"Welt"-Korrespondent Deniz Yücel kommt frei - Rede von Frank Überall

16.02.2018
 
 

Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel, der seit über einem Jahr in türkischer Untersuchungshaft sitzt, ohne dass die Justiz eine Anklage erhoben hätte, kommt frei. Das meldet die "Welt" unter Berufung auf seinen Anwalt, das Auswärtige Amt in Berlin hat die Freilassung inzwischen bestätigt. In dieser Woche hat auch der DJV-Vorsitzende Frank Überall noch mal für Yücel gekämpft. 

"Jetzt müssen wir natürlich abwarten, was in den nächsten Minuten, Stunden passiert", sagt ein Sprecher des Auswärtigen Amtes. Laut den Informationen verfügte das Gericht in Istanbul die Freilassung für die weitere Dauer des Verfahrens; es soll keine Ausreisesperre verhängt worden sein.

Noch am Mittwoch hatte es in Yücels Heimatstadt Flörsheim eine Mahnwache für die Freilassung Yücels gegeben, bei der auch Frank Überall, Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands, gesprochen hat: "Deniz Yücel hat nichts anderes gemacht, als kritisch und unabhängig über die Türkei zu berichten", sagt Überall. "Was bei uns mit Journalistenpreisen belohnt wird, führt in der Türkei ins Gefängnis. Deniz Yücel muss sofort auf freien Fuß gesetzt werden." Wir dokumentieren die Rede von Frank Überall im Original.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Deniz fehlt. Deniz Yücel fehlt. Wir vermissen ihn hier und heute. Wir vermissen ihn, weil er seit einem Jahr nicht mehr in Freiheit leben darf. Er sitzt im Gefängnis.

Normalerweise wäre das kein Grund, dass ein Bürgermeister, Politiker, Freunde und Verwandte und ich als Vertreter von Europa größter Journalistenorganisation zu einer Mahnwache aufrufen. Es gibt gute Gründe, weshalb Menschen in Gefängnissen festgehalten werden. Sie sind dort richtig aufgehoben, wenn sie sich strafbar gemacht haben. Deniz Yücel aber hat sich aus unserer festen Überzeugung nicht strafbar gemacht. Er hat sich nicht einmal in irgendeinem juristischen Sinne schuldig gemacht. Er hat einfach nur seinen Job gemacht.

Ein ganzes Jahr seines Lebens hat er jetzt verloren, weil er eingesperrt ist - zu Unrecht eingesperrt. Untersuchungshaft nennt sich das. Aber ich habe nicht den Eindruck, dass da wirklich professionelle, strafrechtliche Untersuchungen stattfinden. Es gibt bis heute keine Anklage, es gibt bis heute keinen Gerichtsprozess. Es gibt nur diffuse, abstruse Vorwürfe gegen unseren Journalisten Deniz Yücel.

Ich sage bewusst UNSEREN Journalisten. Denn für die Öffentlichkeit in Deutschland war Deniz unterwegs in der Türkei. Er hat dort als Journalist gearbeitet, als Korrespondent der Tageszeitung "Die Welt". Etliche Hunderttausend Menschen, sicher auch viele hier in Flörsheim, haben sich mit Hilfe seiner Berichte informiert: Über das informiert, was in der Türkei geschehen ist. Ich muss das alles leider in der Vergangenheitsform ausdrücken. Er hat gearbeitet. Er hat uns informiert. Er macht das nicht mehr, darf es nicht mehr, kann es nicht mehr. Weil er im Gefängnis sitzt.

Er ist eingesperrt in eine Zelle, weil er etwas gemacht hat: Etwas, was genau das ist, was man von jemandem erwartet, der ernsthaft und professionell dem Beruf des Journalisten nachgeht. Deniz Yücel hat berichtet, frech recherchiert, kritisch nachgefragt. Noch einmal: Das ist das, was wir von Journalisten erwarten, was zum Berufsethos gehört, weshalb wir dem professionellen Journalismus vertrauen können. Wir wollen keine Propaganda, wir wollen keine Fake News, wir wollen Berichte aus erster Hand von Journalisten, die ihren Job ernst nehmen. Deniz Yücel ist so einer.

Wir reden hier heute über jemanden, der einen wichtigen Beitrag zum Funktionieren unserer Demokratie geleistet hat. Und Deniz leistet diesen Beitrag zu unserer Demokratie auch heute noch. Ich glaube, es ist ihm wichtig, dass wir uns das bewusst machen. Dein jetzt einjähriger Gefängnisaufenthalt darf nicht umsonst sein. Er muss bald beendet sein. Deniz Yücel muss frei gelassen werden. Sofort. Free Deniz!

