Was wir im neuen Zeit Online-Podcast von Österreich und der Schweiz lernen können

 

Mit dem Podcast "Servus. Grüezi. Hallo" startet Zeit-Online heute ein neues Format. Wöchentlich berichten die Korrespondenten Matthias Daum (Leiter des "Zeit"-Büros in Zürich) und Florian Gasser ("Zeit"-Korrespondent aus Wien), "was wir von Österreich und Schweiz für Deutschland lernen können" – so die Eigenwerbung. Es soll auch lustig zugehen. Das wirft Fragen auf. Moderiert wird der Podcast in Berlin vom stellvertretenden Zeit-Online-Politik-Ressortleiter, Lenz Jacobsen. kress.de hat mit allen dreien gesprochen.

kress.de: In Ihrem neuen Podcast wollen Sie erzählen, was Deutschland von Österreich und der Schweiz lernen kann. In anderen Medien hat man – gerade mit Blick auf die neue Wiener Regierung – einen gegenteiligen Eindruck. Schwimmen Sie gegen den Strom?

Lenz Jacobsen: Vielleicht lernen wir ja auch von Österreich, wie man es genau NICHT machen sollte. Im Ernst: Vieles von dem, was uns hier in Deutschland total neu und brisant erscheint, gibt es in den beiden anderen Ländern schon lange. Sei es in der Parteipolitik, aber auch bei gesellschaftlichen Fragen.

Matthias Daum: Wir wollen alle voneinander lernen. So kann sich auch die Schweiz, die so stolz auf ihre Volksentscheide ist, durchaus in Deutschland etwas abschauen, wenn es um andere Formen der Bürgerbeteiligung geht. Was wir von Österreich lernen können, weiß ich tatsächlich nicht – kleiner Scherz.

kress.de: Herr Gasser, dann klären Sie uns auf: Was können wir denn von Österreich lernen?

Florian Gasser: An Österreich lässt sich sehen, wie eine rechtspopulistische Partei aufsteigt und wie eine jahrzehntelang aufgebaute Sozialpartnerschaft langsam ausgehöhlt wird. Vielleicht kann man sich auch ein wenig von der österreichischen Gelassenheit abschauen.

kress.de: Herr Daum, und was können wir von der Schweiz abschauen?

Matthias Daum: Aus der Ferne wirkt Deutschland manchmal am Rande des Nervenzusammenbruchs, obschon es dafür eigentlich keinen Grund gibt. Die Ruhe, den Pragmatismus, das könnten sich die Freunde aus dem "Großen Kanton" bei uns abschauen.

kress.de: Herr Jacobsen, was bezwecken Sie mit "Servus. Grüezi. Hallo"? Wollen Sie damit neue Leserschichten in Österreich und der Schweiz erschließen?

Lenz Jacobsen: Natürlich wollen wir am Ende auch mehr Leser und Hörer für "Die Zeit" und Zeit Online gewinnen, auch in Deutschland. Wir glauben, dass der transalpine Blick sehr unterhaltsam und lehrreich sein kann.

Florian Gasser: "Die Zeit" hat in Österreich seit zwölf Jahren eine eigene erfolgreiche Regionalausgabe…

Matthias Daum: … in der Schweiz seit bald zehn Jahren …

Florian Gasser: … wir berichten also regelmäßig und intensiv über unsere beiden Länder. Auch für das Hauptblatt und für die Kollegen von Zeit Online.

Matthias Daum: Das wird auch von den Lesern geschätzt, unsere Auflage steigt stetig.

kress.de: Schön und gut, aber warum denn nun der Podcast, Herr Jacobsen?

Lenz Jacobsen: Den Podcast machen wir vor allem, weil wir die Themen und die Konstellation interessant finden und mal ausprobieren wollen, ob andere das auch interessiert. Und schon auch, weil wir uns ein bisschen mögen.

"Die NoBillag-Initiative ist eine äußerst dumme Idee"

kress.de: Noch einmal zurück zum Lerneffekt: In der Schweiz geht es in einem Volksentscheid demnächst um die Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Etwas Nachahmenswertes?

