Zeitungen als Genossenschaft: Macht Leser zu Eigentümern!

 

JOURNALISMUS! Zum 200.Geburtstag von Friedrich Wilhelm Raiffeisen, dem Gründer der modernen Genossenschaften, fragt Paul-Josef Raue in seiner Kolumne: Ist eine Genossenschaft nicht eine attraktive Unternehmensform für neue Zeitungen und Magazine, gerade lokal und online? In der Schweiz ist mit der "Republik" gerade eine digitale Zeitung als Genossenschaft gestartet, in Deutschland sind die "taz" und "Junge Welt" eine Genossenschaft.

In Neuwied ist Friedrich Wilhelm Raiffeisen ein Denkmal, zu Stein geworden. Es wäre an der Zeit, ihn vom Sockel zu holen in der Krise der Zeitungen und Magazine. Er schuf Genossenschaften für Menschen vor zwei Jahrhunderten, in Zeiten von Hungersnot, die es in Deutschland noch gab; er reagierte auf Wucherer und den preußischen Staat, der mit Gewalt auf Rufe nach Freiheit reagierte und ohnmächtig auf die industrielle Revolution starrte.

Raiffeisens Denken strahlt aus in unsere Zeit, in der wir auf die digitale Revolution reagieren. Er entwirft einen alternativen Kapitalismus, der auf Vertrauen und  Hilfsbereitschaft gründet, er will den Kapitalismus mit seinen eigenen Mitteln schlagen: Statt grenzenloser Konkurrenz und Zerstörung, heute als Disruption gefeiert, statt Ellenbogen und Egoismus holt er das Robin-Hood-Prinzip wieder ins Leben der Gesellschaft - Einer für alle, alle für einen.

Sein Konzept war nicht die verklärte Gefühlsduselei eines Weltverbesserers: Die Gesellschaft des Teilens, die "sharing economy", funktionierte, und sie funktioniert noch heute. Genossenschaften mit 22 Millionen Mitgliedern in Deutschland sorgen dafür, dass Eigentum breit gestreut wird, Konkurrenten sich als Partner begegnen und die regelmäßige, verbindliche Kontrolle eine Pleite fast unmöglich macht.

Solche Konzepte lesen Journalisten gerne, auch viele ihrer Leser. Nur - könnte eine Genossenschaft auch eine Zeitung finanzieren? Vielleicht. Wie eine moderne Zeitungs-Genossenschaft aussehen könnte, die den Hunger nach echter Information stillt, zeigen die Schweizer. Als "Auffangmodell für den Journalismus des 21. Jahrhunderts" gründeten sie das "Projekt R", das mit einem erfolgreichen Crowdfunding begann und seit Mitte Januar täglich die werbefreie Online-Zeitung "Republik" produziert (wir berichteten in dieser Kolumne). Wer ein Abo über 240 Franken im Jahr abschließt, wird zum Mitglied der Genossenschaft und somit zum Verleger; die Zeitung hat 20.000 Abonnenten, das reicht, um mit einer starken Redaktion existieren zu können.

Neben der Genossenschaft, in der sich die Abonnenten versammeln, existiert eine Aktiengesellschaft, in der sich die Investoren finden, die ein Startkapital von sieben Millionen bereitstellten. Die Gründer argumentieren: "Wir haben versucht, die Machtstruktur möglichst erdbebenfest zu bauen, so dass niemand als die Vernunft das Sagen hat."

Keiner hat die Macht: Weder die Leser noch die Mitarbeiter, denen jeweils 40 Prozent gehören; Zünglein an der Macht sind die Investoren mit 20 Prozent der Anteile. Damit sollen die Probleme der bestehenden Medien-Konstruktionen vermieden werden:

  • Will ein Unternehmen Gewinne erzielen, kann der Journalismus aus Rendite-Überlegungen verkümmern. Zudem besteht die Gefahr, dass Gesellschafter Einfluss auf die Redaktion nehmen wollen. Das ist die Realität in den meisten deutschen Verlagen.

