"BamS"-Investigativchef Kayhan Özgenc: Warum er Top-Manager beim vollen Namen nennt

29.01.2018
 

Kayhan Özgenc hat im vergangenen Jahr zahlreiche Wirtschaftsskandale aufgedeckt. Für die Branchenmagazine "Wirtschaftsjournalist" und "Medium Magazin" ist er der "Wirtschaftsjournalist des Jahres" 2017. Im Interview mit dem "Wirtschaftsjournalist" sagt Özgenc, warum für ihn Top-Manager Personen der Öffentlichkeit und der Zeitgeschichte sind. 

"Wirtschaftsjournalist": Warum, glauben Sie, kommen die Leute mit Informationen zu Ihnen? Es gibt ja einige andere Recherchenetzwerke und Investigativ-Teams.

Kayhan Özgenc: Das hängt von Fall zu Fall ab. Im Themenfeld VW-Audi-Porsche haben wir uns das Vertrauen der Informanten erworben. Deren Ziel war es, dass die Wahrheit ans Licht kommt, dass nämlich nicht nur die kleinen Ingenieure beim Betrug mit manipulierten Dieselmotoren eine Rolle gespielt haben, sondern auch Manager in höherer Ebene. Manchmal wird man leider aber auch gezielt fehlgeleitet. Uns ist das bei Aldi im Jahr zuvor passiert, das hat mich im Nachhinein sehr geärgert.

"Wirtschaftsjournalist": Haben Sie Falschinformationen bekommen?

Kayhan Özgenc: Nicht direkt. Wir haben einen Teil des Testaments von Berthold Albrecht erhalten, der besagte, dass eine Ausschüttung an die Erben kein Problem wäre. Dummerweise kannten wir da den gesamten Kontext nicht, den hatte ich erst Monate später. Mittlerweile konnte ich sehr umfangreiche Dokumente einsehen. Da ich Schriftsätze von beiden Seiten habe, lässt sich ein komplexes Bild zusammenfügen. Sehr zum Leidwesen der Erben und der Witwe von Berthold Albrecht.

"Wirtschaftsjournalist": Was heißt zum Leidwesen?

Kayhan Özgenc: Es gab heftige Gegenwehr. Und da kommen die Medienanwälte ins Spiel, die mittlerweile im Wirtschaftsjournalismus eine große Rolle spielen. Aldi ist in der Hinsicht ein besonders eklatanter Fall. Im Familienstreit geht es hauptsächlich darum, ob Berthold Albrecht geschäftsfähig war, als er die Satzung der Stiftung zu Gunsten des Unternehmens geändert hat. Vor Gericht hat die Witwe zu ihrem eigenen Nutzen in einem Schriftsatz ein desolates Bild von seinem Gesundheitszustand gezeichnet: alkoholkrank, tablettenabhängig. Als wir darüber berichtet haben, ist die Kanzlei von Babette Albrecht gegen unsere Berichterstattung vorgegangen. Begründung: Verletzung der postmortalen Persönlichkeitsrechte.

"Wirtschaftsjournalist": Sie halten das für verlogen?

Kayhan Özgenc: Ich fand es verstörend. Erst versucht man, den Prozess zu den eigenen Gunsten zu beeinflussen, indem man quasi all das vor Gericht einbringt, was keiner wusste, gerade bei einer Familie wie den Albrechts. Und dann zieht man im Nachhinein die Karte der postmortalen Persönlichkeitsrechte. Dabei haben wir in keinster Weise so detailliert berichtet wie die Witwe vor Gericht. Aber man findet heute offenbar immer einen Richter für eine einstweilige Verfügung.

"Wirtschaftsjournalist": Die Witwe kam also damit durch?

Kayhan Özgenc: Das ist ja eines der Probleme, das für unsere Arbeit eine ganz essenzielle Rolle spielt: Insbesondere reiche Leuten schalten sofort Anwälte ein. Und das Landgericht Köln ist ein besonders gutes Beispiel. Dort bekommt man ohne Anhörung der Gegenseite eigentlich fast immer eine einstweilige Verfügung gegen einzelne Textpassagen durch. Wir gehen zwar dagegen oft auch erfolgreich vor, aber das dauert und dauert. Im Fall des ehemaligen Porsche-Entwicklungschefs, der jetzt in Untersuchungshaft sitzt, hatten wir auch mit Köln zu tun.

