Dieter von Holtzbrinck: "Steingart wollte 2020 aussteigen"

 

Nach dem heftigen Brandbrief der sechs wichtigsten Handelsblatt-Manager am vergangenen Freitag hat Verleger Dieter von Holtzbrinck seine Stimme wiedergefunden. Vor seinen Mitarbeitern in Düsseldorf sagte von Holtzbrinck noch am selben Nachmittag: Gabor Steingart ist froh, endlich aus dem Hamsterrad rauszukommen. Und: Steingart wollte 2020 sowieso aus den aktiven Rollen aussteigen, so von Holtzbrinck nach Informationen von kress.de.

Beim eilends einberufenen Townhall konnten die Mitarbeiter der Handelsblatt Media Group einen sichtlich gefassten, aber auch teilweise hörbar überforderten Verleger erleben. Dieter von Holtzbrinck hat es innerhalb von nur wenigen Tagen geschafft, den Mann zu schassen, der wie kein zweiter für die Marke Handelsblatt steht, der das Unternehmen in den vergangenen Jahren nach eigenem Belieben komplett auf sich zugeschnitten und nach kress.de-Schätzung bestimmt auch ein Drittel aller rund 1000 Mitarbeiter persönlich in seiner Zeit als Geschäftsführer eingestellt hat. Ein Holtzbrinck-Intimus greift bei der Erklärung von Steingarts Fall auf die alten Griechen zurück: "Wen die Götter verderben wollen, den schlagen Sie mit Blindheit."

Für Dieter von Holtzbrinck ging es bei einem seiner äußerst seltenen Auftritte vor Mitarbeitern vor allem um Schadensbegrenzung. Wann hat es das gegeben, dass der erfahrene Verleger sich vor seiner eigenen Belegschaft für sein Handeln verantworten muss?

Klar wurde dabei aber auch - über die tatsächlichen Beweggründe zur Trennung ließ Dieter von Holtzbrinck die Mitarbeiter weiter im Dunkeln: "Der erste Grund und der Hauptgrund, den kann ich, ich möchte mal sagen nicht näher erläutern, will ich nicht näher erläutern, das sind Interna, das werden Sie verstehen."

Dieter von Holtzbrinck hatte vor der Belegschaft zunächst erklärt, dass der "erste Grund und Hauptgrund" zur Trennung darin liege, "dass wir jetzt doch große Differenzen hatten in gesellschaftsrechtlichen und finanziellen Fragen". In der offiziellen Presseaussendung wird unter Punkt 1 aber lediglich von "Differenzen in wesentlichen gesellschaftsrechtlichen Fragen" gesprochen.

"Er fordert sich ja Tag und Nacht"

Stattdessen zitierte Dieter von Holtzbrinck coram publico aus Gesprächen mit Gabor Steingart, um zu dokumentieren: Es ist alles nicht so schlimm, wir verstehen uns (eigentlich) prächtig; ich bin weiterhin mit Gabor befreundet, wir sprechen uns eng ab, vielleicht machen wir in Zukunft sogar noch ein paar Projekte zusammen, alles prima.

Laut von Holtzbrinck wollte sich Gabor Steingart in drei Jahren, also Ende 2020, aus den aktiven Rollen bei der Handelsblatt Media Group zurückziehen: "Das ist gewesen, um weniger stressig zu arbeiten, weil er fordert sich ja, man sieht es auch an dem Morning Briefing, Tag und Nacht", erklärte der Verleger beim Townhall-Meeting in Düsseldorf.

"Jetzt kannst du die Kinder fahren"

"Aber er sagt auch jetzt, ja, vielleicht ist es sogar ganz gut, dass ich jetzt mal aus dem Stress herauskomme", so Dieter von Holtbrinck. Steingart ist also dankbar für seine abrupte Abberufung, schließlich geht Gesundheit und Seelenheil immer vor - eine zumindest interessante Auslegung von (angeblichen) Aussagen eines Mannes, der ohne Vorwarnung aus seinem Amt entfernt wurde.

Was Steingart aber "schlecht" finde, zitiert von Holtzbrinck seinen Fünf-Prozent-Partner - "meine Frau sagt, jetzt kannst du die Kinder fahren, und jetzt kannst du das und jenes machen, das sei nicht das was er vor hat". Gerade diese Aussage verärgerte erneut einige Handelsblatt-Mitarbeiterinnen, die sich schon lange für mehr Frauen in der Führungsspitze bei der HMG einsetzen.

Nach den teilweise heftigen Reaktionen, die der Entschuldigungsbrief des Verlegers an den SPD-Vorsitzenden Martin Schulz ausgelöst hat, betonte von Holtzbrinck mit klaren Worten, dass sich an seiner Einstellung zum Journalismus grundsätzlich aber nichts verändert habe: "Die journalistische Unabhängigkeit ist ein hohes Gut, ein enorm wichtiges Gut, die Meinungsfreiheit ist in unseren Demokratien mit das Wichtigste, was es gibt, und dahinter stehe ich und das verteidige ich immer", so Dieter von Holtzbrinck.

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