Was ist eigentlich Haltung im Journalismus?

 

JOURNALISMUS! Um Haltungsnoten geht es nicht nur beim Eistanz der Olympischen  Winterspiele in Südkorea: Haltung als Wert ist gerade wieder in der journalistischen Debatte angekommen. Paul-Josef Raue fragt in seiner Kolumne: Was ist eigentlich Haltung? Wie zeigen wir sie? Und kann man "Haltung" auch missverstehen?

"Correctiv" ist eine Gesellschaft, die Journalismus treibt ohne Konzern, ohne Verlag, ohne Rendite-Erwartung. Sie liefert immer wieder tief recherchierte Nachrichten, ist ein Gewinn für unsere Gesellschaft. Regelmäßig bekommen die Mitglieder einen Newsletter, in dem vor einigen Wochen ein kurzes Video zum Thema wurde:  Joe Kaeser, der Chef von Siemens, sitzt in Davos neben Donald Trump und sagt: "Thank you, Mr. President." Der Newsletter beschreibt die Szene:

"Dieses Video zeigt aus meiner Sicht eine bittere Wahrheit: Wie schnell sich die deutsche Wirtschaft an einen absurden US-Präsidenten gewöhnt hat. Wie kleine Schüler beim Vokabelabfragen saßen mehr als ein Dutzend europäische Firmenchefs um den amerikanischen Präsidenten in Davos und ließen sich von ihm aufrufen. Vor allem die deutschen Vertreter lobten seine Reformen. Kein Wort der Kritik. Keine Haltung. Aber total rational."

Während die Manager deutscher Unternehmer keine Haltung zeigen, zeigt sie der Correctiv-Autor. Wer die Sätze liest, der weiß: Trump und seine Tischnachbarn sitzen auf der dunklen Seite der Macht, der Journalist auf der hellen. Die Welt ist fein geordnet.

Seit Jahrtausenden, wahrscheinlich seit Erschaffung unserer Welt, mögen vor allem Religionen dies Schema. Am deutlichsten haben es die Manichäer formuliert: Es gab das Licht und die Finsternis, am Ende wird es wieder nur Licht und Finsternis geben. Dazwischen leben wir - im Dunkeln mit ein bisschen Licht.

Dies bisschen Licht nennen wir gerne Haltung. Wer also Haltung demonstriert, bringt Licht in die finstere Welt. Nur - ist das Grau der Skepsis nicht der eigentliche Ort des Journalismus? Nein, sagen die Guten: Wir müssen Haltung zeigen und beweisen, wir müssen denen draußen, die zweifeln und unsicher sind, Mut machen für das Gute, und wir müssen ihnen den Weg zeigen, wo es zu finden ist.

Da haben es die Skeptiker unter den Journalisten schwer, sie gelten als gefallene Engel, die nicht einsehen wollen, dass die Welt der Medien ein Kampfplatz ist: Kein Millimeter, keine Zeile, keine Sendeminute darf den Bösen unkommentiert geschenkt werden. Der Leser, Zuhörer und Zuschauer muss wissen, wo der Autor steht, wo er sich unterhaken kann. Manch Niedertracht und Dummheit in den sozialen Netzen gibt Nahrung: Gerade weil die Menschen so intensiv und unausweichlich dem Bösen ausgesetzt sind, müssen sie immer wieder aufgerichtet werden.

Der Ruf nach Haltung im Journalismus ist lauter geworden nach einer Phase der Unsicherheit, bisweilen der Selbstverleugnung, provoziert durch Vorwürfe wie Lügenpresse, Manipulation, Kampagnen-Geilheit und anderem mehr. Das Vertrauen zu Journalisten sank von Umfrage zu Umfrage, ohne dass allerdings die sozialen Netze oder andere davon profitierten, einmal abgesehen von politischen Nutznießern, die nicht gerade als Anhänger des Grundgesetz-Artikels 5 auffallen.

Unter Journalisten begann eine Debatte, nicht übermäßig heftig, um Status, Abgehoben-Sein, Dialog-Verweigerung und Bevormundung: Der Bürger, für den Journalisten schreiben und senden, rückte ins Zentrum. Ob dies der Grund ist, dass das Vertrauen wieder steigt, oder ob es der Mangel an vertrauenswürdigen Alternativen ist, dürfte schwer zu ermitteln sein. Jedenfalls dreht sich die Debatte wieder:

Journalisten sollten sich nicht dauerhaft verunsichern lassen, sollten sich nicht unentwegt rechtfertigen müssen, sagt die Panorama-Moderatorin Anja Reschke in einem "Journalist"-Interview. Sie fordert: Haltung! Macht sie deutlich! Versteckt sie nicht "unter einem Pseudo-Neutralitätsmäntelchen"! Und weiter: "Journalismus ist nicht dazu da, die Meinung der Rezipienten zu bedienen. Wo soll das hinführen?", fragt sie und fordert:  Journalisten sollen ihre Meinung sagen können wie jeder in Deutschland. Hat dies außerhalb der AfD jemand ernsthaft in Zweifel gezogen?

