Grubenhund und Konjunktionen: Die zehn wichtigsten Bücher über Zeitungen

 

Überraschend intensive Reaktionen, durchweg positiv, kamen zum kress.de-Interview mit dem Trierer Medien-Professor Hans-Jürgen Bucher. Offenbar sind Journalisten neugieriger als vermutet, was Medienwissenschaftler erforschen und welche Antworten sie auf die Frage nach der Qualität geben. Paul-Josef Raue gibt in seiner Kolumne Hinweise, was in keiner Bibliothek eines Journalisten fehlen sollte – empfohlen von Professor Bucher aus der Erfahrung eines langen Forscherlebens. 

Drei Bücher überraschen auf der Bucher-Liste der wichtigsten Journalismus-Bücher: Eines aus den USA, eines aus der DDR und eines aus den Dreißiger Jahren der Weimarer Republik, das selbst antiquarisch nur schwer zu bekommen ist:

"The Form of News", 2001 in der USA erschienen, ist eine detaillierte, fein illustrierte und tief recherchierte Zeitungsgeschichte der USA. Zwei Wissenschaftler aus Chicago erkunden, warum Zeitungen eine herausragende Rolle spielen. Kevin G. Barnhurst und John Nerone suchen Antworten auf die Fragen:

Warum sind Zeitungen für die Demokratie so wichtig? Wie prägen die Erfahrungen, Zeitungen zu lesen, unsere Identität als Bürger? Die beiden Wissenschaftler begnügen sich nicht mit dem Hinweis, der Inhalt bestimme die Wirkung, vielmehr analysieren sie auch die Form: Wie schreiben Journalisten? Wie organisieren sie sich und ihr Blatt? Welche Typografie nutzen sie? Und welche Bilder? Wie hängen all die Elemente mit dem Inhalt zusammen?

Sie zeigen, wie stark sich die Anmutung der Zeitungen in gut zwei Jahrhunderten verändert hat, von der Kolonialzeit bis ins digitale Zeitalter. Auch die Form der Nachrichten wandelte sich von Epoche zu Epoche und spiegelt die Veränderungen in der Politik.

"Der Grubenhund – Experimente mit der Wahrheit" ist ein erstaunlich aktuelles Buch zur Fakenews-Debatte, es erschien in der Endphase der Weimarer Republik. Was wir heute eine Zeitungsente nennen, war in Österreich der "Grubenhund", allerdings in einer speziellen Bedeutung: Der gefälschte Leserbrief.

Erfinder des "Grubenhunds" ist der Wiener Ingenieur Arthur Schütz, der "obergescheite Redakteure durch aberwitzige Leserbriefe" täuschen wollte und mit seinen Freunden eine Wette einging. Er sandte am 18. November 1911 unter Pseudonym einen Leserbrief an die "Neue Freie Presse" über seltsame Ereignisse während eines erfundenen Erdbebens: "Völlig unerklärlich ist jedoch die Erscheinung, dass mein im Laboratorium schlafender Grubenhund schon eine halbe Stunde vor Beginn des Bebens auffallende Zeichen größter Unruhe gab."

Der Ingenieur gewann die Wette: Die Redaktion druckte den Brief ab.

Womit beschäftigte sich die Medienforschung in der DDR? Wenn sich keiner offen an den Inhalt traut, bleibt die Form. "Und" und "aber", "entweder – oder": Das Lexikon deutscher Konjunktionen erschien als abschließender Band der "kleinen Lexika der Funktionswörter" im Leipziger "Verlag Enzyklopädie"; es beschreibt, im letzten Jahr der DDR, systematisch die "Fügewörter", die kaum einer beachtet und die doch unsere Sätze zu Sätzen fügen.

Dies ist die Bucher-Liste (die Erläuterungen stammen ebenfalls von Professor Bucher):

1. Weischenberg, Siegfried / Malik, Maja / Scholl, Armin 2006: Die Souffleure der Mediengesellschaft. Report über die Journalisten in Deutschland. Konstanz, UVK.

