"Netflix ist sexy, aber wir sind es auch": Wie RTL-Manager Philipp Steffens junge Kreative lockt

20.02.2018
 

Der Fiction-Chef bei RTL findet einfach keine passenden US-Serien mehr. Deshalb lässt Philipp Steffens seinen Sender jetzt mit eigenproduzierten deutschen Stoffen aus allen Rohren schießen. Zu jungen Kreativen sagt er: "Bei uns kann man Erfolg wirklich spüren. Wenn ich für Netflix produziere, erfahre ich ja nicht, ob etwas gut läuft oder nicht", verrät Steffens gegenüber "kress pro".

"kress pro": Herr Steffens, wie der Marktführer RTL programmiert, wird in der Branche genau beäugt. Läuten Sie durch Ihren neuen Schwerpunkt mit Eigenproduktionen am Dienstag jetzt endgültig das Totenglöcklein für die amerikanischen Serien-Ermittler ein, die Ihren Sender so lange prägten?

Philipp Steffens: Die letzte Staffel von "Bones" ist jetzt erfolgreich zu Ende gegangen. Deshalb brauchen wir starken Nachschub. Wir haben uns schon sehr früh mit der Frage beschäftigt, was nach den US-Serien auf den Programmplätzen folgen kann. Auf der einen Seite gingen wir mit amerikanischen Koproduktionen auf die Suche, um die Lücke mit den lang so erfolgreich laufenden US-Serien aufzufüllen. Wir haben uns lange auf dem amerikanischen Markt umgesehen.

"kress pro": Und?

Philipp Steffens: Dort etwas Passendes zu finden, ist durchaus schwieriger, als man sich das vorstellt. Es wurden uns gute Ideen angeboten. Aber zum einen war es nicht überzeugend, dass sie mit den laufenden englischsprachigen Serien, die wir noch im Programm haben, wirklich gut zusammenpassen. Zum anderen war unklar, ob wir solche Programme in der erforderlichen Folgenzahl, die wir über ein ganzes Jahr hinweg brauchen, bekommen würden. Derartige frische Ware gibt es derzeit einfach nicht.

"kress pro": Also selbst machen.

Philipp Steffens: Wir haben bereits 2014 entschieden, vermehrt Formate zu entwickeln, bei denen wir alle Rechte exklusiv haben, um sie über alle Plattformen auszuwerten - sei es im Streaming-Bereich, sei es auf den klassischen linearen Wegen. Früh fiel die Entscheidung, dass wir auch mehr deutsche Fiction zeigen wollen.

"kress pro": Alle Welt redet seit Längerem von der großen Renaissance der Qualitätsserien. Wie viel schwieriger macht diese Erwartungshaltung Ihr Geschäft bei RTL?

Philipp Steffens: Wir sehen schon, dass sich die Branche noch mehr professionalisiert. Die Leute, die von den Filmhochschulen kommen, sind sehr erfahren - auch im seriellen Bereich. Es gibt mittlerweile viele junge Produzenten, die gerade mal 30 oder drunter sind, die ganze Staffeln von Serien mit extrem hohen Budgets erstellen. Vor ein paar Jahren war so etwas noch undenkbar. Weil auf dem Markt so ein großer Bedarf nach guten Serien herrscht, bekommen diese jungen Produzenten ihre Chancen, direkt mit Serien zu reüssieren. Früher musste man sich als Jungkreativer erst mühsam über ein Debüt im Dritten so langsam seine Sporen verdienen. Heute geht das oft schneller. Auch die Kinoproduzenten wenden sich mehr und mehr der Serie zu. Das gilt auch für die Autoren.

"kress pro": Wie sehen solche Zusammenarbeiten konkret aus?

Philipp Steffens: Wir haben eine eigene RTL-Veranstaltungsreihe aufgesetzt mit speziellen Screenings und Workshops, bei denen wir uns mit den jungen Kreativen austauschen und auch zeigen, was wir uns von ihnen für RTL wünschen. Oder wie unsere Haltung zur Comedy aussieht. Wir sprechen über konkrete Beispiele, die uns gefallen, was viel hilfreicher ist als viele Erklärungen. Wir treffen uns in regelmäßigen Abständen mit neuen Talenten, die wir im Rahmen unserer Nachwuchsförderungsmaßnahmen scouten, zu "New talents meet RTL"-Veranstaltungen. Und auch mit den erfahrenen Kreativen treten wir regelmäßig in einen engen Austausch und laden sie in ausgewählten Kreisen zu unseren Veranstaltungsreihen "Created by ...", "Produced by ..." und "Represented by ..." ein.

"kress pro": Wollen die aufstrebenden jungen Talente nicht alle ein zweites "Babylon Berlin" oder ein deutsches "House of Cards", aber nicht gerade eine RTL-Serie drehen?

Philipp Steffens: Diese "New Kids on the Block" sind natürlich derzeit sehr sexy. Aber wir sind es auch. Bei uns kann man eben wirklich viele Menschen erreichen - und Erfolg wirklich spüren. Wenn ich für Netflix produziere, erfahre ich ja nicht, ob etwas gut läuft oder nicht.

"kress pro": Weil die Dienste zumindest nach außen keine Nutzerzahlen veröffentlichen.

Philipp Steffens: Bei uns kann man am Tag danach die Quoten gemeinsam feiern und darauf anstoßen. Viele Produzenten, die ich kenne, wollen genau wissen, wie ihre Serie funktioniert hat - und welche Zielgruppe sie exakt erreicht hat. Wir arbeiten seit Jahrzehnten eng mit unserer Medienforschung zusammen. Und wir können unsere Daten sehr gut lesen. An diesem Wissen lassen wir unsere Kreativen gerne teilhaben, um unsere Serien noch besser zu machen.

kress.de-Tipp: Rupert Sommers Interview mit RTL-Fiction-Chef Philipp Steffens, das hier in Auszügen wiedergegeben wird, ist im Dezember in "kress pro" (10/2017) erschienen. Steffens sagt darin ausführlich, wie er Serien entwickelt und was die Faustformel für eine perfekt passende RTL-Produktion ist. Die "kress pro"-Ausgabe gibt es in unserem Shop als E-Paper oder gedruckt - und im iKiosk. Per E-Mail kann sie unter vertrieb(at)oberauer.com bestellt werden.

"kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. "Zum "kress pro"-Abo.

Ihre Kommentare
Kopf

Peter Batic

21.02.2018
!

Sicherlich kennt Herr Steffens die Rubrik "Zurzeit beliebt" bei netflix. Ein Kreativer ist im Gegensatz zu einem Werbetreibenden nicht darauf angewiesen die genauen Nutzerzahlen zu kennen. Die Quote ist leider auch nicht genau, sondern eine Wert, auf den sich die Werbeindustrie geeinigt hat.


X

Kommentar als bedenklich melden

 
×

Bestätigung

Dieser Kommentar wurde erfolgreich gepetzt.

×

Oooooooooops

Beim Petzen trat ein Fehler auf. Versuchen Sie es bitte noch einmal.

Inhalt konnte nicht geladen werden.