Wie "Main Post"-Chefredakteur Michael Reinhard mit einem Recherche-Fehler umging

 

JOURNALISMUS! Lokalreporter machen Fehler, vertrauen beispielsweise Facebook mehr als ihrer Recherche - und spüren hautnah den Zorn ihrer Leser. Wie geht eine Redaktion damit um? Paul-Josef Raue fand für seine Kolumne heraus, wie der Chefredakteur der Würzburger "Main Post" mit einem groben Recherche-Fehler umging, seine Redaktion einband und vorbildlich Transparenz für seine Lesern schuf.

In Arnstein, einer 8000-Einwohner-Stadt,  geht nichts mehr seinen normalen Gang, nachdem ein Vater die Leichen seiner Kinder und von vier Freunden  in einer Gartenlaube entdeckt hatte. Die "Tagesschau" meldet das Unglück, doch wichtig für die Arnsteiner ist die "Main Post", die Zeitung am Ort, die ausführlich berichtet. Da die Polizei keine Ursache ausschließen kann, spekulieren die Reporterinnen über "die Möglichkeit, dass die Jugendlichen durch gemeinsam eingenommene Drogen zu Tode gekommen sein könnten. Denn Vermutungen, dass synthetische Drogen im Spiel gewesen sein könnten, hatten nach Bekanntwerden des Dramas in den sozialen Netzwerken die Runde gemacht."

Anlass für die Spekulationen sind zum einen die Hinweise auf Facebook, zum anderen die Aussage der Polizei, sie könne und wolle Spekulationen nicht kommentieren. So schreiben die Reporterinnen weiter: "Nach Aussagen von Jugendlichen aus dem Landkreis Main-Spessart sind angeblich ,synthetische Drogen in Arnstein nicht ungewöhnlich'." Die Jugendlichen bleiben anonym,  die Hinweise vage, Recherchen unüberprüfbar: alles ist "angeblich", wie es auch im Text steht.

Jeder Reporter kennt diesen Adrenalin-Ausstoß: Die Polizei tappt im Dunkeln, die Zeitung hat schon eine vielversprechende Spur! Aber sind "soziale Netzwerke" eine seriöse Quelle? Reichen sie, nebst ähnlich unkonkreten Aussagen von anonym bleibenden Jugendlichen? Die Bürger in Arnstein sagen Nein, und nicht wenige Leser rebellieren: Anrufe, Mails, alle Kanäle.

Was folgt ist die Reaktion des Chefredakteurs mit einer ausführlichen Analyse,  Selbstkritik und abschließenden Entschuldigung in sechs Schritten:

  1. Der Leser muss wissen: Jede Redaktion bewältigt einen Spagat zwischen Information und Verantwortung für Folgen der Berichte. Dafür gibt es Regeln.

  2. Die Regeln sagen: Wir verbreiten nur Informationen aus zuverlässigen Quellen.

  3. Spekulationen in sozialen Netzwerken sind keine zuverlässigen Informationen.

  4. Der Satz des Polizeisprechers, dieses Gerücht nicht kommentieren zu können, rechtfertigt nichts.

  5. Die Redaktionskonferenz zieht das einhelliges Fazit: Wir hätten das so nicht schreiben dürfen.

  6. Wir entschuldigen  uns in aller Form für die Veröffentlichung dieser Mutmaßung.

Der Chefredakteur nennt nicht den Namen der Reporterin, sondern übernimmt mit "wir" die Verantwortung im Namen der gesamten Redaktion. Er weiß: Eine Reporterin braucht in solch aufwühlenden Stunden Gegenleser und Verantwortliche, die kontrollieren, auf die Regeln achten und sie einhalten. Also geht der Fehler nicht allein auf ihr Konto. Ich sprach mit Michael Reinhard, dem Chefredakteur der "Main Post":

Herr Reinhard, müssen wir unsere Recherche-Regeln ändern, weil aus den sozialen Netzwerken immer mehr Informationen kommen, manche nützlich, manche brandgefährlich?

