Brandbrief an Dieter von Holtzbrinck: "Reputationsschaden für alle"

 

Sechs Unterzeichner hat der Brandbrief an Dieter von Holtzbrinck, der vor allem eines klar macht - die abrupte Trennung von Gabor Steingart führe zu einem "Reputationsschaden für alle" - also auch für den Verleger. Die Aufbruchsstimmung, die in der Handelsblatt Media Group geherrscht habe, sei "verstummt": Holtzbrincks Entscheidung signalisiere, "dass wir über die Strategie nicht sicher sein können".

Es sind harte Worte, über die Verleger Dieter von Holtzbrinck am Wochenende lange nachdenken konnte. Worte, die den lebensbejahenden Verleger, der sich in seinem bisherigen Dasein eher als Journalismus-Ermöglicher und nicht Verhinderer sieht, immens getroffen haben, heißt es aus seinem näheren Umfeld.

Zwei Seiten lang ist der Brief, den die Chefredakteure Sven Afhüppe und Beat Balzli ("i.A."), die "Wirtschaftswoche"-Herausgeberin Miriam Meckel, sowie die Geschäftsführer Frank Dopheide, Ingo Rieper und Gerrit Schumann verfasst haben und der seit Freitag zirkuliert, der "Spiegel" hatte bereits kurz daraus zitiert.

"Sehr geehrter Herr von Holtzbrinck", heißt es da, nach einigen Stunden trete neben dem "ersten Schock" auch "eine tiefe Enttäuschung über Inhalt, Vorgehen und Art der Kommunikation" bei der Trennung von Steingart ein.

Die Top-Manager, alle geholt von Gabor Steingart, bitten den Verleger um Nachsicht für ihre offenen Worte, die es in sich haben: "Wir hoffen, dass Sie diesen Brief so verstehen, wie er gemeint ist. Als offenen und ehrlichen Ausdruck unserer Besorgnis über die Entscheidung selbst, über das verheerende Zeichen für die publizistische Unabhängigkeit, die weitere strategische, wirtschaftliche Entwicklung und die Unternehmenskultur des Hauses", heißt es in dem Schreiben, in dem Gabor Steingart als die Person bezeichnet wird, der überhaupt dafür gesorgt habe, dass das Haus "überlebensfähig" sei.

"Der Weg zurück in alte Denk- und Verhaltensmuster ist für uns unvorstellbar"

Im Original heißt es da: "Zahllose Projekte und Entwicklungspartnerschaften sind durch Gabor Steingart initiiert und vorangetrieben worden. Er hat die Strahlkraft unserer Medienmarken um ein vielfaches erhöht und dafür gesorgt, dass wir wichtige Schritte von einem traditionellen, wirtschaftlich mittelfristig nicht überlebensfähigen Verlagshaus hin zu einer modernen Mediengruppe gemacht haben."

Offensichtlich ist die Sorge groß, dass Verleger von Holtzbrinck Entscheidungen revidiert, wieder mehr auf die Analoge statt auf die Digitale Welt setzt: "Der Weg zurück in alte Denk- und Verhaltensmuster ist für uns unvorstellbar", erklären die Briefeschreiber deutlich. Sie befürchten, dass die Handelsblatt Media Group "unsicheres Fahrwasser" ansteuert, weil es auch keine "Nachfolge- und Übergangsregelung" gebe - die Geschäfts- und Redaktionsführung stehe vor "erheblichen Problemen".

Die Entscheidung über die Trennung von Gabor Steingart treffe alle völlig unvorbereitet: "Sie signalisiert, dass wir über die Strategie nicht sicher sein können. Wir alle arbeiten aber für Sie als Verleger, weil wir uns sicher sein konnten, dass wir auf dem Weg in ein modernes Medienunternehmen sind, dass die dazu notwendigen Veränderungen gewollt sind und dass wir die Freiheit haben, diesen Weg mit unserer Kraft und unseren Kompetenzen vorantreiben zu können. Dafür hat auch Gabor Steingart immer gestanden", so die Unterzeichner.

Vor allem die Begründung kommt schlecht an, der Verweis auf das Morning Briefing mit den Äußerungen zu Martin Schulz und die prompte Entschuldigung des Verlegers wurmen die Spitzen aus Redaktion und Management immens: "Dies ist aus unserer Sicht ein verheerendes Signal an die Redaktionen und an das gesamte Haus: Die Bestrafung für eine, wenngleich unbequeme Meinung, ist die sofortige Entlassung. Das entspricht nicht dem Gebot der publizistischen Freiheit und Unabhängigkeit, das unserer Erfahrung nach in unserem Haus größte Bedeutung hat und in dem wir von Ihnen in vielen persönlichen Gesprächen immer wieder uneingeschränkt gestärkt wurden."

Am Montag versuchte "Handelsblatt"-Chefredakteur Sven Afhüppe, die harsche Kritik an der Entscheidung des Verlegers einzufangen; wer zwischen den Zeilen liest, könnte annehmen, er wollte die knallharte Abrechnung oder zumindest seine Unterschrift unter dem Brief am liebsten sofort zurückzunehmen oder ungeschehen machen. Im "Handelsblatt" schreibt Afhüppe unter anderem: "Auch ohne Gabor Steingart drehen wir die Uhr nicht zurück, sondern weiter."

SIE WISSEN MEHR? Schreiben Sie mir persönlich an chefredaktion@newsroom.de.

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