kress.de: Warum ist aus Ihrer Sicht die Zeit reif für ein Buch nur über Verbote?

Frank Überall: Neben meiner journalistischen Tätigkeit und meinem Engagement für den Deutschen Journalisten-Verband habe ich mich immer auch mit sozialwissenschaftlichen Fragen beschäftigt. So habe ich beispielsweise Sachbücher über Korruption und über Politiker-Rücktritte geschrieben. Zum Thema "Verbote" habe ich mit meinem Kollegen Wolfgang Jorzik bereits seit vielen Jahren Material gesammelt, jetzt bin ich endlich dazu gekommen, dazu auch einen längeren Text zu schreiben.

kress.de: Wolfgang Jorzik hat unter anderem das bundesweit beachtete Projekt "Kölner Woche" verantwortet, bei dem ein Lokalangebot als Mantelteil für die Wochenend-Ausgabe der "Jungen Welt" vertrieben wurde. Er hat als Journalist bei taz, "20 Minuten Köln" und WDR gearbeitet. Vor gut drei Jahren ist er an Krebs gestorben. Mussten Sie beim Schreiben des Buches an ihn denken?

Frank Überall: Ja, natürlich. Ich habe mich immer wieder dabei erwischt, dass ich dachte, ich würde ihn jetzt gerne anrufen und nach seiner Meinung fragen. Aber das geht eben nicht mehr. Ich hatte ihm kurz vor seinem Tod versprochen, dieses Buch zu machen und den Gewinn seiner Familie zur Verfügung zu stellen - immerhin hat er zwei kleine Kinder hinterlassen. Aber es geht auch darum, Wolfgang Jorzik als kreativen Kopf in Erinnerung zu halten. Er hat viele der Bilder gemacht, die in dem Buch jetzt veröffentlicht wurden. Und ohne ihn wäre ich wahrscheinlich nie auf die Idee gekommen, mich derart intensiv mit Verboten auseinanderzusetzen.

kress.de: Ist es denn eher ein Bildband oder ein ernst zu nehmendes Lese-Buch?

Frank Überall: Mein Anspruch war, neben hübschen Abbildungen auch einen informativen wie unterhaltsamen Text zu schreiben. Verbote umgeben uns ständig. Und es ist ein permanenter gesellschaftlicher wie politischer Aushandlungsprozess, was verboten bleibt, was erlaubt wird und was neu verboten werden soll.

kress.de: Haben wir in Deutschland denn überproportional viele Verbote?

Frank Überall: An manchen Stellen kann man sich schon fragen, ob wir es nicht ein bisschen übertreiben. So gibt es Kommunen, die untersagen rund um Spielplätze dornige Pflanzen. Wie sollen junge Menschen denn lernen, dass man einen Rosenstiel nicht anfassen sollte, weil das unangenehme Folgen hat? Ich beobachte manchmal schon einen staatlichen Protektionismus, der über das Ziel hinaus schießt. Hinzu kommt ein Verlust des öffentlichen Raums mit all seinen Freiheiten. Wenn immer mehr Plätze und Geschäftsstraßen der Allgemeinheit entzogen und allein von Privaten bewirtschaftet werden, geht damit meist eine Flut neuer Verbote einher. Freiheit sind anders aus.

kress.de: Hatten Sie als DJV-Vorsitzender beim Schreiben des Buches auch einen besonderen Blick auf die Medienbranche?

Frank Überall: Die Sammlung von Verboten, die zum Teil über soziale Netzwerke seit Jahren geteilt werden, macht natürlich vor meinem Berufsleben nicht halt. Das gilt sowohl für Hochschulen als auch für Redaktionen, in denen ich mich zum Arbeiten aufhalte. Deshalb sind in der Verbote-Sammlung auch viele medienaffine Bilder. Ein Klassiker ist etwa das rote Warnlicht an Radio- und Fernsehstudios, das während der Sendung den störenden Zutritt verbietet. Oder es gibt da den Aufkleber aus einem Schnittraum, mit dem Getränke untersagt werden: "Die Pulte mögen keine Flüssigkeit."

kress.de: Sie fordern in Ihrem Buch dazu auf, das Projekt aktiv zu unterstützen und zur Verbote-Sammlung beizutragen. Warum?

Frank Überall: Mir ist es wichtig, dass wir uns bewusst machen, dass wir grundsätzlich Verbote brauchen - aber auch, dass wir darüber diskutieren müssen, welche Untersagungen die Freiheit allzu sehr einschränken. Natürlich werden in den sozialen Netzwerken auch witzige Schilder gepostet. Es geht aber auch darum, dafür zu sensibilisieren, es mit den Verboten nicht zu übertreiben. Mit Video-Aufsagern vor Verbote-Schildern und mit kleinen "Untersagungs-Shows" begleite ich als Autor das Projekt - einfach auch, weil ich es nach wie vor für ein unheimlich spannendes Thema halte und es mir Spaß macht.

kress.de-Buchtipp: Frank Überall, "Es ist untersagt - wie Verbote uns verwirren und warum wir sie trotzdem brauchen", 196 Seiten, ISBN, Verlag New Business (Hamburg), 24,80 Euro. Internet: www.esistuntersagt.de

Zur Person: Der Autor Frank Überall, Jahrgang 1971, ist freier Journalist und lehrt als Professor Medien- und Sozialwissenschaft an der HMKW Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (Köln/Berlin). Er ist Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands und Mitglied der Autoren-Vereinigung PEN-Zentrum Deutschland.

Die Fragen an Frank Überall stellte kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

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