Die Investigativ-Reporterinnen Annelie Naumann und Katja Riedel: "Vielleicht beißen wir ja noch ein bisschen mehr als Männer?"

05.03.2018
 

Kaum 100 Frauen arbeiten in Deutschland im investigativen Journalismus. Warum ist das so? Christian Fuchs, Investigativreporter der "Zeit", hat für das "Medium Magazin" zwei Journalistinnen gefragt, die sich in der Männerdomäne behaupten: Katja Riedel vom Rechercheverbund aus "SZ"/NDR/WDR und Annelie Naumann von der "Welt / WamS".

Christian Fuchs / "Medium Magazin": Wenn ihr an investigative Journalisten hierzulande denkt, wer sind eure Vorbilder?

Katja Riedel: Bei mir ist es Annette Ramelsberger, die ich während des Volontariats bei der "Süddeutschen" kennengelernt habe und die mich erst auf die Idee gebracht hat, investigativ zu arbeiten.

Annelie Naumann: Für mich ist es Anette Dowideit aus meinem Ressort bei der "Welt", weil sie investigativen Journalismus macht, der nicht offensichtlich Geheimdienste oder Terrorismus behandelt, und sich in jedes Thema reinfindet - zum Beispiel Missstände in Unternehmen von Vapiano bis Sixt.

Christian Fuchs / "MM": Das überrascht mich. Bei einer Straßenumfrage, wer welche investigativen Journalisten kennt, wären wahrscheinlich die Namen Leyendecker, Mascolo, Aust oder Wallraff eher gefallen. Warum sind unter den ganz großen Namen auch im Jahr 2017 keine Frauen?

Annelie Naumann: Journalismus ist per se eine Männerdomäne und darum ist es grundsätzlich schwierig, Frauen in führenden Positionen zu finden. Und im investigativen Journalismus noch mal mehr. Ich hatte vergangene Woche ein Treffen mit zwölf Kollegen, da saßen neun Männer und drei Frauen.

Katja Riedel: Ja, dasselbe Zahlenverhältnis begegnet mir auch in dem Bereich, in dem wir uns tummeln. Bei der "Süddeutschen Zeitung" war ich damals eine der wenigen Frauen neben Annette Ramelsberger, die investigativ gearbeitet haben. Ich war jedoch nie fest im Investigativ-Ressort, sondern habe im Lokalen und im Wirtschaftsressort gearbeitet. Das Investigative gilt ja bei vielen als Königsdisziplin. Das, was wir tun - mit der vielen Zeit unter den ökonomischen Bedingungen für Redaktionen heute -, hat ja was Elitäres. Und weil es Frauen insgesamt schwerer haben, werden sie in diese Truppe noch zögerlicher berufen.

Christian Fuchs / "MM": Weil sie es eventuell nicht können?

Annelie Naumann: Oft werden diese Ressorts als Premium-Ressorts angesehen und da muss man erst einmal Schwarzbrot schneiden, bis man da reinkommt. Und das dauert dann eine Weile, bis man dieses Schwarzbrot geschnitten hat. Auf diesem langen Weg kommt bei Frauen dann oft ein Kind dazwischen.

"Es fehlen die Frauen als Vorbilder"

Christian Fuchs / "MM": Um das sich ja heutzutage auch die Männer kümmern könnten ...

Annelie Naumann: Ja, klar. Eine Kollegin hat drei Kinder und macht einen tollen Job. Das ist grundsätzlich alles möglich, aber sie hat sich da auch durchgebissen.

Katja Riedel: Das hat auch mit einem einflussreichen Mentor zu tun. Man sucht sich als Förderer oft eine Person, in der man sich wiederfindet, als man selber jung war. Nach dem Motto: "Mensch, du erinnerst mich daran, wie ich war, als ich jung war. Werde doch auch so wie ich." Aber wenn es keine Frauen an den Schalthebeln gibt in den Ressorts, die dich entdecken können, dann haben es Frauen eben schwerer. Und es gibt einfach seltener den Moment, in dem ein älterer Mann einer Frau zutraut, sich für die harten Männerthemen wie Geheimdienste, Wirtschaft oder Terrorismus zu interessieren. Darum glaubt man vielleicht selbst nicht daran, dass das was für einen wäre.

Und selbstverständlich sind es auch die privaten Umstände. Wer investigativ arbeitet, gibt schon sehr viel Privatleben auf. Bin ich auch um 23 Uhr noch bereit, mit einer Quelle zu sprechen, wenn sie so spät noch anruft und was Spannendes zu berichten hat? Das verträgt sich wahnsinnig schlecht damit, wenn man kleine Kinder hat und die auch ihr Recht fordern, Aufmerksamkeit zu bekommen.

Annelie Naumann: Aber es ist in manchen Redaktionen auch gar nicht angedacht, dass Frauen mit einem kleinen Kind in dem Bereich arbeiten. Ich war mal in einer Redaktion, da gab es Männer, die gesagt haben: Eine Frau muss drei Jahre zu Hause bleiben, wenn sie ein Baby hat.

Christian Fuchs / "MM": Ich sehe also zwei Punkte. Auf der einen Seite fehlen die Frauen als Vorbilder und Anreiz für junge Kolleginnen. Auf der anderen Seite fehlt auch noch die Bereitschaft der Chefs, Kolleginnen investigative Arbeit zuzutrauen.

