Gabor Steingart warnt zum Abschied: "Nostalgie ist kein Geschäftsmodell"

 

Zum ersten Mal äußert sich Gabor Steingart nach seiner Demission beim "Handelsblatt". In einem Brief an die Belegschaft, der kress.de vorliegt, warnt Steingart davor, zurück in alte Muster zu fallen. Sein Abgang ändere nichts an der Notwendigkeit einer "kraftvollen Digitalstrategie", erklärt Steingart. Und macht klar: "Nostalgie ist kein Geschäftsmodell."

In der mit "Dank und Abschied" betitelten Nachricht, die am Freitag die Mitarbeiter erreichte, verzichtet Steingart darauf, im Detail auf die Hintergründe zur Trennung einzugehen (Hinweis: Der in Kürze erscheinende "Wirtschaftsjournalist" beleuchtet Steingarts Abgang in seiner Titelgeschichte. Hier bestellen.) Steingart geht lediglich auf den Streit um seinen Kommentar im "Morning Briefing" zu Martin Schulz ein. Ihn habe Dieter von Holtzbrincks "Handhabung der Presse- und Meinungsfreiheit in Sachen Martin Schulz" vom Verleger entfremdet.

Was Leserinnen und Leser von kress.de längst wissen, bestätigt Steingart in dem Schreiben nun offiziell: "Abberufung und Hausverbot: Der redaktionellen Unabhängigkeit wurde damit sicher kein Dienst erwiesen", betont der ehemalige Herausgeber vom "Handelsblatt". Für ihn sei die "Freiheit des Andersdenkenden nicht verhandelbar", hält sich Steingart mit seiner Enttäuschung nicht zurück.

Steingart schreibt aber auch, wie es dem Medienhaus geht: "Das Unternehmen befindet sich wieder auf Erfolgskurs. Wir wachsen. Wir stellen ein. Wir investieren." Steingart hebt auch die Erfolge hervor, die es in seiner Amtszeit gegeben habe: "Die Transformation vom Druck- und Verlagshaus alten Typs zum modernen Medienunternehmen ist nicht vollendet, aber gut voran gekommen. Das neue Hauptquartier ist das Symbol dieser Verwandlung, die ich immer auch als die Wandlung von Menschen erlebt habe."

Die Pläne der Geschäftsführung für die Zukunft habe er dem Verleger vorgestellt: "Mein Abgang ändert nichts an der Notwendigkeit einer kraftvollen Digitalstrategie" für "Handelsblatt" und "Wirtschaftswoche"; Nostalgie sei kein Geschäftsmodell, erklärt Steingart.

Der ehemals wichtigste Mann beim "Handelsblatt" dankt den Chefredakteuren, Herausgebern und Geschäftsführern des Hauses, lobt sie als "Menschen mit Haltung". Sie hatten in einem Brandbrief an Dieter von Holtzbrinck von einem "verheerenden Zeichen für die publizistische Unabhängigkeit, die weitere wirtschaftliche Entwicklung und die Unternehmenskultur des Hauses" geschrieben: "Diese Gradlinigkeit hat mich beeindruckt. Das Unternehmen hat zwar seinen Chef verloren, aber nicht seinen Stolz", ist Steingart überzeugt.

"Es geht jetzt nicht mehr um mich. Es geht um die Würde des Unternehmens und den Respekt gegenüber der anderen Meinung. Und es geht um die Zukunft dieser Mediengruppe, die Sie ab morgen kraftvoller denn je in die eigene Hand nehmen müssen. Zukunft ist das, was Sie daraus machen. Sie sind die Handelsblatt Media Group", wird Steingart zum Schluss emotional.

Steingart geht in seinem Brief nicht auf die Rede ein, die Dieter von Holtzbrinck beim Townhall vor der Belegschaft gehalten hatte. Dort hatte Dieter von Holtzbrinck gesagt, dass Steingart Ende 2020 aus den aktiven Rollen beim "Handelsblatt" aussteigen wollte.

Jetzt auf kress.de: Gabor Steingarts Abschiedsbrief im Original.

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