  • Das Krautreporter-Projekt will ohne Verlage den Journalismus retten, legte per  Crowdfunding im Herbst 2014 einen glänzenden Start hin, aber verlor danach immer mehr Abonnenten. Nach einem Jahr kritisierte Stefan Niggemeier das Konzept, jeder dürfe alles schreiben: Es gibt keine gemeinsame redaktionelle Idee - weder für die Autoren noch für die Leser. "Krautreporter" versucht mittlerweile, das Projekt als Genossenschaft zu retten und verfügt über  400 Mitglieder.

  • Der "Spiegel" ist eine GmbH & Co. KG, in der die Redakteure 49 Prozent der Anteile halten. Sie  "genießen fürstliche Privilegien" und haben "sich als Herrschaftskaste eine weit schlechter bezahlte, weit rechtlosere Online-Redaktion aufgebaut", so die "Republik" in einem Newsletter; darin begründet sie, warum die Redaktion keine dominierende Macht bekommen darf.

Zwei bedeutende Zeitungs-Genossenschaften existieren schon in Deutschland:

  • Die "taz" in Berlin ist recht stabil nach einem turbulenten Start: 1978 als selbstverwaltete Zeitung gegründet gelang es nicht, das Auflagenziel von 100.000   zu erreichen; nach heftigen Debatten organisierte man sich als Genossenschaft, verfügt zur Zeit über ein Kapital von 14 Millionen Euro, etwa 18.000 Mitgliedern und eine verkaufte Auflage von 60.000 inklusive E-Paper.

  • Die "Junge Welt" in Berlin war in der DDR die Zeitung mit der höchsten Auflage von 1,5 Millionen und ist heute eine  "linke, marxistisch orientierte, überregionale Tageszeitung", so das Selbstverständnis, mit einer Auflage von 20.000. Sie braucht im Jahr rund 3,5 Millionen Euro und sichert die Existenz durch eine Genossenschaft, der 2100 Mitglieder angehören. Sie begründet ihre Unternehmensform: "Im konkreten kapitalistischen Umfeld bietet ein Genossenschaftsmodell bessere Möglichkeiten als die gesetzlichen Formen einer "normalen" Kapitalgesellschaft (z.B. GmbH oder Aktiengesellschaft). Außerdem sind die Möglichkeiten der Mitbestimmung per Genossenschaftsgesetz demokratischer als anderswo."

Wie eine Genossenschaft arbeitet die "dpa": 1949 als solche gegründet, wandelte sie sich schnell in eine GmbH, in der aber kein Gesellschafter, das sind Verlage und Rundfunkanstalten, mehr als 1,5 Prozent des Stammkapitals erwerben kann.

Genossenschaften entstehen oft in Krisen. Sie zu gründen ist einfach, aber sie brauchen Gründer mit Leidenschaft und einem gewissen Charisma, um Mitglieder zu gewinnen; sie brauchen ein Konzept und eine Strategie. Wer beispielsweise für eine Online-Zeitung eine Genossenschaft gründen will, muss wohl keine Druckmaschine mehr kaufen oder mieten, aber er braucht Geld für eine funktionierende IT und eine professionelle Mannschaft. Ein Vorbild oder Modell dafür, etwa im Lokalen, gibt es nicht. Noch nicht?  

Der Autor

Paul-Josef Raue schreibt gerade eine Biografie über Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Er war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus; sein Buch "Luthers Sprach-Lehre"" erschien 2017 im Klartext-Verlag. Der Essay "Transmedialer Wandel und die German Angst" ist gerade erschienen in dem Band "Die neue Öffentlichkeit" (Verlag Springer VS). Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier, Berlin und Salzgitter, wo er gerade eine Vorlesung über die "Renaissance von Zeitschriften"  hält.

Ihre Kommentare
Kopf
Weitere Beiträge zu diesem Thema
Inhalt konnte nicht geladen werden.