Annelie Naumann: Ich bin überzeugt davon, dass es einen Mentor braucht, der dich anstupst und eine Weile begleitet. Ich merke schon auch bei uns, dass männliche Kollegen immer mehr auf weibliche Kolleginnen achten, dass da jemand investigativ denkt oder eine Kollegin Biss hat. Die werden dann auch gezielt ins Investigativ-Ressort rübergeholt.

Katja Riedel: Man merkt ja auch, dass das Erfolg hat. Bei mir im Team WDR Investigativ - innerhalb der Recherchekooperation mit der SZ und dem NDR - ist die Chefin eine Frau, die beiden Stellvertreterinnen sind Frauen, Sonia Mikich als Chefredakteurin ist eine Frau und hat dieses Team auch ziemlich stark gefördert. Lena Kampf und ich kümmern uns als Reporterinnen eigentlich um extrem männliche Themen - AfD, Extremismus, Cum-Ex, Terrorismus oder Diesel-Skandal. Und da zeigt sich, dass wir das genauso können und genauso beißen können wie Männer. Vielleicht beißen wir ja noch ein bisschen mehr als Männer?

Christian Fuchs / "MM": Davon bin ich überzeugt. Manchmal kommt es mir jedoch so vor, dass Frauen in unserem Bereich nicht so sichtbar sind. Aus einer spontanen Laune heraus habe ich darum eine kleine, unvollständige Liste auf Twitter veröffentlicht mit investigativen Reporterinnen, die ich kenne und schätze. Das wurde heftig diskutiert. Investigativ zu arbeiten und Öffentlichkeit seien Widersprüche, die "geouteten" Kolleginnen hätten es nun schwerer bei ihren Recherchen. Wie seht ihr das?

Annelie Naumann: Das finde ich nicht. Ich habe bisher keine Probleme, dass Gesprächspartner nicht mehr mit mir sprechen wollten. Unsere Namen konnte man ja auch schon vor der Veröffentlichung der Liste in Suchmaschinen eingeben und dann sieht man anhand unserer bisherigen Artikel sofort, wie wir arbeiten. Und das macht doch per se jeder, der eine Anfrage von uns bekommt. Riedel: Nein, ich fand die Initiative gut. Das Ansinnen war doch, zu zeigen, dass es Frauen gibt, die investigativ arbeiten. Es sind zwar noch zu wenige, aber es gibt sie. 

kress.de-Tipp: Das komplette Interview beim Gipfel der Investigativ-Reporterinnen können Sie in der "Medium Magazin"-Ausgabe 6/2017 Schwerpunktthema: Zukunft des Journalismus nachlesen. Es ist die Titelgeschichte der Jahresedition "Journalistin 2017", die Teil des Heftes ist. In dem Gespräch zwischen Christian Fuchs, Annelie Naumann und Katja Riedel geht es auch darüber, wieso sich die Investigativ-Reporterinnen manchmal Kosenamen gefallen lassen müssen und als "Schlampe" beschimpft werden und wie man den Pay Gap zwischen weiblichen und männlichen Journalisten wegbekommt. 

Die "Medium Magazin"-Ausgabe kann gedruckt oder als E-Paper bestellt werden - auch per Mail an vertrieb(at)mediummagazin. Das Heft gibt es auch im iKiosk. Zum Abo hier entlang.

Das "medium magazin" - das Magazin für Journalisten, in dem aktuelle Branchenthemen diskutiert und beleuchtet werden - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteurin ist Annette Milz. Sie ist auch Herausgeberin der Journalisten-Werkstätten.

Zu den Personen: Katja Riedel  ist freie Journalistin und arbeitet als TV-Reporterin unter anderem für das Investigativ-Ressort des Westdeutschen Rundfunks in Berlin und für die "Süddeutsche Zeitung", wo sie zuvor als Redakteurin gearbeitet hat. Sie gehört zum Team der Recherchekooperation WDR, NDR, SZ. Das crossmediale Arbeiten hat sie an der Deutschen Journalistenschule gelernt. Sie hat schon zu vielen Themen gearbeitet - aktuelle Schwerpunkte sind AfD, die Verflechtungen von Politik und Wirtschaft und Integration.

Annelie Naumann, 35, Autorin im Ressort Investigation und Reportage von "Welt/ Welt am Sonntag". Sie begann ihre Karriere bei den "Norddeutschen Neuesten Nachrichten" in Rostock und arbeitete danach auch für Spiegel Online und das Recherchebüro Correctiv. Ihre Themen sind die Neue Rechte, die Entwicklungen in der Türkei und Migration.

Christian Fuchs, 38, ist Autor im Investigativ-Ressort der "Zeit". Davor arbeitete er für den NDR, die "Süddeutsche Zeitung" und den "Spiegel". Er ist mehrfach ausgezeichnet, gehörte unter anderem schon öfter zu den "Journalisten des Jahres" des "medium magazins". Im September veröffentlichte er auf Twitter eine Liste mit investigativen Reporterinnen in Deutschland, um die Kolleginnen sichtbarer zu machen. Das "Medium Magazin" bat Christian Fuchs als Initiator der Twitterliste, das Rad weiterzudrehen und mit zwei Kolleginnen über deren Perspektive auf die Debatte zu diskutieren. Das Gespräch mit Katja Riedel und Annelie Naumann fand im Oktober in Berlin statt.

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