Medienforscher Michael Meyen: "Journalismus konstruiert Realität"

 

Früher war im Journalismus alles besser oder zumindest anders, meint Professor Michael Meyen. An der Ludwig-Maximilians-Universität in München bildet der 50-Jährige Journalisten, PR- und Werbeprofis aus. Am heutigen Tag veröffentlicht er mit "Breaking News: Die Welt im Ausnahmezustand - Wie uns die Medien regieren" ein Buch, das sich wie eine Generalabrechnung mit der Branche liest. kress.de hat mit Meyen, der sein Berufsleben als Redakteur bei der "Leipziger Volkszeitung" und MDR Info begann, gesprochen.

kress.de: Herr Meyen, wenn ich den Untertitel Ihres Buches richtig verstehe, sind die Medien von der vierten zur ersten Gewalt aufgestiegen. Oder liege ich falsch?

Michael Meyen: Das mit der vierten Gewalt ist so eine Sache. Ich weiß nicht, ob die Medien das je waren. Ich spreche lieber von der öffentlichen Aufgabe: Informationen bereitstellen, die die Bürger brauchen, die Mächtigen kontrollieren, die Mächtigen kritisieren. Das scheint in vielen Redaktionen inzwischen eher zweitrangig.

kress.de: Lassen Sie uns darauf später zurückkommen. Zunächst interessiert mich, dass Sie sagen, uns würden die Medien regieren. Ist der Journalismus also heute die erste Gewalt im Staate?

Michael Meyen: Die Gewalt liegt natürlich immer noch bei der Regierung und den Verwaltungen, bei den Parlamenten, bei den Gerichten. Inzwischen geht aber nichts mehr ohne öffentliche Aufmerksamkeit und ohne öffentliche Legitimation. Egal ob Großprojekt, Karriere oder politische Idee: Sie brauchen die Medien. Sie müssen die Berichterstattung entweder unterbinden oder die Logik des Systems für ihre Interessen nutzen.

"Im Mediensystem regiert der Imperativ der Aufmerksamkeit" 

kress.de: Sich also zum Büttel des Mediensystems machen?

Michael Meyen: Damit treffen Sie die Hauptthese meines Buches. Im Mediensystem regiert der Imperativ der Aufmerksamkeit. Superlative, Sensationen, Dinge, die es so noch nicht gab: Das Spiel des Jahres, der Spieler des Jahrhunderts. Das, was wir so nicht erwartet haben. Über Politik, Kultur, Wirtschaft wird heute nicht nur weniger berichtet als noch vor 30 oder 40 Jahren, sondern auch anders. Atmosphäre statt Programmdiskussion. Konflikte zwischen Spitzenpersonal statt Streit um Inhalte. Schulz gegen Gabriel gegen Nahles. Was so eine Partei will, ist am Ende völlig egal. Also redet die Partei vor allem über Gesichter und darüber, wer was wann in der Presse sagen darf.

kress.de: Über die Begriffe der "Medienrealität" und "Medienlogik" schreiben Sie den Journalisten einen unerhörten Einfluss zu. Medienrealität sei überall, sie regiere unser Leben. Ist das nicht übertrieben? Dann hätte doch zum Beispiel Trump niemals Präsident werden dürfen.

Michael Meyen: Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Donald Trump ist Medienrealität. Sozusagen die fleischgewordene Handlungslogik kommerzieller Massenmedien. Immer noch eine Nummer größer, immer noch eins drauf. Es geht nicht darum, ob die Leitmedien für ihn sind oder gegen ihn. Trump ist Medienthema, egal was er macht.

"Der Journalismus nimmt sich keine Zeit für die Themen"

kress.de: Redakteure wählten heute anders aus als früher, schreiben Sie; nämlich schriller und lauter. Der objektive Beobachter sei ausgestorben. Was macht das mit dem Journalismus? Und wie verändert das den Blick auf den Journalismus?

Michael Meyen: Der Journalismus hetzt von einem Aufreger zum nächsten. Er nimmt sich keine Zeit für die Themen, er bleibt nicht dran, er sucht lieber nach einem neuen Dreh als aufwändig zu recherchieren. Das müsste er aber, um seine öffentliche Aufgabe erfüllen zu können. Damit sägt er an dem Ast, auf dem er sitzt.

kress.de: Niklas Luhmann hat vor 20 Jahren rhetorisch gefragt: "Was könnte ein Schaden sein, der allein durch die Massenmedien verursacht wird?" Sie sagen, heute wissen wir es besser. Welche Schäden richten Journalisten denn an?

