Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann. So weit Francis Picabia. Aber was braucht es zuvor, damit das Denken die Richtung ändert? Es braucht neues Erleben, neue Erfahrungen. Das Arbeiten mit Perspektive zielt genau darauf. Die Welt sieht anders aus, je nachdem, von wo ich guck und durch wessen Augen. Dadurch verändert sich Wahrnehmung. Und in Folge davon das Fühlen und Denken. Die Wahl der Perspektive schafft Welt. Literatur spielt damit, oder Film. Der belgische Regisseur Jaco Van Dormael schuf ein witziges Beispiel. Éa, die jüngere Schwester von Jesus, hat Stress mit ihrem Vater, dem lieben Gott. Sie ist zum einen mit seinen vorsintflutlichen Erziehungsmethoden nicht einverstanden - Gottvater schlägt sie -, außerdem findet sie seine Schöpfung ziemlich daneben. Sie hackt deshalb Papas Computer und greift in sein Werk ein. Als Erstes schickt sie den Menschenkindern ihre Sterbedaten aufs Handy, damit sie sich die Zeit besser einteilen können. 

Der Plot der Kino-Komödie "Das brandneue Testament" basiert auf der Idee eines Perspektivwechsels: Er erzählt die Schöpfungsgeschichte aus der Sicht der Tochter Gottes. Mit diesem Dreh kann Van Dormael eine Geschichte, die alle zu kennen glauben, neu erzählen. Sie ist originell, klamaukig und stellt reizvolle Fragen. Angenommen, wir könnten wie Éa die Welt ein bisschen korrigieren oder neu und besser schöpfen: Was würden wir anders machen? Wüssten wir eigentlich gern, wie lange unsere Lebenszeit bemessen ist? Wenn wir es wüssten, was dann?

Der Bestseller-Autor Ian McEwan gestattet sich eine ebenso kühne Perspektive: Er schlüpft gedanklich in ein Embryo. Sein Roman "Nussschale" beginnt so: "So, hier bin ich, kopfüber in einer Frau. Ich warte, die Arme geduldig gekreuzt, warte und frage mich, in wem ich bin und worauf ich mich eingelassen habe. Sehnsüchtig schließe ich die Augen, denke ich daran zurück, wie ich einst im durchsichtigen Fruchtsack trieb, verträumt in der Blase meiner Gedanken schwebte ..."

Perspektive erweitert den Horizont

Sie unterhält. Sie überrascht, schafft Spannung und Nähe. Sie macht ein bekanntes Thema wieder interessant. Sie kann uns das Andere, das Fremde nahebringen. Henry David Thoreau sagt es so: "Could a greater miracle take place than for us to look through each other's eyes for an instant?" - Kann es ein größeres Wunder geben, als für einen Moment durch die Augen des anderen zu sehen? 

Das Vermögen, uns in andere einzufühlen, gehört zur Grundausstattung der allermeisten Menschen. Im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren lernen wir, die Perspektive von Familienmitgliedern oder Spielkameraden einzunehmen. Wenn wir deren Empfinden beobachten, Angst, Schmerz oder Freude zum Beispiel, werden bei uns die gleichen Hirnareale aktiviert. Es fühlt sich an, als ob wir diese Emotionen selbst empfinden. Wer das Gefühlsleben seiner Protagonisten hinreichend plastisch und nah beschreibt, kann diesen Effekt auch bei seinen Lesern auslösen. Es packt sie. Sie leiden, fiebern oder freuen sich mit. Sie sind gespannt, wie es weitergeht. Unsere Spiegelneuronen sind die physiologische Basis von Mitgefühl, sagen Neurowissenschaftler. 

Der Harvard-Psychologe Steven Pinker macht dabei aber eine bemerkenswerte Einschränkung: "Wir fühlen von Natur aus mehr mit unseren Freunden und unseren Verwandten mit als mit Fremden, und alles Training der Welt wird diesen Unterschied nicht auslöschen." Er führt aus: Menschen, die uns sehr fremd sind, sind uns suspekt. Wenn uns ihr Denken und ihre Lebensweise nicht einfühlbar sind, werden sie leicht zu Sündenböcken. Möchte ich als Journalistin also Empathie mit Fremden ermöglichen, muss ich herausfinden, inwiefern sie uns ähnlich sind, und den Gesichtspunkt finden, an dem der Fremde nicht mehr fremd ist und uns menschlich nahekommt. 

Perspektive ist ein wundervolles Stilmittel 

Es geht dabei nicht nur um die Wahl der Hauptfiguren. Das ist ein Aspekt. Darüber hinaus geht es um die Rolle der Erzählerin, ihre Haltung zu den Protagonisten, dem Stoff, zu den Lesern. Und um die sprachliche Form. Die Perspektive, die uns einfühlen lässt und den Blick öffnet, ist kein Selbstzweck. Paul Bloom, Psychologe an der YaleUniversität, warnt vor zu viel Emotion in den Medien. Das Bild eines Gewaltopfers rühre uns stärker als schlechte Nachrichten über das Klima. Letzteres aber sei mit mehr Opfern verbunden und müsse dringender angegangen werden, sagt er. Seriöse journalistische Arbeit kann wunderbarerweise beides. Das Exemplarische eines Einzelfalls zeigen UND Hintergründe darstellen. Sie kann Empathie und Analyse zusammenführen. 

kress.de-Tipp: Der hier zitierte Text stammt von Marie Lampert. Sie unterrichtet Journalisten und Kommunikationsfachleute mit dem Schwerpunkt Storytelling. Für die "Medium Magazin"-Reihe "Besser schreiben" hat Lampert die 16-seitige "Journalisten-Werkstatt: Besser schreiben mit Perspektive" verfasst. Darin geht es auch um die Spielarten der Perspektive, die Ich-Erzählung, das Auge der Fotografin sowie um Nähe, Ferne und Dynamik. Marie Lampert sprach zudem mit Henning Sußebach von der "Zeit" über "die richtigen Fragen". Beiträge über auktorialen Erzählen, nichtmenschliches Erzählen und Lesetipps runden die "Werkstatt" ab. 

Die "Journalisten-Werkstatt: Schreiben mit Perspektive" ist im Abonnement von "Medium Magazin" bereits enthalten. Neu-Abonnenten erhalten sie gratis. Die "Werkstatt" kann gedruckt oder per E-Paper bestellt werden - oder per E-Mail an vertrieb(at)mediummagazin.de. Zur Übersicht aller bislang erschienen "Journalisten-Werkstätten".   

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