In Memoriam Kardinal Lehmann: "Journalisten sind nicht die besseren Prediger"

13.03.2018
 

Können Journalisten für den Zustand der Welt, über die sie berichten, verantwortlich gemacht werden? Zum Tode von Karl Kardinal Lehmann veröffentlicht kress.de ein Interview aus dem "Medium Magazin" von 2006 über Aufgaben und Konflikte von Medien und Kirche.

"Medium Magazin": Sie nannten die Medien kürzlich einen "Sinnspeicher zur Entwicklung der Zivilisation", den Ort, an dem wir die Auseinandersetzung um unsere Werte und Weltanschauungen führen. Vermissen Sie  diese  Auseinandersetzung  in  den Kirchen, Moscheen und Synagogen?

Karl Kardinal Lehmann: Nein, diese  Auseinandersetzungen gibt es doch gerade an den genannten Orten, und zwar, wie ich meine, auf einer noch tieferen Ebene als in den Medien. Die Medien dienen als Instrument, sie sind Übermittler von Auseinandersetzungen.  Natürlich  setzen  sie  auch viele Themen, indem sie Fragen und Probleme aufgreifen. Aber letztlich können sie doch nur die Gesellschaft widerspiegeln, da sie auf sie verwiesen sind. Auch die Kirche ist in ihrer konkreten Gestalt Teil  der  Gesellschaft,  sie  verweist  aber immer schon auf eine höhere Dimension, die nicht im Hier und Jetzt endet.

"Wir können in manchen Dingen voneinander lernen"

"Medium Magazin": Wo  ziehen  Sie  in  der  Auseinandersetzung  um  unsere  Weltanschauung  die Grenze zwischen den Aufgaben der Kirche und der Medien?

Karl Kardinal Lehmann: Wir können in manchen Dingen voneinander lernen, müssen aber unser eigenes Profil behalten. Die Kirchenvertreter sind nicht die besseren Journalisten, und die Journalisten sind nicht die besseren  Prediger.  Wer  diese  Kernkompetenzen gegenseitig anerkennt, der wird sich ergänzen und voneinander lernen können, ohne übergriffig zu werden.

"Medium Magazin": Wo endet für Sie Pressefreiheit und beginnt Presseethik?

Karl Kardinal Lehmann: Ich sehe hier keinen zwangsläufigen Gegenpol.  Die  Pressefreiheit  ist  eine wichtige  Errungenschaft  und  ein  hohes Gut. Aber es muss verantwortungsvoll  mit  dieser  Freiheit  umgegangen werden.  Maßstab  ist  immer  die  Würde des Menschen. Daher setzt auch eine Ethik der Medien bei den handelnden Menschen ein, bei den Mediennutzern ebenso wie bei den Medienschaffenden und den politisch und unternehmerisch Verantwortlichen. Medien und mediale  Kommunikation  müssen  den Menschen  dienlich  sein;  das  heißt,  sie sollen  beispielsweise zur  Orientierung und Identitätsbildung verhelfen, Selbstständigkeit  und  Eigenverantwortung stärken, ungerechte Privilegien abbauen und vor allem die Würde und Intimität eines jeden Einzelnen respektieren. 

"Medium Magazin": In seiner Regensburger Rede wagte der Papst mit einem Zitat über den Propheten Mohammed den Beginn einer Auseinandersetzung mit  dem  Islam.  Der Zorn  in  der  muslimischen  Welt  war  so groß wie zuletzt beim Streit um die Mohammed-Karikaturen. Lag es daran, dass ein Teil der Medien das Zitat aus dem Zusammenhang riss? Oder instrumentalisierten muslimische Extremisten das Zitat für eine Medienkampagne?

Karl Kardinal Lehmann: Es war wohl beides, wobei ich meine, dass man bei manchen Reaktionen in der Tat nicht nur mangelnde Information, sondern eine absichtliche Fehldeutung  unterstellen  muss.  Der  Papst  hat nach der Vorlesung durch enge Mitarbeiter und auch wiederholt selbst seine Intention  klargestellt.  Alle  anders  lautenden Interpretationen verkennen das. Aber das Beispiel zeigt gut, welch hohe Verantwortung Medien haben und wie wichtig eine präzise Berichterstattung, eine vollständige Erläuterung von Sachverhalten  und  eine  faire  Darstellung verschiedener Auffassungen für einen authentischen, dem Frieden verpflichteten Journalismus sind.

"Inszenierung ist in sich noch nichts Schlechtes"

"Medium Magazin": Sind die Folgen der Regensburger Rede ein Beispiel für den Hang zur Inszenierung, den Sie den Medien vorwerfen?

Karl Kardinal Lehmann: Inszenierung  ist  in  sich  noch  nichts Schlechtes. Sie kann helfen, Sachverhalte klarzumachen. Es kommt immer auf die Intention an, mit der man etwas "in Szene setzt": Wo dies benutzt wird, um zu manipulieren und die Tatsachen zu verdrehen oder zu verschweigen, wo es in unfairer Weise zur Hetze verführt, ohne die Hintergründe zur Kenntnis zu nehmen, oder wo einzelne Personen oder Gruppen darunter leiden, ist die Grenze des journalistischen Auftrags deutlich überschritten.

"Medium Magazin": Führt das Bewusstsein für symbolische Bilder nicht zwangsläufig zur Inszenierung? Papst Johannes Paul II. küsste die Erde der Länder, die er besuchte. Benedikt XVI. küsst keine Rollbahnen, doch auch er winkt seinen Bewunderern aus dem Papamobil zu. Ist das ein Zugeständnis an die Sehnsucht nach Bildern?