Und sein Gefängnisaufenthalt darf auch danach nicht umsonst gewesen sein. Wenn Deniz Yücel wieder frei ist, müssen wir ihn erzählen lassen, müssen wir ihm zuhören, müssen wir uns bewusst machen, wie schnell die Demokratie in einem zivilisierten und liebenswerten Land wie der Türkei unter Druck geraten kann. Wie schnell die Teilung der staatlichen Gewalten plötzlich nur noch als Fassade aufrechterhalten wird. Wie schnell Menschenrechte eingeschränkt werden. Wie schnell man im Gefängnis landen kann, weil man bloß seinen Job gemacht hat.

Ich habe viele Artikel von Deniz Yücel gelesen. Erst in der Berliner "tageszeitung - taz", dann für die Zeitungen der "Welt". Für beide Medien habe ich auch gearbeitet. Deniz und ich, wir sind Kollegen. Und als Kollege kann ich sagen: Deniz Yücel hat einen tollen Job gemacht! Er hat sich nicht unterkriegen lassen von Einschüchterungsversuchen des türkischen Staates. Er hat nicht aufgehört, uns bestmöglich zu informieren, als es Widerstand gab. Er ist aufrecht geblieben, hat unsere Werte verteidigt. Werte, die bewusst einst als Grundrechte, als Menschenrechte kodifiziert worden sind.

Ich habe eben gesagt, Deniz und ich waren Kollegen. Ich arbeite heute nur noch selten für Zeitungen, weil ich mich unter anderem als Bundesvorsitzender beim Deutschen Journalisten-Verband (DJV) engagiere. Aber Deniz und ich, wir bleiben Kollegen. Weil wir beide denselben Beruf ausüben. Weil wir mit unserer Arbeit beide so manchen wichtigen Beitrag für die öffentliche Diskussion liefern dürfen. Von Berufs wegen. Deshalb stehen wir Journalistinnen und Journalisten in Deutschland zusammen: Der starke DJV als die bundesweit größte Journalistengewerkschaft. Die größte Medienorganisationen ihrer Art in Europa. Wir im DJV stehen zusammen, für den Journalismus, für Journalisten, für Pressefreiheit, für Deniz Yücel.

Ich bin aber nicht nur als Gewerkschafts-Vorsitzender hier, nicht nur für den DJV, sondern auch aus voller Überzeugung als Bürger. Denn für uns Bürgerinnen und Bürger ist es wichtig, dass es bei unseren Medien Menschen gibt, die sich nicht einschüchtern lassen, wenn es darum geht unsere ganz persönliche Meinungsbildung geht. Dafür brauchen wir bestmögliche, professionell recherchierte und berichtete Informationen. Dafür brauchen wir Journalismus.

Und dafür brauchen wir ganz bestimmt niemanden, der die Pressefreiheit so versteht, dass er frei von kritischer Presse regieren kann. Nein, Herr Erdogan: So geht das nicht! Das gilt im Übrigen auch für alle diejenigen, die in Deutschland die Pressefreiheit in Frage stellen. Die politische Geiseln nehmen. Und das gilt in der Türkei nicht nur für Deniz Yücel, sondern auch für die weit mehr als Hundert anderen Journalisten, die dort im Gefängnis sitzen. Deren Schicksale sind uns hier kaum bewusst. Gefängniszelle. Mutlosigkeit. Angst. Justizwillkür. Die Empfindungswelt von Deniz Yücel. Aber auch die der anderen inhaftierten türkischen Journalisten, die das in ihrem Heimatland empfinden müssen: Gefängniszelle. Mutlosigkeit. Angst. Justizwillkür. Und das alles, nur weil sie ihren Job gemacht haben.

Lasst uns zusammenstehen, wir alle, für Deniz Yücel. Lasst uns zusammen stehen, auch mit unseren Politikern - sie sind schließlich unsere Vertreter, die von uns damit beauftragt sind, Entscheidungen treffen - also auch mit unseren Politikern sollten wir da zusammen stehen, und sie mit uns: Politiker auf allen Zuständigkeitsebenen, setzt euch ein für die Pressefreiheit, setzt euch ein für mehr als hundert inhaftierte Journalisten in der Türkei; Politiker: setzt euch ein für Deniz Yücel!

Zeigt, in Deutschland und in der Türkei, in Europa und in der ganzen Welt - erzählt es hier in Flörsheim, zeigt es Berlin, Brüssel und Ankara: Journalismus ist kein Verbrechen! Free Deniz!

Frank Überall, Vorsitzender Deutscher Journalisten-Verband

 

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