Martin Kalls Rückzug bei Funke und FAZ: "Hecht im Karpfenteich"

 

Wer ist der Mann, der als Aufseher bei der Funke Mediengruppe und der FAZ dem Top-Management auf die Finger geschaut hat und jetzt abtritt? Aus dem Oberauer-Archiv: Ein Porträt von Margrit Sprecher, erschienen im Juli 2008 im kress.de-Schwesterblatt "Schweizer Journalist", bringt den Medien-Manager ein Stück weit näher.

Martin Kall, heute 57 Jahre alt, war zehn Jahre lang bis Ende 2012 an der Spitze des Schweizer Medienhauses Tamedia. 2013 hat der gebürtige Bergisch-Gladbacher bei der Funke Familiengruppe (früher WAZ Mediengruppe) angeheuert, war dort auch Vorsitzender vom Gesellschafterausschuss (heute Aufsichtsrat). Kall gehört unter anderem auch dem Aufsichtsrat der Frankfurter Allgemeinen Zeitung GmbH (FAZ) an.

Nach kress.de-Infos gibt Kall, der sich auf kress.de-Anfrage zu seinem Engagement in der Zukunft nicht äußern möchte, mindestens beide Aufsichtsratsposten in Deutschland auf.

Aber wer ist der Mann? Um Martin Gudula Heinrich Kall, so sein kompletter Name, näher zu kommen, veröffentlichen wir im Original das Porträt "Hecht im Karpfenteich", das Margrit Sprecher, Mitherausgeberin des kress.de-Schwestertitels "Schweizer Journalist", im Jahr 2008 über Martin Kall geschrieben hat.

Seit sechs Jahren gibt Tamedia-CEO Martin Kall den Takt in der Schweizer Medienbranche an - ein Porträt.

Natürlich reizt sein Name, kurz wie ein Peitschenknall, die Fantasie der Opfer. Unzählige Wortschöpfungen kursieren auf Redaktionen und Verlagen, von kallhart bis kallherzig, von Kallaschnikoff bis Kallschläger. Dabei wissen alle aus eigener, leidvoller Erfahrung nur allzu gut: An diesem Mann mit seinem "unzerstörbaren Chromstahl-Oberflächenglanz" perlt jede Beschimpfung ab.

Statt einen Rolls-Royce wie andere Verleger fährt er einen Kleinwagen und sucht lange nach einem Gratis-Parkplatz, bevor er ins Parkhaus einbiegt.

Viele, die mit Martin Kall zu tun hatten, können dieses Image mit eigenen Beispielen untermauern. Als Ringier-Verantwortlicher für Osteuropa, gab sich Kall in Prag gerade eine Stunde Zeit, um acht Kaderangehörige zu entlassen. Macht pro Mann 7 1/2 Minuten. Wollten die Gefeuerten wissen, was sie falsch gemacht hatten, verwies er auf den Vertrag: Die Angabe von Gründen war kein Bestandteil des Papiers.

Als CEO der Tamedia bearbeitet er widerspenstige Verhandlungspartner, so Theodor Gut von den Zürichsee-Medien, "mit einem Wechselbad aus Charme-Offensive und anticipation of horror". Der Horror ist bereits in vollem Gange: Fünf "Tages-Anzeiger"-Regionalsplits sollen das Abo der Zürcher Landzeitungen überflüssig machen. 

Aber Martin Kall beherrscht nicht nur das Flächenbombardement; er kann auch mit dem Florett fechten. So liess er die "du"-Abonnentenliste nach den Namen der hundert Kulturschaffenden durchforsten, die sich in einem offenen Brief über Kalls Verkauf der Kunstzeitschrift empörten. Ergebnis: Gerade zwei Kulturkämpfern war das Blatt so wichtig gewesen, dass sie es auch abonniert hatten.

Trifft man Martin Kall persönlich, scheint man alles ganz falsch verstanden zu haben. Am Sitzungstisch sitzt ein Mann, der sich sichtlich wohl in seiner Haut fühlt, straff und locker zugleich wie ein durchtrainierter Sportler und von seinen regelmässigen Besuchen bei seiner 88-jährigen Mutter in Köln spricht. Von seinen Velotouren mit Gattin und zehnjährigem Sohn durch die Schweiz.