Michael Meyen: Der Einzelne eher wenig. Es geht mir um das System Massenmedien, um die Art und Weise, wie dort Realität konstruiert wird. Und dann um das, was das mit unserem Leben macht. Mit Parteien, Behörden und Unternehmen, die alles tun, um entweder positive Berichte zu bekommen oder gar keine. Und mit uns selbst, in unserem Alltag. Der Urlaub, die Feiern, die Erziehung. Da geht es nicht mehr um Liebe, um das, was die Familie eigentlich ausmacht. Wir gestalten unser Leben so, als ob wir das für eine Pressekonferenz brauchen würden.

"Es kann nicht im Interesse der Gesellschaft sein, überall nur noch Showformate zu finden"

kress.de: Noch einmal zurück zum Imperativ der Aufmerksamkeit. Die Nutzer würden nicht merken, wie dieser Zeitungen und Fernsehen verändert habe. Wenn sie es nicht merken, was ist dann so schlimm daran?

Michael Meyen: Der Mensch neigt dazu, das für normal zu halten, was er vorfindet. Man muss sich nur Fußballübertragungen von früher anschauen oder alte Nachrichtensendungen. Dann sieht man, was ich meine. Und dann sieht man auch, wie sich das verändert hat, worüber berichtet wird. Der Fußball, die Politik. Es kann nicht im Interesse der Gesellschaft sein, überall nur noch Showformate zu finden, selbst da, wo es um Entscheidungen von großer Tragweite geht. Der Teufel, den Horkheimer und Adorno in der "Dialektik der Aufklärung" an die Wand gemalt haben: Dieser Teufel ist jetzt da. Die Frankfurter Schule hat gefragt, was die Kulturindustrie aus dem Menschen macht. Heute wissen wir, wie sie die Gesellschaft verändert.

kress.de: Wie hat dieser Teufel, um bei Ihrer Wortwahl zu bleiben, die Medien konkret verändert? Sie schreiben, er tangiere die journalistischen Qualitätskriterien "Neutralität, Objektivität und Vielfalt". Warum?

Michael Meyen: In den Zeitungen gibt es immer weniger das, was man landläufig unter Nachrichten versteht. Die W-Fragen beantworten, das Wichtigste vorn, die Wortwahl so nüchtern wie möglich. Heute werden Geschichten erzählt, und die Autoren sagen uns, was sie davon halten. Auch im Nachrichtenteil und auch und gerade in den großen Blättern wie der "Süddeutschen". Meinung sichert Exklusivität, ganz ohne Scoop und großen Aufwand. Das muss gar nicht schlecht sein. Wir Leser mögen Geschichten, und wir mögen es auch pointiert. Dann soll man aber aufhören, Neutralität und Objektivität zu versprechen, Ausgewogenheit und Vollständigkeit. Mir würde Transparenz reichen. Woher hat man das Material, wem wird es möglicherweise helfen, wie steht man selbst dazu?

kress.de: Wie hat es der Imperativ der Aufmerksamkeit geschafft, erst unmerklich die Medienrealität zu ändern, dann das umzukrempeln, was jenseits der Medienwelt in der Arbeitswelt passiert, in der Freizeit, im Privatleben, und sich schließlich selbst zu verstärken?

Michael Meyen: Oh, diese Frage kommt mir bekannt vor...

"Unsere Welt ist heute mehr als je zuvor Medienrealität"

kress.de: Ja, die habe ich eins zu eins aus Ihrem Buch geklaut. Besser hätte ich sie nicht stellen können. Sie diskutieren das ausführlich. Wie würde Ihre kurze Antwort darauf lauten?

