als jeder andere Sender in seiner Existenz in Frage gestellt worden ist.

"Ich selbst versuche, unaufgeregt zu bleiben. Das klappt zwar nicht immer, aber meistens."

kress.de: Sie waren selbst ja schon Medienjournalist, dann lange Presse-Verantwortlicher. Wappnen diese Fronterfahrungen, die Eitelkeiten des Branchenbetriebs und die Aufgeregtheit unter Journalisten manchmal nicht ganz so ernst zu nehmen?

Torsten Rossmann: So schlimm ist das ja in der Realität nicht wirklich (lacht). Was mir bis heute hilft, ist die Erfahrung, die ich auf diese Weise gewonnen habe und die es mir ermöglicht, mich in viele Situationen und andere Menschen hineinzuversetzen. Ich selbst versuche, unaufgeregt zu bleiben. Das klappt zwar nicht immer, aber meistens.

kress.de: Wie kann man Sie eigentlich trotz allem einmal am besten von den vielen Bildschirmen weglocken?

Torsten Rossmann: Das ist einfach: Bei guten Gesprächen oder anregenden Diskussionen nehme ich die Bildschirme in meinem Büro praktisch nicht mehr wahr.       

kress.de: Wie tanken Sie privat Ihre Batterien auf?

Torsten Rossmann: Um es kurz zu beantworten: durch Reisen, in den Bergen, am Meer und beim Kochen – und mit meiner Familie.     

kress.de: Sie führen seit längerem ein "kressköpfe"-Profil. Wie wichtig ist es für die Arbeit in Ihrem Netzwerk?

Torsten Rossmann: Vernetzung und Austausch – auch über das eigene Unternehmen hinaus – sind auf jeden Fall wichtig. Das "kressköpfe"-Profil kann dabei helfen, ist in einer digitalen Welt aber nur eine Möglichkeit von vielen.

kress.de: Welche Neuigkeiten und beruflichen Inspirationen ziehen Sie aus Ihrer Lektüre von kress.de und "kress pro"?

Torsten Rossmann: Für jemanden wie mich, der bei "text intern" begonnen hat, gehören Mediendienste wie kress auch heute noch zur Pflichtlektüre. Kompakter kann man sich nirgends über die Entwicklungen der Branche, Neuigkeiten, Trends und Tendenzen informieren.

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