"Wirtschaftsjournalist": VW hat sich darüber beschwert, dass der Name genannt wurde und damit die Persönlichkeitsrechte verletzt würden.

Kayhan Özgenc: Auch da haben wir ohne mündliche Anhörung einstweilige Verfügungen bekommen, dass wir seinen Namen nicht nennen dürfen im Zusammenhang mit der VW-Affäre. Und zwar nachdem er in Untersuchungshaft gekommen ist. Dabei hat Wolfgang Hatz selbst mit Ralf Höcker einen sehr dubiosen Medienanwalt. Dessen Geschäftsprinzip ist nach meiner Erfahrung Beschimpfen und Bedrohen. Was wir mit dem schon an Telefonaten hatten! Jedenfalls ist unsere Haltung im Fall der Namensnennung klar: Ein Top-Manager bei VW, der bei Porsche im Vorstand war, ist aus unserer Sicht eine Person der Öffentlichkeit und der Zeitgeschichte. Gegen ihn läuft ein Ermittlungsverfahren, er ist mutmaßlich für eine der größten Betrugsaffären der letzten Jahrzehnte mitverantwortlich. Da finde ich es presserechtlich höchst problematisch, wenn man die Namen nicht nennen soll. Wir nennen ihn dann immer wieder.

"Wirtschaftsjournalist": Bei VW hieß es, mit so einer Berichterstattung würden sich sofort seine Haftbedingungen verschlechtern. Tragen Journalisten da eine Verantwortung?

Kayhan Özgenc: Ich bitte Sie, das sind Top-Manager, die haben Anwälte, die ihre Interessen durchsetzen. Bei den Aldi-Erben ist das ähnlich. Da wird dann immer mit Entführungsgefahr argumentiert. Ich habe hitzige Debatten mit dem PR-Berater der Erben geführt, der uns vorgeworfen hat, es wäre verantwortungslos, die Vornamen der Erben zu nennen. Das sehe ich komplett anders. Sie bekleiden eine Position im Vorstand einer Stiftung und dieser Stiftung gehört eines der größten Unternehmen dieses Landes. Das hat Relevanz. Zumal sich die Albrechts gerne mit ihrer Mutter auf Kunstaktionen zeigten, Art Basel Miami zum Beispiel. Da ist Berichterstattung dann willkommen. Gegen unliebsame Veröffentlichungen wird mit immer neuen Mitteln vorgegangen. Das halte ich für problematisch.

kress.de-Tipp: Das komplette Interview von "Wirtschaftsjournalist"-Chefredakteurin Susanne Lang mit Kayhan Özgenc lesen Sie im "Wirtschaftsjournalist" 6/2017. Darin sagt Özgenc auch, welche seiner Enthüllungsgeschichten ihn in diesem Jahr selbst erschüttert hat, und er gibt weitere spannende Einblicke in seine Arbeit. Die Ausgabe ist in unserem Newsroom-Shop als E-Paper oder gedruckt sowie im iKiosk erhältlich. Sie kann per E-Mail unter vertrieb(at)oberauer.com oder +43 6225 2700 40 bestellt werden.

Der "Wirtschaftsjournalist" (Chefredakteurin: Susanne Lang, Herausgeber: Johann Oberauer) erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer.

Zur Person: Kayhan Özgenc, geb. am 2.12.1969 in Bremen, hat nach seinem Volontariat bei der "Verdener Aller-Zeitung" Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Politik und Kriminologie in Hamburg studiert. Im Anschluss startete er 1997 seine Karriere beim Magazin "Focus". Dort war er unter anderem als Leiter des Hamburger sowie des Berliner Büros tätig. 2010 wurde er Chef des Investigativ-Ressorts. 2011 wechselte Özgenc zur "Bild am Sonntag" und leitet dort seither das Investigativ-Ressort.

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