Fünf Mythen des Schreibens

02.03.2018
 

Von Merkwürdigkeiten und Mutmaßungen. Warum nicht alles stimmt, was Lehrer und Professoren angeblich sagen. Aus der "PR-Werkstatt" des aktuellen "PR Report".

Angehende Autoren bringen ihre Schreibsorgen mit in meine Kurse. Manchmal auch merkwürdige Dinge. Viele dieser Dinge sind Überbleibsel aus der Schule oder der Universität: "Mein Lehrer hat gesagt" oder "Mein Professor meint". Einige Merkwürdigkeiten und Mutmaßungen tauchen so oft auf, dass man sie bündeln sollte. Hier sind fünf populäre Mythen des Schreibens.

Mythos 1: Es braucht für jede Textsorte und jede Gruppe von Empfängern eine besondere Sprache, eine eigene "Tonalität".
Nein, braucht es nicht. Wir arbeiten mit fünf Werkzeugen und achten auf sieben Baustellen, wir nutzen einen universell guten Stil. Der wirkt immer und überall. Die Angst vor dem allzu Besonderen können wir uns schenken. Besonders ist der Leser. Und den schauen wir uns in jedem Fall genau an.

Mythos 2: Ich habe kompetente, anspruchsvolle Leser. Die erwarten, dass der Autor ihnen auf Augenhöhe begegnet. Sonst nehmen sie mich nicht ernst.
Anspruchsvolle Leser lieben gut geschriebene, anregende Texte. Gut ist ein Text, wenn der Inhalt klar wird. Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" hat besonders viele Abiturienten und Akademiker unter seinen Abonnenten. Ein anspruchsvolles Blatt, gut lesbar. Autoren aus dem Wissenschaftsbetrieb und aus Behörden hingegen verwechseln kompetent manchmal mit kompliziert. Zwischen beiden Wörtern gibt es in der Tat eine Beziehung, aber die sieht so aus: kompliziert ist ungleich kompetent. 

Mythos 3: Man kann auch zu einfach schreiben. 
Nein, kann man nicht. Einstein wird der Satz zugeschrieben: "Wenn du es nicht einfach erklären kannst, verstehst du es nicht gut genug." Manche Autoren - Kursteilnehmer - fürchten Verständlichkeit. Sie sagen zum Beispiel: "Der Adressat hält mich für dumm, wenn ich einfach formuliere." Solche Aussagen sind vielleicht Zeichen einer Vermeidungshaltung: Wer sich nicht verständlich ausdrücken kann, der will es auch nicht. Die Trauben sind mir viel zu sauer, sagte der Fuchs in der Fabel. 
Alle Welt klagt über unverständliche Texte (aus Justiz, Medizin, Wissenschaft, Verwaltung), keiner über zu einfache Texte. Also: Nur keine Angst! Wagen Sie das Risiko! Und sollte Ihr Text tatsächlich mal zu einfach geraten, können Sie ihn rasch verdichten.

Mythos 4: Man beginnt nie einen Satz mit dem Wort "und".
Ja, klar. Und ein Satz muss immer Subjekt und Prädikat haben; was nicht im Duden steht, gibt es nicht; nach einem Ausrufezeichen darf nie ein Komma stehen. Und so weiter. Lehrweisheiten dieser Art sind unerklärlich. Aber zäh. Und unausrottbar. Mehr Mut!, das wäre meine Bitte. Wagen Sie etwas im Text! Richtig ist es, wenn es mündlich funktioniert.

Mythos 5: Starke Stilmittel - etwa Fragen und Alliterationen ("Alles auf Anfang?") - sind typisch Boulevard. Sie gehören nicht in einen anspruchsvollen Text, schon gar nicht in den Titel. 
Starke Stilmittel sind schlicht guter Stil, kleine Werkzeuge. Boulevardzeitungen nutzen diese Werkzeuge. Manche Qualitätsmedien ebenfalls. Und beide erreichen ihre Leser. Was unterscheidet die einen Medien von den anderen? Der Inhalt.
 
kress.de-Tipp: Bei diesem Text handelt es sich um einen Auszug aus der "PR-Werkstatt" "Schreiben wie ein guter Journalist: Crashkurs für PR-Texter". Uwe Stolzmann hat sie für den aktuellen "PR Report" gemacht. Sie können den Crashkurs in unserem Shop digital oder gedruckt kaufen - dort finden sich auch alle weiteren "PR-Werkstätten". 

Hintergrund: Der "PR Report" erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "PR Report"-Chefredakteur ist Daniel Neuen, Herausgeber Johann Oberauer.

Ihre Kommentare
Kopf

Stefan Johannesberg

02.03.2018
!

Alles richtig, nur eins stimmt nicht: Fragen gehören tatsächlich nicht in Titel / Teaser / Headline. Sie suggerieren ja sofort, dass ich es selbst nicht weiß, der folgende Text also nicht die Antwort bereit hält. Was er ja vermeintlich tut, also zumindest Antwortmöglichkeiten. Dann aber ist eine Frage im Titel eine Verarschung des Leser. Daher: Es gibt immer einen Titel, der jede Frage schlägt. Wagen Sie mehr Mut!


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