Warum "Welt"-Mann Gerhard Hegmann keine virtuelle Pressekonferenz besuchen will

 

Stell Dir vor, es ist Pressekonferenz – und keiner geht hin. Die Abwandlung des Brecht-Zitats beschreibt einen Trend, gegen den immer mehr renommierte Wirtschaftsjournalisten wie Gerhard Hegmann von "Welt" und "WamS" Sturm laufen. Ausgelöst hatte die Debatte der Automobilzulieferer Continental: Weil immer weniger Journalisten der Einladung zur klassischen Bilanz-PK gefolgt waren – so zumindest die offizielle Begründung – ersetzte der Konzern erstmalig 2015 die Präsenzveranstaltung durch ein reines Onlineformat. Ein Bericht des "Wirtschaftsjournalist". 

Die PK nach der Devise "Frag doch mal die Cloud" des DAX-Riesens markierte eine Premiere im Börsenleitindex, die vor zwei Jahren viel diskutiert wurde und nun Nachahmer findet: Vor einigen Monaten präsentierte Flugzeugbauer Airbus seine Zahlen nur noch im Netz. Einige kleinere Firmen, vor allem solche, die sich im Digitalen bewegen, machen es ähnlich. Und der Softwarekonzern Adobe lud im September im Rahmen der Amsterdamer Messe IBC zur Internet-Pressekonferenz – passenderweise ging es unter anderem um Cloud-Video-Technologien, das Rückgrat für Online-PKs.

Die Formate bei Continental und Airbus folgen dem gewohnten Ablauf klassischer Bilanz-PKs: Es gibt den üblichen Block mit Aus- und Rückblicken des Vorstands. Der Unterschied: Die Manager befinden sich in einem TV-Studio vor laufenden Kameras, die Journalisten sind von unterschiedlichen Orten zugeschaltet. Fragen können per Chat, Mail oder Telefon gestellt werden.

Conti sieht in seinem Live-Webcast eine "effiziente und dialogorientierte" Antwort auf den steigenden Zeit- und Kostendruck in den Redaktionen. Pressechef Vincent Charles sagt: "Die Berichterstattung über Standardtermine wie Bilanzpressekonferenzen kann mit wenig Reise- und damit Zeitaufwand in gewohnter Qualität erfolgen."

Ähnlich und mit einer höheren globalen Reichweite argumentiert Airbus-Kollege Martin Agüera. "Journalisten aus aller Welt können so unsere Pressekonferenz verfolgen. Früher mussten sie dazu extra nach Toulouse, München oder in eine andere Stadt reisen. Mit der digitalen Pressekonferenz erreichen wir beispielsweise mehr Journalisten im asiatischen Raum."

Doch Widerstand formierte sich schnell, wie das Fachmagazin "Wirtschaftsjournalist" in seiner aktuellen Ausgabe 6/2017 beleuchtet. Gerhard Hegmann, Wirtschaftskorrespondent von "Welt" und "Welt am Sonntag" in München, sagte dem "Wirtschaftsjournalist" in einer Einschätzung zu den virtuellen PKs: "Internet-Pressekonferenzen müssen die Ausnahme bleiben. Etwa bei extrem kurzfristigen Ereignissen", so Hegmann. "Bei Internet-PKs fehlt die spontane Interaktion. Es kann bei einer Antwort nur schwer nachgefasst werden", kritisiert der Branchenexperte. "Ich möchte selbst bestimmen, wessen Verhalten ich mir bei einer PK anschaue und mir das nicht von der Bildregie vorschreiben lassen."

Außerdem fehle im digitalen Raum das Miteinander und die Chance, informell Informationen aufzuschnappen. "Ich möchte mich im PK-Umfeld auch mit Kollegen und Pressesprechern austauschen. Gute und richtig eingeordnete Geschichten entstehen im Austausch und nicht isoliert vor dem Bildschirm", sagt Hegmann. Sein Misstrauen sitzt dabei tief – auch was Logistik und Kontrolle angeht. "Das Unternehmen kann viel mehr den Ablauf und die Fragerunde steuern als bei einer Live-PK", so der Springer-Journalist.

Markus Fasse, Luftfahrt- und Auto-Experte vom "Handelsblatt", sagt zur neuen Airbus-Praxis: "Die Pressekonferenz im Internet war professionell gemacht. Aber man verliert den direkten Kontakt zum Management. Das kurze Gespräch am Rande, die direkten Eindrücke gehen verloren. Dieser Nachteil überwiegt, deshalb würde ich mir wünschen, dass Airbus in Zukunft seine Pressetermine wieder in gewohnter Manier abhält."

kress.de-Tipp: Wer sich noch offensiv gegen die virtuellen Pressekonferenzen ausspricht und wie die scharf kritisierten Unternehmen reagieren, erfährt man exklusiv im Report von kress-Korrespondent Rupert Sommer im aktuellen "Wirtschaftsjournalist". Die Ausgabe 6/2017 ist in unserem Newsroom-Shop als E-Paper oder gedruckt sowie im iKiosk erhältlich. Sie kann per E-Mail unter vertrieb(at)oberauer.com oder +43 6225 2700 40 bestellt werden.

Der "Wirtschaftsjournalist" (Chefredakteurin: Susanne Lang, Herausgeber: Johann Oberauer) erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer.

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