Davon, dass man überall zu spät kommen darf, nur nicht beim Abholen seines Kindes im Kindergarten. Und dass sein Haus in Zollikon nur gemietet ist: "Schliesslich heisst es Immobilie". Unüberhörbar der spöttische Unterton: Erstens gehört Unbeweglichkeit zu den Schreckvorstellungen eines Menschen, der sich entspannt von Land zu Land und Aufgabe zu Aufgabe zu schwingen pflegt. Zweitens muss, wer selbst in einer 250-jährigen Villa aufgewachsen ist, diesen Traum im späteren Leben nicht mehr nachholen. Überdies - und das ironische Lächeln in seinen Augen verstärkt sich: "Manager, die sich grosse Häuser bauen, wollen ein Réduit."

Auch andere Statussymbole der Macht interessieren ihn nicht. Statt einen Rolls-Royce wie andere Verleger fährt er einen französischen Kleinwagen und sucht stets lange nach einem Gratis-Parkplatz, bevor er ins Parkhaus einbiegt.

Verhandlungen führt er lieber in Autobahnraststätten als in der "Kronenhalle". Und nur selten taucht er bei Branchen-Festivitäten auf. "Die Leute wollen ja nicht mich persönlich kennenlernen; sie wollen den Mann in meiner Stellung treffen." Ausserdem langweilt das unweigerlich aufkommende Branchengespräch die Ehefrauen. 

"Harte Sanierung"

Sein erster Satz als CEO bei Tamedia, "Wir überprüfen derzeit alles", löste Panik in den Redaktionen aus, vor allem in der angeschlagenen Cashcow "Tages-Anzeiger". Hier war man an Vorgesetzte gewöhnt, mit denen bei einem Glas Wein vieles möglich wurde, und an eine Besitzerfamilie, die ihre schützende Hand über Mitarbeiter und Titel hielt. Jetzt gingen im Haus deutsche Beratungsteams, sogenannte Kall-Boys, ein und aus und rapportierten dem Boss, was sie sahen. Die Folgen: 450 Entlassene, öffentlich abgekanzelte Chefredaktoren und eingestellte Verlustbringer, darunter Facts. Auch die interne Aus- und Weiterbildung der Journalisten wurde gestrichen. Für die Redaktionen eine Bestätigung ihres Verdachts: Publizistische Inhalte und deren Qualität interessierten Martin Kall nicht. "Wahrscheinlich sind sie für ihn nur eine Art Graumasse, die es zu kapitalisieren gilt," vermutet ein ehemaliger Tamedia-Chefredaktor.

Weitere Sparmassnahmen schienen eher auf psychologische Wirkungaus. So schloss er abends die Kantine und bestückte dafür die Automaten mit, wie Karikaturist Nico schimpfte, "vertrockneten Käsesandwiches". Und den Lohn einer Sekretärin stufte er auf kapriziöse 68 Prozent herunter. Merke: In diesem Haus wird fortan mit jeder Minute gerechnet.

Martin Kall gilt bei vielen seiner Untergebenen als unnahbar

Auch die überlebenden Tamedia-Titel durften nicht auf Schonung hoffen. Im Gegenteil. Nach seinem Motto "Jeder Titel muss für sich bestehen" und "Der Stärkste wird gewinnen", setzt er immer neue Spielfiguren an den Start und schaut zu, wer beim Rennen auf der Strecke bleibt. Das Stöhnen in den Redaktionen über Kannibalismus im eigenen Haus überhört er: die üblichen Kollateralschäden.

Wunderwaffe

Heute, nach sechs Jahren, hat Martin Kall nicht nur die Tamedia, sondern die gesamte Schweizer Medienlandschaft umgepflügt. Ungewohnt ist hierzulande vor allem das Tempo, das er dabei vorlegt. So schnappte er die "Thurgauer Zeitung" der reaktionsträgen "NZZ" vor der Nase weg. Jeder andere hätte diesen Siegabends mit einem Fest in Frauenfeld gefeiert. Martin Kall fuhr unverzüglich nach Zürich zurück, um sein Tagewerk zu vollenden.

"Kall ist der Beweis dafür, dass die Geschichte nicht kriecht, sondern springt." Ein ehemaliges Tamedia-Kadermitglied

"Kall ist der Beweis dafür, dass die Geschichte nicht kriecht, sondern springt," sagt ein ehemaliger Kadermitarbeiter. Als seine grösste verlegerische Tat stuft die Branche den Kauf des Pendlerblattes "20 Minuten" ein: Er hatte als Einziger die Sprengkraft der Gratisblätter erkannt. Um die ausländischen Besitzer, ohnehin nur halbherzig bei ihrem Produkt, verkaufsmürb zu machen, liess er eine aus dem Boden gestampfte Redaktion samt Verlag und Inseratenabteilung am geplanten Konkurrenzblatt "Express" arbeiten. In der Nacht, als die Redaktion auf ihre erste Nummer anstiess, teilte er ihr das Aus mit: "20 Minuten" hatte soeben die Waffen gestreckt. Inzwischen gehört das Blättchen zu den rentabelsten Zeitungen der Welt.

