Stefan Plöchinger: "Ich finde nicht, dass jeder Fachredakteur zum Digitalexperten werden muss"

09.02.2018
 

Nach sieben Jahren als "sz.de"-Chef arbeitet Stefan Plöchinger wieder für die Spiegel-Gruppe. Er entwickelt neue Produkte. Wie Plöchinger die Zukunft des Online-Journalismus sieht, sagt er im Interview mit dem "Medium Magazin".

"Medium Magazin": Welche Trends sehen Sie als bestimmend für die nächsten drei Jahre im Onlinejournalismus?

Stefan Plöchinger: Unsere Arbeit wird komplexer, weil es mehr digitale Plattformen gibt, auf denen unsere Leser sind. Unsere Arbeit wird cooler, weil es bessere Tools gibt und sich neue Arbeitsformen in Redaktionen durchsetzen, die schöne Projekte ermöglichen. Und das Werben um das Vertrauen der Leser durch Dialog und exzellente Arbeit wird essenziell. Nach den Debatten um Populismus und Fake News, um die digital überformte Demokratie und Meinungsvielfalt steht für mich fest, dass wir als große Redaktionen gerade in der digitalen Welt durch die alten journalistischen Werte von Unabhängigkeit und Zuverlässigkeit überzeugen müssen.

"Medium Magazin": Welches Grundmodell wird auf Dauer gewinnen: Aufmerksamkeit oder Vertrauen und Qualität?

Stefan Plöchinger: Die beste Konstellation ist, wenn man durch Qualität Aufmerksamkeit und Vertrauen bekommt. Das schließt sich ja nicht aus, sondern soll das Ziel sein.

"Medium Magazin": Die Konvergenz zerlegt nicht nur den Journalisten das Geschäftsmodell, auch viele Menschen sind von einer grundlegenden Disruption betroffen. Welche Angebote sollten Medien machen in solchen Zeiten der gesellschaftlichen Verunsicherung?

Stefan Plöchinger: Ich würde mir wünschen, dass wir in Redaktionen in fünf Jahren Digital-Internet-Ressorts kaum noch brauchen - weil das Feuilleton, die Politikressorts, ach was: alle gelernt haben, die digitale Disruption ihrer Berichtsbereiche kenntnisreich zu begleiten. Da sehe ich noch Defizite. Die Gesellschaft und viele Leser sind gerade auch in ihren Erwartungen weiter als mancher Kollege.

"Medium Magazin": Trotz aller Selbstverständlichkeit im Umgang mit Online tun sich traditionelle Medien häufig immer noch schwer mit der Digitalisierung ihrer eigenen Arbeit. Wie sollte man das ändern?

Stefan Plöchinger: Ich finde nicht, dass jeder Fachredakteur für eine Partei, eine Branche, einen Fuß- ballverein oder irgendeine andere Sparte zum hundertprozentigen Digitalexperten werden muss. Die meisten Journalisten sollten sich um gute Beiträge kümmern und nicht darum, wo der Beitrag genau erscheint - für sie ist, wenn sie in Print arbeiten, die größte Veränderung, dass sie statt des Deadline-Drucks einen Online-Zeitdruck bekommen, der so anders aber auch nicht ist. Die größte Veränderung muss sich in den Köpfen jener vollziehen, die planen, produzieren und leiten: Sie müssen sich auf die Digitalisierung einlassen, im Sinne von: wirklich die neuen Medien verstehen. Einige flüchten aber nach meiner Wahrnehmung der Branche gern in Leerformeln wie "Jeder muss alles können" oder in Reformpläne, die auf dem Reißbrett optimale Strukturen schaffen - aber nicht die Leute mitnehmen oder verändern wollen, die in den Strukturen arbeiten sollen. Natürlich gibt es auch andere Beispiele, bei der SZ haben wir da schon viel geschafft, aber die Lehre gerade daraus ist, dass gutes Change-Management oben anfangen und in der Mitte der Redaktion verankert werden muss.

"Medium Magazin": Wie schätzen Sie die Entwicklung der Zahlungsbereitschaft für digitale journalistische Angebote ein?

"Stefan Plöchinger": Der digitale Anzeigenmarkt stößt allmählich an Wachstumsgrenzen, und weil es unsere Aufgabe ist, nicht bloß Onlineportale rentabel zu halten, sondern die Zukunft ganzer Medienmarken zu sichern, haben wir gar keine Wahl: Wir müssen Abo-Angebote erfinden, die für Leser schlüssig sind und überzeugen. Wir brauchen das Vertrauen unserer Leser, und dafür müssen wir jeden Tag Dinge tun, die den Wert unserer Arbeit herausstellen. 

kress.de-Tipp: Das Gespräch ist ein Auszug aus einem Interview der "Medium Magazin"-Ausgabe 6/2017 mit dem Schwerpunktthema "Zukunft des Journalismus". Darin sagt Stefan Plöchinger gegenüber "Medium Magazin"-Chefredakteurin Annette Milz und "Medium Magazin"-Autor Mirko Lorenz auch, wie er die Herausforderung für den Journalismus durch Daten und Software sieht und wie die digitale "Zeitung" der Zukunft aussehen könnte. 

Die "Medium Magazin"-Ausgabe mit Plöchinger kann gedruckt oder als E-Paper bestellt werden - auch per Mail an vertrieb(at)mediummagazin. Das Heft gibt es auch im iKiosk. Zum Abo hier entlang.

Das "medium magazin" - das Magazin für Journalisten, in dem aktuelle Branchenthemen diskutiert und beleuchtet werden - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteurin ist Annette Milz. Sie ist auch Herausgeberin der Journalisten-Werkstätten.

Zur Person: Der Hashtag #Hoodiejournalismus wurde mit der Berufung von Stefan Plöchinger in die (Print-)Chefredaktion der "Süddeutschen Zeitung" populär: Als die interne Debatte um diese Personalie nach außen drang, solidarisierten sich rasch viele Journalisten auf Twitter mit dem Online-Chef von "süddeutsche.de". 2014 war das. Dem Hoodie ist Stefan Plöchinger bis heute treu geblieben. Die "SZ" hat er verlassen, um als Leiter Produktentwicklung der Spiegel-Gruppe anzutreten. Der 41-Jährige begann 1995 als Lokalreporter bei der "Süddeutschen Zeitung", absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München, arbeitete als Politikredakteur bei der "Abendzeitung" und im CvD-Team bei der "Financial Times Deutschland" (2004 bis 2006). Danach war er Chef vom Dienst, Textchef und geschäftsführender Redakteur bei "Spiegel Online". Seit 2011 war Plöchinger Chefredakteur von "sz.de" und seit 2014 auch Mitglied der Chefredaktion der "Süddeutschen Zeitung", zuständig für die digitalen Projekte.

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