Michael Reinhard: Ja. Zum einen bleiben wir natürlich bei den bewährten Regeln: Quellen müssen seriös sein und nachprüfbar. Zum anderen- und das ist neu - überwältigt uns die immense Fülle an Informationen, die es immer schwieriger macht zu prüfen: Wer sind die Sender der Informationen? Wie seriös sind sie? Wo finden wir sie? Wie reagieren wir, wenn eine ganze Stadt über Spekulationen spricht, aber die Zeitung aus gutem Grund schweigt?

Redaktionen verlangen von ihrem Chefredakteur, dass er sich vor sie stellt - auch bei gravierenden Fehlern. Wie reagierte Ihre Redaktion auf die öffentliche Selbstkritik?

Wir haben vor der Veröffentlichung darüber gesprochen: Es gab keine Einwände in der Redaktionskonferenz. Immerhin haben wir eine 47 Seiten umfassende "Leitlinie", die zu jedem Arbeitsvertrag gehört. Darin wird klar Transparenz gefordert: Wir benennen Fehler öffentlich!

Sie sind seit 17 Jahren Chefredakteur in Würzburg. Würden Sie einem jungen Chefredakteur zu einer ähnlich massiven öffentlichen Darstellung raten?

Ich denke, das hat weniger etwas mit dem Alter eines Chefredakteurs zu tun, sondern vielmehr mit dem Selbstverständnis einer Redaktion. Dieses drückt sich bei uns im schon erwähnten Verhaltenskodex aus. Dort heißt es unmissverständlich: "Wir sind uns unserer Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit bewusst. Wenn uns Fehler unterlaufen, so geben wir diese offen zu, stellen sie richtig und entschuldigen uns ("Wir bitten den Fehler zu entschuldigen."). Wir bemühen uns, eine Kultur zu fördern, in der die Bereitschaft besteht, Fehler zu bekennen und daraus zu lernen." So gesehen habe ich im Fall Arnstein nichts anderes gemacht, als unseren Grundsätzen zu folgen.

Lokalreporterinnen, die eine solche Selbstkritik auslösen, fühlen sich "vorgeführt" und im Stich gelassen. Nehmen Sie das in Kauf?

Aufgrund unserer Leitlinien muss sich niemand "vorgeführt" oder "im Stich gelassen" vorkommen. Aber natürlich gibt es vor einer Veröffentlichung immer eine Diskussion in der Redaktionskonferenz und Gespräche mit den Kollegen. Und in der Veröffentlichung gibt es ja keine Schuldzuweisungen, sondern ich entschuldige mich im Namen der gesamten Redaktion

Ihre Zeitung hat mit Anton Sahlender einen Ombudsmann, der regelmäßig im Blatt und im Netz schreibt. Warum hat er den Fall nicht übernommen?

Ich musste schnell reagieren, wir konnten nicht auf den Kolumnen-Tag des Ombudsmanns warten. Zudem war der Fehler so gravierend, dass die Leser schon wissen wollten, wie die Haltung der Redaktion dazu ist. Aber Sie haben Recht: Wir haben einen exzellenten und erfahrenen Ombudsmann, der den Boden bereitet hat für das Verständnis der Leser, dass wir Fehler machen, aber dass  wir uns auch regelmäßig  stellen.

So weit das Gespräch mit dem Chefredakteur, der am 22. Februar den Preis "MedienSpiegel" für seinen Kommentar bekam. In seiner Laudatio sagte Professor Matthias Rath: "Diese Selbstkritik und der offene Umgang mit eigenen Fehlern weise auch darauf hin, dass Leser, die sich etwa in Sozialen Medien einem professionellem Journalismus entziehen, nicht nur Gefahr laufen, einseitig informiert zu werden, sondern auch Selbstkontrolle und Selbstkritik als Zeichen eines aufgeklärten und professionellen Journalismus nicht mehr geboten zu bekommen." Michael Reinhard sprach in seiner Dankesrede von der Notwendigkeit, Fehler einzugestehen. Das sei keine Schwäche, sondern eine Notwendigkeit. Und weiter:

"Mangelnde Transparenz untergräbt die Glaubwürdigkeit der Medien. Trotz massiver populistischer Angriffe auf die Integrität seriöser Medien ist das Vertrauen gerade auch in die Berichterstattung von Regionalzeitungen sehr hoch. Wir müssen unseren Teil dazu beitragen, diese Glaubwürdigkeit zu bewahren."

