Brief an die Belegschaft: Was Mathias Döpfner jetzt von seinen Mitarbeitern fordert

 

"Wir müssen noch schneller, noch mutiger, noch experimentierfreudiger werden", fordert Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner in einer Mail an die Mitarbeiter, die kress.de im Original veröffentlicht. Was Döpfner auf einer Reise klar wurde und was für ihn jetzt entscheidend ist...

Liebe Mitarbeiterinnen, liebe Mitarbeiter,

es gibt eine Entwicklung, die mich sehr besorgt. Mehr als ein Jahr lang habe ich immer wieder an dieser Stelle an Deniz Yücel erinnert und dass wir nicht aufhören dürfen, an ihn zu denken und uns für seine Freilassung einzusetzen. Nach 367 Tagen ist er seit dem 16. Februar 2018 endlich wieder frei. Wir sind froh und erleichtert und ich danke allen, die mit unermüdlicher Energie für ihn da waren und sich für ihn stark gemacht haben. Trotzdem dürfen wir auch die Journalisten nicht vergessen, die weiterhin in Haft sind.

Und wir werden auch Ján Kuciak von aktuality.sk nicht vergessen! Wir sind immer noch entsetzt und fassungslos über die Nachricht, dass unser Kollege und seine Verlobte Martina Kušnírová in der Slowakei Opfer eines grausamen Attentats geworden sind. Die Täter waren Feinde der Freiheit, Menschen, die so viel Angst vor der unbequemen Wahrheit und vor Journalisten haben, dass sie dafür gemordet haben. Leider ist Ján Kuciak kein Einzelfall. Im Jahr 2017 wurden weltweit 74 Journalisten getötet, weil sie Journalisten waren. Das dürfen wir nicht akzeptieren! Wir nehmen dieses schreckliche Attentat zum Anlass, unseren journalistischen Auftrag noch gewissenhafter und konsequenter auszuüben. Daher haben wir auch einen Newsroom in Bratislava mit einem internationalen Team von Journalisten der verschiedensten Redaktionen von Axel Springer und Ringier eingerichtet, um die von Ján Kuciak begonnenen Recherchearbeiten weiterzuführen. Das sind wir den beiden Opfern schuldig!

Bevor ich zu den Zahlen und der Entwicklung im vergangenen Geschäftsjahr komme, möchte ich von einer Reise berichten. Ich bin im Januar mit meinen Vorstandskollegen für ein paar Tage in Kalifornien gewesen. Wir hatten dort Workshops organisiert. Mit kleinen Start-ups. Und mit den größten Tech-Konzernen der Welt. Bei den Großen standen die Treffen unter der Überschrift: Was würde Facebook, was würden Google oder Apple machen, wenn ihnen Axel Springer gehören würde?

Natürlich stehen wir nicht zum Verkauf, aber radikale Überlegungen helfen dabei, auf neue Ideen zu kommen und alte Gewohnheiten in Frage zu stellen. Wir waren gespannt zu erfahren, was Mark Zuckerberg und Sheryl Sandberg denken. Oder bei Apple Eddy Cue und bei Google Sundar Pichai und Philipp Schindler. Die Gespräche waren wie erhofft inspirierend, auch die mit den Start-ups. Bei ihnen sind Kreativität und Geschwindigkeit keine "Nice to have"-Optionen, sondern die Grundlage fürs Überleben. Gerade bei diesen Besuchen wurde mir der Abstand zwischen Europa und dem Silicon Valley sehr bewusst. Er verringert sich nicht. Leider.

Davon sollten wir uns aber nicht entmutigen lassen. Meinen Kollegen und mir ist noch klarer geworden: Das sollte uns bei Axel Springer anspornen, noch schneller, noch mutiger, noch experimentierfreudiger zu werden. Und vor allem auch den Fokus auf unsere Kunden und unsere Produkte in unserer DNA noch tiefer zu verankern. Wir müssen noch mehr auf Technologievorsprung und noch mehr auf Geschwindigkeit setzen.

