Wie Journalismus jeden einzelnen, die Gesellschaft und die Demokratie retten kann

 

JOURNALISMUS! Die Filterblase gibt es nicht, beweist Bernhard Pörksen in seinem gerade erschienenen Buch "Die große Gereiztheit". Im Gegenteil: Jeder erfährt alles und viel zu viel. Paul-Josef Raue hat für seine Kolumne das gerade erschienene Buch gelesen: Exzellente Medienforschung, die mit vielen Geschichten vom "Kulturbruch der Digitalisierung" erzählt, die weder Angst schürt, noch Euphorie fliegen lässt und die - das ist der eigentliche Gewinn -  Thesen formuliert, wie Journalismus jeden einzelnen, die Gesellschaft und die Demokratie retten kann.

Das meiste, fast alles in Pörksens Buch ist bekannt: Die vielen Geschichten,  um Lisa beispielsweise, dem 13-jährigen Mädchen aus Marzahn, das nachts nicht nach Hause kommt, eine Vergewaltigung vortäuscht und einen diplomatischen Eklat auslöst; oder um den Prediger Terry Jones aus Florida, der den Koran verbrennen will und eine Gewaltorgie mit 16 Toten auslöst. Pörksen erzählt all die Geschichten in epischer Breite, aber nicht zum Lesevergnügen, sondern zur Illustration: Was stellt die Digitalisierung mit uns an? Wie verändert sie die Gesellschaft und die Welt? Was können wir überhaupt noch glauben? Wem noch vertrauen?  Und wie finden wir aus der "kollektiven Erregung" hinaus?

"Die große Gereiztheit", der Titel des Buchs täuscht, er zielt auf den Verkauf, weniger auf die Substanz der Analyse. Pörksen reizt nicht, verliert sich auch nicht in der großen Gereiztheit, sondern sortiert das, was er den "Kulturbruch der Digitalisierung" nennt,  in fünf große Körbe; er nennt sie Diagnosen der Krise:

1. Die Wahrheits-Krise:  Wenn nichts mehr gewiss ist und statt einer Wahrheit viele Wahrheiten möglich sind, dann kann ein Fanatiker mit Gleichgesinnten "seinen verstörenden Wahn als umfassend fundierte Weltsicht ausgeben". Zudem irritieren uns Roboter-Journalisten, Chat-Bots und Social-Bots und  Fakenews usw.

2. Die Diskurs-Krise: Journalisten verlieren ihre Deutungs-Hoheit, so entstehen allgemein zugängliche Räume für die neunjährige Martha aus Schottland, die ihre Schulküche fotografiert und eine Million Besucher bekommt, ebenso wie  für Hass- und Verschwörungs-Prediger. Die Mediendemokratie verwandelt sich in eine Empörungsdemokratie. Pörksen nutzt den Begriff der "fünften Gewalt", das ist die Macht der "Vernetzten Vielen".

3. Die Autoritäts-Krise: Unentwegt erzählt das Netz, die Hölle der Indiskretion, von Fehlern, Enttäuschungen, Enthüllungen; es "pulverisiert Autorität, Aura und Charisma". Wer sind die Vorbilder der Zukunft? Wachsen sogar in der Krise ein ernüchterter Idealismus und eine neue Toleranz?

4. Die Behaglichkeits-Krise: Es gibt keine Filter-Blasen, in die sich Menschen verkriechen können und Schutz finden vor der bösen Welt; vielmehr ist es unmöglich, guten wie schlechten Nachrichten auszuweichen, auch wenn wir uns anstrengen. Statt Filterblase erleben wir den "Filter Clash": Die Idylle der Unerreichbarkeit wird geschleift  - und wir sehnen uns nach Ruhe, die unmöglich geworden ist.

Im "NZZ"-Interview gibt Pörksen ein Beispiel für eine Filterblase: "Natürlich können jetzt auch die bekennenden katholischen Nichtschwimmer mit Interesse an Hirschgeweihen eine geschlossene Facebook-Gruppe gründen. Aber das bedeutet nicht, dass sie nicht wissen, dass bereits schon einen Klick entfernt ganz anders gedacht und gelebt wird." Wir werden immer und gleichzeitig mit der Welt der anderen konfrontiert: "Das nenne ich den Filterclash."