Zwar schon 2006 erschienen, aber immer noch die umfassendste Bestandsaufnahme zum Journalismus in Deutschland

2. Barnhurst, Kevin G. / Nerone, John C. 2001: The Form of News. A History. New York, London, The Guildford Press.

Erklärt, wie die Zeitung zu dem geworden ist, was sie heute ist – leider nur für die USA, weil ein vergleichbares Buch für Deutschland noch nicht geschrieben ist.

3. Evans, Harold 1973: Editing and Design. A five-volume Manual of English, Typography and Layout. Book Five: Newspaper Design. London, Heinemann.

Eigentlich ein fünfbändiges Mammut-Werk. Es reicht aber, wenn man im Band 5 das Einleitungskapitel "The function of newspaper design" liest, um die Bedeutung der Zeitungsgestaltung als genuin journalistische Aufgabe zu verstehen.

4. Bucher, Hans-Jürgen/Schumacher, Peter / Duckwitz, Amelie (Eds.): 2007: Mit den Augen der Leser: Broadsheet und Kompakt-Format im Vergleich. Eine Blickaufzeichnungsstudie zur Leser-Blatt-Interaktion. Ifra Special Report. Darmstadt, Ifra.

Zwar auch schon über zehn Jahre alt, aber nach wie vor die einzige Studie, die den Prozess der Lektüre von ganze Zeitungsausgaben mit Blickaufzeichnungen untersucht hat.

5. Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger, 2017: Zeitungen 2017/2018. Berlin, ZV Edition.

Enthält alle Informationen zu Reichweite, Markdaten, Innovationen, Ländervergleich von Zeitungen und ist als Orientierung für Journalisten und Medienwissenschaftler unverzichtbar (auch wenn der BDZV einige der Daten online zur Verfügung stellt).

6. Schütz, Arthur 1931: Der Grubenhund – Experimente mit der Wahrheit. Herausgegeben und eingeleitet von Walter Hömberg, 1996.

Das Büchlein zeigt, dass Fake-News nicht erst heute auftreten und dass man Fake-News in die Welt setzen kann, um Fake-News zu entlarven. Sehr erhellend sind die kommentierenden Beiträge von Walter Hömberg und Hans Wagner.

7. Buscha, Joachim 1989: Lexikon deutscher Konjunktionen, Leipzig, VEB Verlag Enzyklopädie.

Konjunktionen sind der Kitt, der aus Satzreihungen Texte macht. Kaum eine der "kleinen" Wortarten – evtl. noch die Präpositionen – werden so unterschätzt und so oft falsch oder irreführend eingesetzt.

8. Botton, de Alain 2014: Die Nachrichten. Eine Gebrauchsanweisung, Frankfurt (Fischer Taschenbuch)

Hilft Journalisten und Leser, eine Strategie gegen die Überflutung durch Nachrichten zu entwickeln.

9. Kurz, Josef/Müller, Daniel/Pötschke, Joachim / Pöttker, Horst 2000: Stilistik für Journalisten. Wiesbaden, Westdeutscher Verlag.

Behandelt alle Bereich journalistischer Textproduktion – und das nicht normativ wie die üblichen Stilfibeln, sondern funktional und pragmatisch.

10. Blum, Joachim / Bucher, Hans-Jürgen 1998: Die Zeitung: Ein Multimedium. Textdesign - ein Gestaltungskonzept für Text, Bild und Grafik. Konstanz, UVK Verlag.

Versucht zu zeigen, dass Zeitungen nicht nur aus Textelementen bestehen und dass der visuelle "Rest" mindestens genauso wichtig für guten Journalismus ist.

Zur Person: Professor Hans-Jürgen Bucher, Jahrgang 1953, wird nach dem Studium der Germanistik und Sportwissenschaft und einem Referendariat mit einer Dissertation über "Pressekommunikation" in Tübingen promoviert. Er arbeitet als Dozent am Haus Busch in Hagen, volontiert beim "Schwäbischen Tagblatt" und arbeitet in der Hörfunkredaktion des Südwestfunks, ehe er 1997 als Professor der Medienwissenschaft an die Universität Trier berufen wird. 2001 lehrt er als Gastprofessor in den USA über internationalen Journalismus.

Der Autor: Paul-Josef Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus; sein neues Buch "Luthers Sprach-Lehre" erschien 2017 im Klartext-Verlag. Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier und Berlin.

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