Herr Gniffke, sind Sie objektiv?

 

JOURNALISMUS! Paul-Josef Raue greift in seiner Kolumne ein Thema auf, das so alt ist wie die Medien und immer wieder diskutiert wird: Was ist objektiver Journalismus? Gibt es ihn überhaupt? Nein, schlicht unmöglich, schreibt Maren Urner, Gründerin des Online-Magazins "Perspective Daily" und promovierte Neurobiologin. "Objektivität ist ein Mythos, eine Fata Morgana... Die Behauptung, 'objektiv' zu berichten, gefährdet am Ende die Demokratie."

Die Fundamental-Kritik, Journalisten berichteten nicht objektiv, hören wir von Pegida, der AfD und Donald Trump. "Warum Objektivität eine Fata Morgana ist",  titelt Maren Urner ihren Beitrag in "Perspective Daily": Dass ein seriöses Magazin den Journalismus in toto negativ darstellt, ist bemerkenswert; immerhin will "Perspective Daily" das erste "konstruktive, lösungsorientierte Online-Magazin in Deutschland sein".

Für Maren Urners Zustimmung zu einem "subjektiven, voreingenommenen und emotionalen" Journalismus gibt es wohl emotionale Gründe: In ihrem Artikel "Was wir gewinnen, wenn mittelmäßige Männer den Mund halten" erzählt sie von Erlebnissen mit einigen Großen des Journalismus:

Bei der Podiumsdiskussion in einer Stadtbücherei ist Maren Urner die jüngste und einzige weibliche Teilnehmerin. Der "gestandene Journalist zwei Stühle weiter" duzt sie, sonst keinen. Und er "legt noch einen drauf und spricht an mich adressiert von ,Blümchenjournalismus'".

Den "Ignoranz-Gipfel" erklimmen dann "diverse mittelalte Chefredakteure und Dozenten, die mir immer wieder erklären wollen, wie Journalismus funktioniert - ja, wie Menschen generell funktionieren". Das ist zu viel: "Dass fachfremde Männer mich (als promovierte Neurowissenschaftlerin) auch in meinem eigenen Fachbereich belehren wollen, scheint ihnen nicht aufzufallen."

Als Maren Urner beim "Reporter-Workshop" in Hamburg berichtet, dass - so die Forschung - negative Gefühle lähmen, reagiert der Leiter einer Journalistenschule: "Das glaube ich nicht!" Der schießt den Vogel ab, schließt die Journalistin. Solch Arroganz ist in der Tat bei Journalisten nicht selten, bisweilen auch bei Wissenschaftlern.

"Journalisten betonen immer wieder, objektiv zu berichten", schreibt Maren Urner, nimmt als Beleg den ARD-Chefredakteur Kai Gniffke und zitiert ihn: "Die neutrale und objektive Berichterstattung der Tagesschau könnte angesichts politisch unruhiger Zeiten wichtiger sein denn je"; zudem schaut sie in den ZDF-Staatsvertrag, der von den Journalisten im Sender einen "objektiven Überblick über das Weltgeschehen" verlangt. Zettelt also Maren Urner einen fundamentalen Streit an über die Objektivität des Journalismus?

Nein. Es ist ein Streit um ein Wort.  Journalisten wie die meisten ihrer Leser und Zuschauer nutzen "objektiv" in einer anderen Bedeutung als Wissenschaftler. Im dpa-Handbuch von 1998 schreibt die Agentur über ihre Grundsätze: "Die Journalistinnen und Journalisten, die hören und sehen, recherchieren, urteilen und schreiben, sind Menschen in all ihren gesellschaftlichen, sozialen und persönlichen Bedingtheiten", und weiter:

"Objektivität als Maßstab ihrer Arbeit kann deshalb kein naturwissenschaftlich exakter Begriff sein." Kai Gniffke weiß, dass seine Journalisten nicht objektiv im umfassenden Sinne recherchieren, auswählen und berichten können, er weiß, dass die "Tagesschau" nicht radikal unvoreingenommen und wertfrei sein kann - quasi wie eine metaphysische Instanz. Wenn Maren Urner feststellt, Objektivität "ist nicht möglich, da jede Berichterstattung von Werten geprägt ist", dann rennt sie offene Türen ein. Dass es radikal objektive Berichte nicht geben kann, ist eine Binse.