Karl Kardinal Lehmann: Ich habe Johannes Paul II. immer als authentisch  und  wahrhaftig  wahrgenommen,  ebenso  wie  jetzt  Papst  Benedikt  XVI. - jeder  auf  seine  Weise. Wenn Benedikt XVI. den Menschen zuwinkt oder zu ihnen geht, um Hände zu schütteln, so tut er dies nicht, um nur ein gutes Bild für die Kamera abzugeben, sondern weil er den Menschen nahe sein möchte. Er macht dies übrigens auch, wenn kein Journalist zugegen ist. 

"Medium Magazin": Der Philosoph Peter Sloterdijk warf den Journalisten zuletzt vor, die Welt mit Berichten über Attentate islamistischer Extremisten gefährlicher zu machen, weil dies "eine Aufforderung zur Wiederholung" sei. Können Journalisten für den Zustand der Welt, über die sie berichten, verantwortlich gemacht werden?

Karl Kardinal Lehmann: Nein, das kann man so pauschal sicher nicht sagen. Aber Journalisten müssen sich ihrer großen Verantwortung gegenüber der Gesellschaft bewusst sein. Sie müssen wissen, dass sie immer nur einen  kleinen  Ausschnitt  der  Realität wiedergeben  können.  Dieses  Bewusstsein  scheint  mir  manchmal  zu  fehlen. Da wird so getan, als wenn dieser kleine Ausschnitt  schon  ein  realistisches  und repräsentatives Abbild der Wirklichkeit sei. Es kommt auf eine solide und verantwortliche Auswahl an, auch auf das Eingeständnis, dass es eben nur ein kleiner Ausschnitt  ist.  Medienschaffende  müssen sich immer bewusst sein, was sie mit ihren Nachrichten bewirken können. 

"Medium Magazin": Bischof  Wolfgang Huber, der Ratsvorsitzende der Evangelischen  Kirche in Deutschland, versucht im Umgang mit Medien einen Spagat. Er warnt Journalisten vor Tabuverletzungen und schreibt gleichzeitig  für  die nicht  tabuscheue Boulevardzeitung "B.Z." die  Kolumne "Was  würde  Jesus  dazu  sagen?".  Was sagt Kardinal Lehmann dazu?

Karl Kardinal Lehmann: Wir sollten als Kirche, um unseren Verkündigungsauftrag in der  Mediengesellschaft zu erfüllen, auch den Kontakt  zu  denjenigen suchen,  die wir über unsere eigenen Medien nur noch schwer erreichen. Eine aktuelle Studie belegt, dass wir dazu unterschiedliche Wege nutzen müssen und nicht mit einem  Quasi-Patentrezept  alle gleich erreichen. Wenn in einem  Boulevardblatt die Stimme der Kirche vorkommt und so Menschen erreicht, die auf ihre Weise auf der Suche sind, so kann ich daran nichts Schlechtes finden. Gleichwohl dürfen wir uns nicht vereinnahmen  oder  nach  jeder  Mode  verbiegen lassen, sondern müssen unser eigenes Profil behalten.

"Medium Magazin": Gemeinsam mit der "Bild"-Zeitung gaben Sie und Bischof Huber die "Volksbibel" heraus. War das der Beginn der medialen Zukunft der Kirche?

Karl Kardinal Lehmann: Mir ist es wichtig, dass das Wort Gottes in der Bibel auch gelesen wird und nicht  nur in einer möglichst  schmucken Ausgabe im Schrank steht. Bischof Huber und mir war dies - ausgedrückt durch  unser  gemeinsames  Vorwort  - ein Anliegen. Man darf diese einmalige Aktion aber nicht im Blick auf "die mediale Zukunft der Kirche" überhöhen.

"Medium Magazin": Im Gegenzug kopierte die "Bild"-Zeitung bei der Kirche das Konzept, den Laien bei der Erfüllung der Mission zu Hilfe zu ziehen. Wie würden Sie mit einem "Leser-Reporter" umgehen, der Sie beim Espressotrinken in Rom fotografiert?

Karl Kardinal Lehmann: Ich setze große Fragezeichen hinter einen Pseudo-Journalismus, der bewusst Tabus bricht und Menschen - auf beiden Seiten der  Kameras - in Situationen bringt, die mit einer glaubwürdigen und verantwortungsvollen Berufsethik nichts zu tun hat. Die Grundsätze  des  Pressekodex wie der Schutz der Privatsphäre gelten freilich auch für selbst ernannte Reporter. Hier gilt es, an die Verantwortung von Mediennutzern und  Medienschaffenden gleichermaßen zu appellieren. Man muss sich fragen, wer solche Veröffentlichungen liest und damit zur Auflagenstärke beiträgt.

kress.de-Tipp: Das Interview ist ein Auszug eines großen "Medium Magazin"-Interviews, das Mario Kaiser mit Karl Kardinal Lehmann für die Jubiläumsausgabe 12/2006 geführt hat. Das komplette Gespräch gibt es auf der Webseite des "Medium Magazins" als .pdf. 

Das "medium magazin" - das Magazin für Journalisten, in dem aktuelle Branchenthemen diskutiert und beleuchtet werden - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteurin ist Annette Milz. Sie ist auch Herausgeberin der Journalisten-Werkstätten.

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