Matthias Daum: Die NoBillag-Initiative ist eines der Themen in der ersten Folge von "Servus. Grüezi. Hallo." Meine Haltung ist klar: Das ist eine äußerst dumme Idee, bei aller berechtigter Kritik an der SRG, die in den vergangenen Jahre sicher nicht alles richtig gemacht hat. Also, Deutschland, nicht nachmachen! Interessant scheint mir hingegen die Debatte, die zurzeit in der Schweiz läuft: Seit Monaten streitet sich ein Land darüber, welche Medien es braucht, damit eine Demokratie funktioniert. Und da reden nicht nur ein paar Verleger und Intendanten mit, sondern alle. Kein Abendessen, kein Apéro vergeht, ohne dass die No-Billag-Initiative zum Thema wird. Das ist großartig!

kress.de: Die Österreicher, Herr Gasser, heißt es in vielen Medien, koppeln sich gerade etwas von Deutschland ab und richten ihren Blick mehr nach Osteuropa. Haben wir die Ösis vergrault? Und wenn ja, womit?

Florian Gasser: Nein, Österreich hat sich ja selbst von Berlin ein wenig abgewandt, vor allem in der Frage der Migration. Sebastian Kurz wurde zum Gegenspieler von Angela Merkel, ihn eint da mehr mit Viktor Orban. Und Heinz-Christian Strache, jetzt Vizekanzler, bezeichnete die deutsche Kanzlerin einmal als "gefährlichste Frau Europas". Auch zur europäischen Integration gibt es unterschiedliche Zukunftsvorstellungen. Wie die Zusammenarbeit künftig funktionieren wird, weiß noch keiner.

"Ich habe den Eindruck, dass in beiden Ländern die Medienlandschaft viel politisierter ist als in Deutschland."

kress.de: Herr Jacobsen, richten wir den Blick beim Thema "Lernen" mal auf die Branche: Was können wir deutschen Journalisten von den österreichischen und Schweizer Kollegen lernen? Oder anders gefragt: Was wird in den Nachbarländern besser gemacht?

Lenz Jacobsen: Die Österreicher haben den besten Radiosender, FM4. Und die Schweizer haben bei der "NZZ" den wahrscheinlich detailverliebtesten Auslandsteil, den ich kenne – auch wenn das Blatt immer mehr politische Schlagseite bekommt. Das wäre auch schon der zweite Teil meiner Antwort: Ich habe den Eindruck, dass in beiden Ländern die Medienlandschaft viel politisierter ist als in Deutschland.

kress.de: Wie sehen Sie das, Herr Daum?

Matthias Daum: Die Schweiz ist ein kleiner, in vier Sprachregionen zersplitterter Markt, deshalb zeigen sich hier die Herausforderungen der Medienbranche wie unter einem Brennglas: Die Verlage fusionieren, gründen Joint-Ventures, schaffen große Mantelteile, um Kosten zu sparen. Also sind neue Ideen, neue Finanzierungsmodelle gefragt – und da entstehen zurzeit einige interessante Projekte.

kress.de: Was unterscheidet denn die österreichische Medienlandschaft von der deutschen, Herr Gasser?

Florian Gasser: Ein Politologe hat Österreich nicht umsonst einmal eine “Boulevarddemokratie” genannt. Diese Macht spielen die Kleinformate massiv aus. Aber viele andere Medien steuern gegen, gerade jetzt unter der neuen Regierung.

kress.de: Sie versprechen, dass der Podcast eine "humorvolle Angelegenheit" wird. Machen Sie Polit-Satire? Oder suchen Sie sich abseitige, lustige Themen?

Florian Gasser: Wir machen ganz sicher keine Alpen-"heute show". Wir haben aber auch mal Spaß daran, uns über Skurrilitäten in den anderen Ländern lustig zu machen. Denn obwohl wir uns so nah sind, trennt uns tatsächlich vieles. Das haben wir über die Jahre in der Zusammenarbeit immer wieder gemerkt.

kress.de: Mit Ihren bisherigen Podcasts erreichen Sie schon jetzt jeweils mehr als hunderttausend Zuhörer. Wie erklären Sie sich den Erfolg eines Formats, das schon als überholt galt?

Lenz Jacobsen: Echt, Podcast galten schon als überholt? Bei mir nicht. Dass sie bei Zeit Online, aber ja auch bei anderen Medien gerade so gut funktionieren, liegt vielleicht daran, dass sie oft persönlicher und unmittelbarer sind als ein geschriebener Artikel.

kress.de: Warum wird sich "Servus. Grüezi. Hallo" in diese Erfolgsgeschichte einreihen?

Lenz Jacobsen: Weil wir es ernst meinen, aber nicht alles nur ernst nehmen. Und weil Matthias und Florian halt so lustige Dialekte haben.

kress.de-Tipp:  www.zeit.de/podcasts

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