Kulturell stärkt uns die Vielfalt innerhalb unserer Unternehmensgruppe und die unternehmerische Freiheit in den einzelnen Units. Das soll Bestand haben. Künftig müssen wir aber noch gezielter Verbundeffekte und die Vorteile effektiver Zusammenarbeit unternehmensweit nutzen. Dann haben wir eine Chance, beim Wettlauf um Disruption und Innovation vorn zu liegen.

Das wird uns gelingen, wenn wir als Konzern mit rund 16.000 Mitarbeitern, von denen bereits gut die Hälfte im Ausland arbeiten, Vernetzung und Austausch auch global leben. Hierfür gibt es unternehmensweit schon eine Menge sehr guter Formate. Ein neues Beispiel sind die Tuesday Townhall Talks, die wir seit Ende letzten Jahres monatlich durchführen. Die ersten Runden, die eingebrachten Meinungen und Ideen, zeigen: Im Hinterfragen, im Austausch und der Experimentierfreudigkeit liegt enormes Potenzial.

Nun aber zu den zu den Zahlen und den Highlights aus 2017. Das vergangene Jahr war eines der erfolgreichsten unserer Unternehmensgeschichte: Das bereinigte Konzern-Ebitda wuchs um mehr als 8 Prozent auf 646 Millionen Euro. Und auch beim Umsatz haben wir ein Plus von mehr als 8 Prozent auf 3,56 Milliarden Euro erreicht. Unsere starken digitalen Aktivitäten sind weiterhin entscheidend für diesen Erfolg: Sie tragen 80 Prozent zum Ergebnis, fast 72 Prozent zum Konzernumsatz, und beinahe 90 Prozent zu unseren Werbeerlösen bei.

Mit Marken wie StepStone, SeLoger und Yad2 haben wir heute eines der weltweit größten und ertragreichsten Classifieds-Portfolios - den Wachstumsmotor unseres Konzerns. Durch den Zukauf von Logic-Immo haben wir diesen Bereich gestärkt. Bemerkenswert war auch die Entwicklung im Bereich News Media. Unsere starken Medienmarken - allen voran "Bild", "Welt" und "Business Insider - behaupteten sich im anhaltend fordernden Wettbewerbsumfeld. Erstmals seit Langem steigerten sie Umsatz und Ergebnis. Das Wachstum von "Business Insider" lag mit mehr als 45 Prozent deutlich über unseren Erwartungen.

Und seit der Umbenennung des Senders N24 Anfang dieses Jahres steht der Name "Welt" sichtbar für ein auf nationaler Ebene weltweit einzigartiges journalistisches Angebot in Print, Digital und TV. Bei den Marketing Media haben wir uns noch klarer fokussiert. Mit dem Zusammenschluss von Awin mit affilinet schaffen wir Europas größtes Affiliate-Marketing-Unternehmen und mit ShareASale sind wir in den US-Markt eingetreten. Auch der eingeleitete Verkauf von aufeminin wird zur weiteren Fokussierung beitragen.

Die guten Zahlen freuen uns, aber ausruhen dürfen wir uns nicht. Der Medienmarkt verändert sich aktuell noch schneller als in den Jahren zuvor. Wir sehen uns weiterhin großen Online-Plattformen gegenüber, die den Wert journalistischer Inhalte nicht immer anerkennen. Deshalb müssen wir unsere Marken weiter konsequent stärken und innovative Lösungsansätze entwickeln. Entscheidend hierfür ist, dass wir eine hohe Daten- und Technologiekompetenz mit einer großen Dynamik bei der Implementierung zusammenbringen.

Weil dieses Thema so wichtig ist, haben wir zum 1. März 2018 mit Stephanie Caspar hierfür ein eigenes Ressort im Vorstand verankert. Ein herzliches Willkommen für Stephanie Caspar in ihrer neuen Funktion! Wir freuen uns sehr auf die Zusammenarbeit.

Im Namen des gesamten Vorstands danke ich Ihnen für Ihren großen Einsatz und die hervorragenden Ergebnisse im vergangenen Jahr. Lassen Sie uns auch 2018 mit Freude an der Zusammenarbeit Taktgeber unserer Branche bleiben.

Ihr

Mathias Döpfner

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