Wie wirksam Phantomzeitungen im Kampf um Marktanteile sind, hatte er früh entdeckt. Der erste Schweizer, an dem er die Wunderwaffe ausprobierte, war der Aargauer Verleger Peter Wanner gewesen. "Martin Kall, damals noch bei Bertelsmann, verstand es, mir klarzumachen, dass ich ihm meine "Autotechnik" besser gleich verkaufe, bevor er mit einem Konkurrenzprodukt ihren Wert halbiert."

"Kalls Truppen-Aufmarsch - bis an die Zähne bewaffnet"

Greifen die Einschüchterungsszenarien nicht, setzt Martin Kall auf den Abnützungskampf. In Solothurn setzt er den Zeitungskampf der Vorbesitzerin Espace fort und bringt sein Schlachtschiff "Solothurner Nachrichten" mit einem Dumpingangebot gegen die alteingesessene "Solothurner Zeitung" in Stellung. Sein zweites Gratisblatt "News" soll die Konkurrenz ".ch" aushungern.

Kalls Kämpfe

"Wie ein Hecht im Karpfenteich," erlebt ein Verleger Kalls Auftauchen in der beschaulichen Schweizer Medienwelt. Bis lang hatte man sich hierzulande auf ein Gentleman's-Agreement verlassen, das es jedem Verleger verbot, das Hoheitsgebiet seines Nachbarn zu verletzen. Zudem sprudelten die Einnahmen auch ohne eigenes Zutun reichlich. "Manche Verleger hatten ihr Geschäft bequemerweise delegiert: die Inhalte an die Journalisten, Marketing und Verkauf an die Publicitas. Zu lange sah mancher Familienbetrieb seine Zeitung als bequeme Lizenz zum Gelddrucken an," sagt Norbert Neininger von den "Schaffhauser Nachrichten". Und Matthias Hagemann von den "Basler Zeitung Medien" ergänzt: "Vielerorts wurde zu spät erkannt, dass der Medienbetrieb eine Industrie wie jede andere geworden ist."

"Es gibt genügend abschreckende Beispiele, wo sich die Manager wie die Besitzer aufführen." Martin Kall, Tamedia-CEO

Dem studierten Historiker Martin Kall erscheint die Schweizer Zeitungslandschaft "wie die alte Eidgenossenschaft vor Napoleon: Lauter kleine, verzettelte Fürstentümer, die nicht wissen, wohin berichten". Jetzt ist er daran, sie, wie Napoleon, zu ihrem Glück und vereinter Stärke zu zwingen. Erst sucht er die Zusammenarbeit. Liefert, wie der "Basler Zeitung," das "TagesAnzeiger"-Magazin und die Pendlerzeitung "News". Oder pflegt, wie mit den "Schaffhauser Nachrichten", ein Inseratenkombi. Hat er diesen Fuss - manche sprechen vom Trojanischen Pferd - in den Vorgarten gesetzt, ist die Abhängigkeit geschaffen.

Freiwillige und unfreiwillige Geschäftspartner erleben den Aufmarsch der Kall-Truppe wie eine bis an die Zähne bewaffnete Macht. Aktenberge werden auf dem Konferenztisch in Stellung gebracht, sorgfältig von Kalls Stab zusammengestellt. "Wir haben gar nicht die Leute, um so was zu machen," sagt Matthias Hagemann von der Basler Medien Gruppe.

Kall selbst ist sich seiner Taktik und Überzeugungskraft so sicher, dass er sogar mit Partnern verhandelt, gegen die er gleichzeitig prozessiert. Tatsächlich kann sich niemand seiner Ausstrahlung und Präsenz entziehen. Seine Attacken kommen blitzschnell, mühelos schwenkt er von Respekt zur Drohung, sämtliche wichtigen Zahlen hat er im Kopf. Dazu weiss er alles über die Geschichte des Kantons, in dem er sich gerade befindet. "Ein Mann," lobt Norbert Neininger, "mit dem man nicht nur über Inseratenpreise reden kann. Geistreich, witzig und überaus sympathisch, so lange  man nicht auf seinem Speisezettel steht". Um dieses zu verhindern, versucht der Schaffhauser Verleger, Kall davon zu überzeugen, dass "kooperieren sinnvoller ist als kaufen." Kall-Kenner winken ab: illusorisch. Martin Kall selbst sagt unverbindlich: "Wir müssen nicht alles besitzen."