Bedeutet "Haltung zeigen": Immer und überall und zu allem seine Meinung sagen? Sie wie eine Soße über jede Nachricht, jede Recherche, jede Äußerung gießen? Bekommt nicht einer, der unentwegt Haltung zeigt, schwere Arme und einen schweren Kopf? Verhindert ein schwerer Kopf nicht, ihn zu heben, um anderen in die Augen zu schauen?

Haltung ist Einstehen für journalistische Qualität und Unabhängigkeit, so hat es Ulrich Wickert definiert, der im Sommer 1991 auf Hanns Joachim Friedrichs als Moderator der "Tagesthemen" folgte und sie so lange wie kein anderer moderiert hat. Friedrich, sein Vorgänger, prägte in seinem letzten Interview eine Definition der journalistischen Haltung, die ohne diesen Begriff auskommt:

"Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten." Der Satz werde leicht falsch interpretiert, meinte Ulrich Wickert in einer Vorlesung als Gastprofessor an der Universität Düsseldorf. Auch Friedrichs habe sich mit vielen guten Sachen gemein gemacht, weil politischer Journalismus die Aufgabe habe aufzuklären. "So kann schon mit der Auswahl eines Themas das 'Gemeinmachen' beginnen. Ich persönlich verstehe 'nicht gemeinmachen' so: Ein guter Journalist verfolgt eine Sache ohne Rücksicht auf eigene Interessen."

Noch detaillierter bestimmte Hajo Friedrichs, was "nicht-gemeinmachen" bedeutet: "Nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein. Nur so schaffst du es, dass die Zuschauer dir vertrauen." Anschaulich erzählt er, wie Journalisten Vertrauen bilden können - eben nicht durch Aggressivität und Überheblichkeit, denn "ich darf die Leute abends in ihrer Wohnung nicht anbrüllen, das haben die nicht gern". Er nennt die  Rezipienten Familienmitglieder: Er sei als Journalist er lieber wie ein Familienmitglied dabei, das mit am Esstisch sitzt, das ein bisschen mehr weiß, weil es die Fähigkeit hat, unbefangen in die Welt zu gucken und das, was es entdeckt, so wiederzugeben, dass die Leute ihm glauben.

Die Leser und Zuschauer sollen, so Friedrichs, selber entscheiden können: Trifft mich diese Nachricht? Und wenn ja, wie? "Es ist nicht die Aufgabe des Moderators, die Leute zur Betroffenheit zu animieren!"

So schließt sich der Kreis: Der Leser des Correctiv-Newsletters, in der Regel ein Journalist, soll selber entscheiden können, ob eine Wahrheit bitter ist und ein Präsident absurd. Ein Journalist drängt seine nicht auf und demonstriert sie endlos in Adjektiven und Vergleichen. Es geht ihm um Haltung, die Vertrauen wirbt und überzeugen will. Diese Haltung zeichnet einen Journalisten aus, der Distanz hält und sich nicht gemein macht.

Info

Jürgen Leinemann und Cordt Schnibben interviewten Hans Joachim Friedrichs kurz vor seinem Tod; das Interview erschien als Titelgeschichte im "Spiegel" vom 27. März 1995 (Heft 13/95).

Ulrich Wickerts Vorlesungen  sind einem Buch versammelt: "Medien: Macht & Verantwortung" (160 Seiten, Hoffmann und Campe 2016). Zwei Kapitel sind auch in Wickerts jüngstem Buch abgedruckt: "Nie die Lust aus den Augen verlieren", in dem Frankreich, sein Lieblingsland, eine Rolle spielt ebenso wie Begegnungen mit Menschen, etwa Meryl Streep, Helmut Schmidt oder Günter Grass, und die Werte, sein Lieblingsthema (446 Seiten, Hoffmann und Campe 2017)

Der Autor

Paul-Josef Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus; sein neues Buch "Luthers Sprach-Lehre" erschien 2017 im Klartext-Verlag. Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier und Berlin.

Ihre Kommentare
Kopf
H.Georg Eiker

H.Georg Eiker

Eiker - Coaching & Strategische Politikberatung - Medientraining
Inhaber

14.02.2018
!

Sehr geehrter Herr Raue,hilfreich i. d. von Ihnen beschriebenen Problematik wäre eine Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen HALTUNG und GESINNUNG. Das geht leider den meisten Journalisten mittlerweile völlig ab,siehe Frau Reschke/"Gesinnungsgenossen".Hilfreich wäre auch eine DIFFERENZIERUNGSFÄHIGKEIT von"assoziiert" vs."dissoziiert" sein! Wenn man Zustände professionell analysieren will, ist das eine unabdingbare Voraussetzung,egal ob man als Journalist, Wissenschaftler o.Therapeut arbeitet.MfG


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