Dokumentation

Der Kommentar von "Main Post"-Chefredakteur Michael Reinhard

Noch kennen wir nicht die Hintergründe, die in der Nacht von Samstag auf Sonntag zur Tragödie in einer Arnsteiner Gartenlaube geführt haben. Aus Respekt vor den sechs jugendlichen Opfern und den Gefühlen ihrer Angehörigen wird sich die Redaktion nicht an Spekulationen über die mögliche Todesursache beteiligen. Denn dadurch bestünde die Gefahr, dass die von einem solchen Unglück Betroffenen ein zweites Mal zu Opfern werden.

Dies bedeutet einen schwierigen Spagat zwischen notwendiger Informationsvermittlung und unserer Verantwortung für mögliche Folgen der Berichterstattung. Denn die Öffentlichkeit hat selbstverständlich ein Recht darauf, alles Wesentliche über ein solches Unglück zu erfahren, wenn dessen Umstände eine ganz besondere Aufmerksamkeit erregt haben - wie beim furchtbaren Tod der Jugendlichen.

Richtschnur für die journalistische Arbeit sind die Leitlinien der Redaktion. Darin verpflichten wir uns unter anderem, nur Informationen aus zuverlässigen Quellen zu verbreiten und diese auch zu nennen sowie sie ausschließlich auf rechtlich zulässige und ethisch korrekte Art und Weise zu beschaffen.

Und: Es gehört ferner zu unserem publizistischen Grundverständnis, die Wirklichkeit korrekt abzubilden. Dennoch ist diese Zeitung natürlich genauso wenig vor ethisch-moralisch angreifbaren Veröffentlichungen gefeit wie andere Medien. So haben wir uns, entgegen den Vorgaben unserer Leitlinien, in ersten Berichten über das tragische Geschehen angreifbar gemacht.

Wir haben nämlich von der Möglichkeit geschrieben, dass die Jugendlichen durch gemeinsam eingenommene Drogen zu Tode gekommen sein könnten. Als Grundlage für diese These haben wir Spekulationen in sozialen Netzwerken genannt. Dies entspricht eindeutig nicht unserem Grundsatz, lediglich Informationen aus zuverlässigen Quellen zu veröffentlichen.

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass wir darauf hingewiesen haben, dass der Polizeipressesprecher dieses Gerücht "nicht kommentieren wollte und konnte". Wir haben uns in unserer gestrigen Redaktionskonferenz ausführlich mit diesem Punkt beschäftigt. Einhelliges Fazit der Teilnehmer: Es gibt derzeit keine ausreichenden Anhaltspunkte dafür, dass Drogen im Spiel waren - schon gar nicht dafür, dass sie für den Tod der jungen Leute verantwortlich sein könnten. Wir hätten das vor diesem Hintergrund so nicht schreiben dürfen.

Deshalb entschuldigen wir uns an dieser Stelle in aller Form für die Veröffentlichung dieser Mutmaßung.

Der Kommentar erschien am 30. Januar 2017 in der "Main Post"

Der Autor

Paul-Josef Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus; sein neues Buch "Luthers Sprach-Lehre" erschien 2017 im Klartext-Verlag. Sein Essay "Transmedialer Wandel und die German Angst" ist gerade erschienen in dem Band "Die neue Öffentlichkeit" (Verlag Springer VS). Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier und Berlin.

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