Den heftigsten Widerstand gegen das Zürcher Medien-Monopol leistet der Aargauer Peter Wanner mit seiner AZ Medien-Gruppe. Kein Wunder - die 4. Wanner-Generation steht in den Startlöchern. Mit dem Kauf der "Basellandschaftlichen Zeitung" versucht er,Kalls Umzingelung zu durchbrechen. Mit einer eigenen Sonntagszeitung"Sonntag" forderte er Kalls "Sonntags-Zeitung" heraus. Denn, so findet er: "Wer an einen Einheitsbrei aus Zürich glaubt, kann geradeso gut die Kantone aufheben." Auch für Matthias Hagemann unterscheidet sich die Zürcher Sicht oft erheblich von der eigenen: "Themen wie die Swissair, Banken oder Chemie sehen wir in Basel ganz anders."

Für Martin Kall ist die lokale Verwurzelung "eine wichtige Anforderung an die Zeitungen der Zukunft", aber in ihrer absoluten Gewichtung auch Mythos und Wunschdenken:  "Die urbane Schweiz ist längst Wirklichkeit. Wenn ich von Bern nach Zürich oder von Zürich nach Basel fahre, sind die Züge voll von Menschen, die täglich pendeln."

Wobei es der jungen Leserschaft immer unwichtiger wird, woher ihre News stammen.

Dass freilich die Tamedia 2007 mit einem Schlag vom Zürcher zum nationalen Medienunternehmen wurde, ist nicht Kalls Verdienst. Den ersten Schritt zur Verschmelzung der Berner Espace-Gruppe mit der Tamedia machte Charles von Graffenried selbst. Ohne sentimentale Anwandlungen, wie bei ihm üblich: "In Familienbetrieben gibt es immer viele Empfindlichkeiten und Rücksichtsnahmen. Bei Kall habe ich es mit jemandem zu tun, der geschäftlich denkt."

Der kühle Stratege

Für Matthias Hagemann kippte damit die Schweizer Medienbalance von einem Tag auf den andern. Dass ihn die Branche jetzt mit frohem Graus als nächstes Tamedia-Opfer sieht, lässt ihn kühl: "Wenn jemand Eroberungsgelüste hätte, könnte er es ja versuchen. Wir wüssten uns zu wehren." Wobei er sich keine Illusionen macht: "Ein Manager mit den strategischen Qualitäten eines Martin Kall, gepaart mit Bildung - das ergibt eine gefährliche Kombination."

Charisma

Auch andere Verlegerschwanken, trotz erlittener Blessuren, zwischen Faszination und Furcht. Wie eine Beschwörung wiederholen sie den Ausdruck: "Hart, aber fair". Bitte, schliesst Martin Kall nicht selbst grosse Geschäfte per Handschlag ab? Lügt nie, schweigt lieber. Ein Mann ohne alle Allüren, bescheiden und locker. Kann zuhören, stellt Fragen und hat, als Herr über seine Agenda, immer Zeit für wichtige Gespräche. So wie für eigenhändig verfasste Geburtstagswünsche an seine Geschäftspartner.

Selbst für seine rüden Verhandlungspraktiken finden sie Verständnis. Er muss so sein! Schliesslich führt er ein börsenkotiertes Unternehmen und ist für dessen gestärkte Marktstellung und Rendite verantwortlich. Tatsächlich sieht sich Martin Kall vor allem als loyaler Soldat im Solde des Verwaltungsrats. "Es gibt genügend abschreckende Beispiele, wo sich die Manager wie die Besitzer aufführen." Seine Stellung unterstreicht er damit, dass er - bislang - keine Tamedia-Aktien besitzt: "Ich bin da altmodisch. Wir haben anständige Saläre, Boni und Pensionskassen; da braucht es keine weiteren Abfindungen."  Kein Wunder, ist der Verwaltungsrat des Lobes voll über seinen Topmanager: Er rapportiert nicht nur offen, getreulich und schonungslos, er lässt auch die Dividenden sprudeln: Im ersten Halbjahr waren es 14 Prozent. Und dies, obwohl nicht nur seine Feldzüge, sondern auch seine Berater viel Geld kosten. Denn ohne Analyse geht bei Martin Kall nicht mal der Relaunch der Mitarbeiterzeitung über die Bühne.