5. Die Reputationskrise: Jeder kann Ansehen und Existenz verlieren in der "neuen Leichtigkeit der Skandalisierung", ob er berühmt ist oder unbekannt, mächtig oder ohnmächtig. Wir verlieren die Kontrolle über unser öffentliches Leben, sehen immer wieder neue Opfer und "andererseits Opfer, die eine Stimme bekommen, um ihre Peiniger an den Pranger zu stellen". Wer rettet uns?

Wir retten uns nur selber, wenn wir lernen, mit den digitalen Medien umzugehen, sie zu verstehen und für uns zu nutzen. Pörksen entwirft die Utopie der "redaktionellen Gesellschaft": Dafür müsste sich erst einmal der etablierte Journalismus ändern, transparenter werden und bereit zum Gespräch; die Bürger als potentielle Journalisten müssen sich weiterbilden, um Glaubwürdigkeit und Relevanz prüfen zu können und selber zu verwirklichen.

Die Prinzipien der "redaktionellen Gesellschaft" müssen nicht neu erdacht werden, es sind die bekannten und bewährten, die Pörksen im "NZZ"-Interview so beschreibt, ohne Wortgeschwurbel  wie "Verständigung- und Diskursorientierung" im Buch:

1. Arbeite wahrheitsorientiert; 2. Prüfe erst, publiziere später; 3. Sei skeptisch; 4. Versuche der Verführung durch Ideologien zu entgehen; 5. Benutze mehrere Quellen; 6. Unterscheide klar zwischen Werbung und Berichterstattung; 7. Skandalisiere nur, was tatsächlich relevant ist; 8. Höre auch die andere Seite.

Wir brauchen für die "redaktionelle Gesellschaft" eine neue Medienbildung und  ein eigenes Schulfach. Das reichte aber nicht: Die Plattformen müssen kontrollierbar werden und ihre Richtlinien und Ethik-Regeln offenlegen; sie brauchen Ombudsleute und Öffentlichkeits-Redakteure, und zwar in jedem Land. "Damit würde die inzwischen gefährlich normal scheinende und seltsam natürlich wirkende Intransparenz der publizistischen Vorentscheidungen durch Plattform-Betreiber der allgemeinen Analyse und der öffentlichen Kritik zugänglich."

Wer wissen will, wie das Digitale die Medien-Welt, also unsere Welt, verändert; wer es verstehen und zuerst sich und dann die Welt retten will, der sollte das Buch lesen. Er muss bisweilen blättern über manch überflüssigem Wissenschafts-Jargon, über lange, verschachtelte Sätze von siebzig und mehr Wörtern und seitenlange Absätze, die ziellos enden und ein Bild erzeugen, das wir einst "Bleiwüste" genannt haben;  er wird sich ärgern über das fehlende Stichwort- und Namensregister. Und er bleibt mitunter hilflos zurück, aber das liegt in der Natur der Digitalisierung, die über uns hereingebrochen scheint wie einst die Sintflut über eine sündige Menschheit.

Nachtrag:

Dass ein Verlag, der eine Sperrfrist erklärt, diese selber nicht beachtet, ist selten: Dem Hanser-Verlag ist es gelungen! Vor dem 19. Februar, dem Erscheinen des Buchs und Datum der Sperrfrist, gab Pörksen der "Neuen Zürcher Zeitung" am 16. Februar ein ganzseitiges Interview: "Wir sind auf dem Weg zur Empörungsdemokratie"; noch einen Tag früher rezensierte Pörksen sein Buch selber in der "Zeit": "Alle müssen Journalisten sein".

Der Autor

Paul-Josef Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus; sein neues Buch "Luthers Sprach-Lehre" erschien 2017 im Klartext-Verlag. Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier und Berlin.

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