Vor Millionenpublikum bei der Goldenen Kamera: Verlegerin Julia Becker warnt vor Angriffen auf Pressefreiheit

 

An dem Tag, an dem die AfD über einen unsäglichen Antrag gegen Deniz Yücel abstimmen ließ, hob Julia Becker, Verlegerin der Funke Mediengruppe, die Rolle der Pressefreiheit für die Gesellschaft hervor. "Jeder Journalist, der zu Unrecht in Haft ist, weil er seiner Arbeit nachgeht, ist für uns nicht tolerierbar", warnte Julia Becker vor einem Millionenpublikum und erntete großen Applaus.

Noch nie zuvor hat eine Verlegerin (übrigens auch kein Verleger) mit einer Rede in der Primetime des deutschen Fernsehens so klar und deutlich Stellung bezogen. Becker verriet in ihrer Rede, dass die Jury der Goldenen Kamera eigentlich geplant hatte, Deniz Yücel mit einem Sonderpreis auszuzeichnen: "Als Zeichen der Solidarität - und als Symbol für Pressefreiheit", erklärte Becker. Der Journalist der "Welt" war in der vergangenen Woche nach über einem Jahr Haft in der Türkei frei gekommen: "Deniz Yücel hat uns gebeten, ihm diesen Preis jetzt nicht mehr zu verleihen, weil sich der Anlass für unser Zeichen der Solidarität in seinem Fall erübrigt hat. Gottseidank!", sagte Becker.

Gerade für Journalisten ist es ein ermutigendes Zeichen, dass die Großverlegerin, unter anderem von "Westdeutsche Allgemeine Zeitung", "Hamburger Abendblatt", "Braunschweiger Zeitung" oder "Hörzu", an den Wert von Journalismus für die Gesellschaft erinnerte. Und auch klare Kante gegen die oftmals offen rassistische AfD einnahm, ohne diese Partei namentlich zu erwähnen: "Selbst in unserer Republik wird die Arbeit der Journalisten von politischen Randgruppen als Lügenpresse diffamiert", erklärte Becker, und machte klar: "Wer Hand anlegt an den unabhängigen Journalismus, zerstört die Grundlagen unserer freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft. Und das dürfen und werden wir nicht zulassen. Deshalb werden wir weiter unermüdlich über Missstände berichten. Wir wollen durch gute, präzise journalistische Arbeit überzeugen. Und wir werden uns weiter dafür einsetzen, dass jeder Journalist ohne Angst vor Zensur oder Repressalien seinen Beruf ausüben kann", betonte Julia Becker.

Dass Becker sich persönlich für den Kampf um die Pressefreiheit einsetzt, macht deutlich, dass die junge, neue Funke-Generation nicht nur die Freuden des Verlegerdaseins genießen möchte, sondern sich in die Gestaltung der Medienzukunft aktiv einmischen will und wird. Die Messlatte ist hoch und bislang war das Thema Pressefreiheit eigentlich vor allem eine Herzenssache von BDZV-Präsident Mathias Döpfner von Axel Springer, der sich in den vergangenen Tagen, nach der Freilassung Yücels und einer Pressekonferenz mit Außenminister Sigmar Gabriel in der "Welt"-Redaktion, aber eher zurückhaltend bis gar nicht geäußert hat. Gut, dass Becker die Gelegenheit genutzt hat, um deutlich Position zu beziehen.

Zurück zu altem Glanz

Noch im vergangenen Jahr stand die Goldene Kamera als Veranstaltung selbst auf der Kippe. Grund: der Doppelgänger-Streich der Moderatoren Joko und Klaas, die für "GoslingGate"-Schlagzeilen sorgten: Sie schmuggelten ein Ryan-Gosling-Double auf die Bühne - vor den Augen des Saalpublikums und von drei Millionen TV-Zuschauern nahm der falsche Hollywoodstar den Preis für den Film "La La Land" entgegen.

Nach der festlichen Preisverleihung mit viel deutscher und internationaler Schauspiel-Prominenz (unter anderem nahmen Ewan McGregor, Naomi Watts, Liam Neeson und Christiane Hörbiger persönlich ihre Auszeichnungen entgegen), die das ZDF am Donnerstagabend live übertrug, lobten viele Gäste die Veranstaltung, die neben Hubert Burdas Bambi als wichtigste Preisverleihung für Film und Fernsehen gilt. "GoslingGate" ist längst Geschichte, war am Abend in Hamburg auch kein Thema.

Aus der Publishing-Welt vor Ort waren neben vielen Top-Managern und Chefredakteuren von Funke u.a. VDZ-Präsident Rudolf Thiemann, die Hamburger Verlegerin Yvonne Bauer, Philipp Welte von Burda, Bauer-Manager Jörg Hausendorf, FAZ-Geschäftsführer Thomas Lindner oder WDR-Intendant Tom Buhrow vor Ort. Aus dem Funke-Aufsichtsrat gesichtet wurden u.a. Niklas Jakob Wilcke und Nora Marx sowie NRW-Europaminister Stephan Holthoff-Pförtner mit Ehemann Klaus Sälzer und Sohn Georg Scheid.

Einer, der die vergangenen Jahre die Geschicke der Funke Mediengruppe führte, fehlte allerdings - Manfred Braun, in Kürze ausscheidender Geschäftsführer des Essener Medienhauses, ließ sich in Hamburg nicht blicken. Ob unentschuldigt oder entschuldigt - unklar. Dafür vor Ort - sein Mit-Geschäftsführer Michael Wüller.

AfD-Antrag fiel im Bundestag durch

Die AfD, das sei hier noch aus chronistischer Pflicht notiert, fiel im Bundestag mit ihrem Antrag gegen Deniz Yücel übrigens durch. Sie hatte gefordert, dass die Bundesregierung bestimmte Äußerungen des Journalisten in früheren Zeitungsbeiträgen missbilligen solle. Mit einer klaren Mehrheit von 552 Nein-Stimmen lehnte das Parlament den Antrag ab; 77 Abgeordnete stimmten dafür (die AfD-Fraktion hat 92 Abgeordnete); ein Parlamentarier enthielt sich.

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hatte zuvor der AfD-Fraktion vorgeworfen, das Parlament für Medienhetze zu missbrauchen. Es sei "geradezu absurd, dass die AfD den Bundestag als Bühne für ihr gestörtes Verhältnis zur Presse- und Meinungsfreiheit benutzen will", kritisierte der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall.

Ihre Kommentare
Kopf

nocheinleser

25.02.2018
!

"Dass Becker sich persönlich für den Kampf um die Pressefreiheit einsetzt, macht deutlich, dass die junge, neue Funke-Generation nicht nur die Freuden des Verlegerdaseins genießen möchte, sondern sich in die Gestaltung der Medienzukunft aktiv einmischen will und wird. "

Für die Pressefreiheit zu sein ist auch eine wirtschaftlich relevante Entscheidung. Schließlich hat Funke einiges in den Zeitungskauf investiert, der sich möglichst lange rechnen soll....


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