"Die glücklichste Entscheidung hat er ganz ohne Analyse getroffen. Vier Wochen, nachdem er Anne erstmals getroffen hat, war er mit ihr verheiratet."

"Ich habe noch nie einen Managergetroffen, der derart kopflastig und zahlen- und benchmarkgläubig ist," sagt eine Mitarbeiterin. "Alles, was unscharfe Ränder hat, ist ihm suspekt. "Martin Kall widerspricht nicht. Auch wenn er die glücklichste Entscheidung seines Lebens ganz ohne Analyse getroffen hat: Vier Wochen, nachdem er die Westschweizerin Anne erstmals getroffen hat, war er mit ihr verheiratet.

Handicaps

Analysen, das lehrten ihn seine Manager-Erfahrungen in Osteuropa, Spanien und den USA, "liefern die nützlichsten und zuverlässigsten Angaben über eine Kultur, die man sich erarbeiten muss, weil man in ihr nicht aufgewachsen ist." Besonders in der emotionalen Medienbranche "braucht es Analytiker, die ihre Emotionen analytisch überprüfen und in Zahlen fassen."

Kalls Credo: "Es braucht Analytiker, die ihre Emotionen analytisch überprüfen und in Zahlen fassen".

Andere sehen in seiner Analysen-und Zahlengläubigkeit zugleich sein grösstes Handicap. "Er glaubt, dass man mit Geld alles kaufen kann,"  sagt ein ehemaliger Mitarbeiter. So vermochte Kall nicht nachzuvollziehen, dass dem Besitzer der Jean Frey AG die ideologische Nähe eines Käufers wichtiger war als Kalls hohes Angebot. Und er findet es seltsam, dass die Schweizer dem teuren Lokalblatt die Treue halten, obwohl er sie mit Gratis- und Billig-News aus Zürich überschüttet. Ja, dass "sein Einfallen und Aushungern sogar zu einem Abwehrreflex bei der Leserschaft führt," wie es Peter Wanner ausdrückt.

Denn Emotionen sind Martin Kall fremd. Ja, er wundert sich immer wieder darüber, dass viele Menschen "das Geschäftliche so persönlich" nehmen. Christian Müller beispielsweise, heute Geschäftsleiter der Solothurner Vogt-Schild-Gruppe und damit im Tamedia-Visier, bekam als Kall-Untergebener immer wieder zu hören: "1. Ich sei zu emotional. 2. Ich sei ein Moralist."

Was ihm mancher Schweizer Verleger besonders übel nimmt: Als Deutscher kann er seine Strategien ohne Rücksicht auf familiäre und lokale Gegebenheiten durchziehen. Er hat weder Militär- noch Golf- oder Rotarykollegen, braucht weder einem Politiker noch einem Inserenten gefällig zu sein. Für Kall eine Selbstverständlichkeit: "In einer operativ handelnden Position muss man die Unabhängigkeit vertreten."

Auch in der Tamedia-Familie hält er auf Abstand. Alle Produkte, ob "Schweizer Bauer " oder "Annabelle", behandelt er mit der gleichen Korrektheit. Er kennt weder Lieblinge noch Koalitionen. Mit niemandem ist er per Du. Keinem käme in den Sinn, unangemeldet in sein Büro zu platzen. Ein geplantes regelmässiges Kaderessen zwecks Erwärmung des Betriebsklimas schrumpfte schon bei der ersten Wiederholung zur Sitzung mit Sandwiches.

Powerplay

Viele erklären sich Martin Kalls Erfolge damit, dass er sich selbst nicht wichtig nimmt - eine Seltenheit in der Welt der grauen Managermäuse. Ausserdem bereitet ihm das Power Play Vergnügen. Ein zusätzliches Hobby braucht er nicht.

Wie ein Schachspieler ist er den anderen - agil, smart und aggressiv - stets zwei Züge voraus. Und während seine Gegner noch verkrampft den nächsten  Zug überlegen, hat er schon das nächste Spiel vor Augen. Seltsamerweise entschärft seine Art auch manchen Kündigungsschock. Die Betroffenen nehmen ihre Entlassung weniger persönlich, denn als Schicksalsschlag und Spielerpech.

Ein Porträt von Margrit Sprecher

kress.de-Tipp: Dieses Porträt über Martin Kall erschien zuerst in der Ausgabe 08/09 2008 im kress.de-Schwesterblatt "Schweizer Journalist". Bestellen Sie hier Ihr persönliches Abonnement der Schweizer Journalisten-Zeitschrift, die ebenfalls im Medienfachverlag Oberauer erscheint.

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