Michael Meyen: Eine kurze Antwort ist nicht ganz einfach, denn das ist komplex. Ich will es aber versuchen. Punkt eins: Die Politik hat kommerziellen Rundfunk zugelassen und so die Kontrolle über das aufgegeben, was wir sehen und hören. Internet und soziale Medien haben das nur eine Schleife weitergedreht. Wenn ich Spieler im System habe, die nur Aufmerksamkeit maximieren müssen und sonst nichts, dann kann ich auch dann nicht so weitermachen wie bisher, wenn ich das wollen würde. Punkt zwei: Unsere Welt ist heute mehr als je zuvor Medienrealität. Man muss nur an die Bildschirme denken, die wir ständig dabei haben. Irgendwann denkt man, dass das der normale Kommunikationsmodus ist: Aufmerksamkeit. Und so haben wir angefangen, den Medien genau das zu liefern, was dieser Kommunikationsmodus braucht. PR-Bewusstsein im Beruf, tolle Bilder aus dem Alltag.

kress.de: Der Imperativ der Aufmerksamkeit sei zu einem "Strudel geworden, der die Glaubwürdigkeit mitgerissen hat und aus dem sich nur Baron Münchhausen befreien könnte", schreiben Sie. Ist das nicht eine nette Umschreibung für das Wort "Lügenpresse", das Sie dem "Wutbürger" zuordnen? Hat der dann nicht doch Recht mit seiner Parole?

Michael Meyen: In dieser Debatte geht es ja um sehr konkrete Inhalte. Die Berichterstattung über die Ukraine und über Russland, über Syrien und über die AfD. Da geht es um Einseitigkeit, um Weglassen, um Parteinahme für den Westen oder für die Eliten. Ich frage nach der Metabotschaft jenseits von solchen konkreten Inhalten. Egal ob Bundestag, SPD oder Fußball-Bundesliga: Die Grammatik der Medienkommunikation ist immer gleich. Ich kann mir vorstellen, dass das nervt, wenn man sich wirklich informieren will und nicht nur Ablenkung und Aufregung sucht.

kress.de: Sie sprechen auch vom Imperativ der Erziehung. Ist das der hässliche Bruder vom Imperativ der Aufmerksamkeit?

Michael Meyen: Da geht es um das Fernsehen in den 1960ern. Erziehung, Aufklärung, Bildung. Wenn die Zuschauer sich entspannen wollten, haben sie irgendeine Doku vorgesetzt bekommen. Eine Art Zwangsverpflichtung zu Inhalten, die Bildungsbürger und andere Eliten bis heute für wertvoll halten. Das kann es natürlich auch nicht sein.

kress.de: Seit Hanns Joachim Friedrichs, also in den vergangenen 20 Jahren, habe es drei Medienrevolutionen gegeben, meinen Sie. Könnten Sie das bitte kurz erklären?

Michael Meyen: Kommerzieller Rundfunk, Internet und soziale Medien, jetzt auch in der Tasche und damit überall. Das hat die Zahl der Akteure in die Höhe katapultiert. Es gibt heute unglaublich viele Anbieter, die um unsere Aufmerksamkeit konkurrieren. Und es gibt Anbieter, denen Pressegesetze, Rundfunkstaatsverträge und öffentliche Aufgabe völlig egal sind. Vermutlich könnte auch Friedrichs nicht mehr so arbeiten wie damals.

"Natürlich gibt es den guten Journalismus noch"

kress.de: Ulrich Wickert wahrscheinlich auch nicht. Sie zitieren ihn zustimmend mit seiner Forderung nach gutem Journalismus, nämlich Aufklären, Wichtiges vom Unwichtigen zu trennen, den Mut haben, gegen Denktabus anzuschreiben und die Dinge beim Namen zu nennen. Passiert das denn wirklich überhaupt nicht mehr? Steht es so schlimm um den Journalismus?

Michael Meyen: Natürlich gibt es den guten Journalismus noch. In den öffentlich-rechtlichen Nischen, in den großen Recherchenetzwerken, im Redaktionsalltag. Es ist ja nicht so, dass die Journalisten von einem Tag auf den anderen ihr Handwerk verlernt haben. Wir alle, die Gesellschaft, wir müssen aber diskutieren, was uns ein Journalismus wert ist, der sich nicht dem Imperativ der Aufmerksamkeit unterwirft. Journalismus, der seine öffentliche Aufgabe erfüllt, ist nicht zum Nulltarif zu haben und offenkundig auch nicht, wenn wir ihn allein kommerziellen Unternehmen überlassen.

kress.de-Tipp: Michael Meyen, Breaking News: Die Welt im Ausnahmezustand - Wie uns die Medien regieren, ISBN: 978-3-86489-206-6, Westend Verlag, 204 Seiten, Preis: 18,00 €.

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