Sprechen Journalisten von "objektiv", wollen sie in keine philosophische Debatte eingreifen, sondern haben das Alltagsverständnis von "objektiv" im Sinn:  möglichst unvoreingenommen und neutral zu berichten. Dafür gibt es Kriterien. Im "Handbuch des Journalismus" wird der Leipziger Wissenschaftler Günter Bentele zitiert, der sich in den achtziger Jahren habilitierte mit einer Schrift über Objektivität und Glaubwürdigkeit und der Frage, die dahintersteckt: Wie konstruieren Redakteure und PR-Leute die Realität?

Vollständigkeit, Gefühlsvermeidung, Trennung von Nachricht und Meinung, Neutralität, Transparenz, Strukturierung - und Wahrheit. Das sind Benteles Kriterien, die nicht in jedem Bericht erreicht werden, die Journalisten aber anstreben sollten. Als Beispiel wählt Bentele die Berichterstattung über einen Parteitag: "In der Bewertung und politischen Einschätzung des Parteitags mögen sich die Berichte deutlich unterscheiden, nicht aber in der Wiedergabe relevanter Tatsachen."

Als Vorbild für eine möglichst objektive Berichterstattung werden gerne Nachrichtenagenturen genommen. Wenn "dpa"-Chefredakteur Sven Gösmann mit seinen Volontären über Objektivität spricht, wird er ihnen am Beispiel eines SPD-Parteitags klar machen: Ihrem Bericht darf kein Leser anmerken, ob sie für oder gegen die SPD sind oder für oder gegen einzelne Redner oder Beschlüsse. Und er wird anfügen: Das ist möglich, das schaffen wir seit Jahrzehnten!

Darf er das nicht "objektiv" nennen? Sicher könnte man stundenlang debattieren, ob und wie die Auswahl der Redner gewichtet wird, der erste Satz, die direkte und indirekte Rede undsoweiter. Solche Debatten müssen Journalisten immer wieder führen - um möglichst objektiv zu bleiben im Verständnis der meisten Leser, denn auf ihr Vertrauen kommt es an.

Möglichst objektiv! Welch anderes Wort sollten Journalisten wählen? Ich kenne keins. Ähnlich könnten wir über "wahr" streiten: Es gibt auch keine wahren Berichte im umfassenden Sinn; doch für möglichst wahre Berichte wählt beispielsweise der Pressekodex den Begriff "wahrhaftig" - und legt gleich in Ziffer 1 fest: "Wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse". Ob allerdings eine größere Zahl von Lesern, auch von Journalisten, den Unterschied von "wahr" und "wahrhaftig" kennt, ist einen Zweifel wert.

Die Debatte um Objektivität ist so alt wie der Journalismus. Sie hat Auftrieb bekommen durch Pegida und Vorwürfen gegen den herrschenden Journalismus, sie führt auch zu Selbstkritik und Besinnung sowie zur Bereitschaft zum Gespräch mit Lesern und Zuschauern. Im Mai 2017 sprach beispielsweise "Tagesschau"-Chefredakteur Gniffke mit Zuschauern: "Sag's mir ins Gesicht", auf Youtube zu sehen. "Der Spiegel" setzt sich in den aktuellen Heften mit dem Verdruss der Gebildeten an den Medien auseinander: "Die Wut der klugen  Köpfe" (wenig sinnig online nur gegen Bezahlung zu lesen), fordert die Leser zur Debatte auf und veröffentlicht deren Kritik am "Nanny-Journalismus, der vorschreibt, wie die Leser zu denken haben". Ein Leser aus Bayern zollt Respekt "für so viel Objektivität und auch Selbstkritik", ein anderer, der seinen Namen nicht gedruckt sehen will, kritisiert: "Der Spiegel hat es nicht geschafft, objektiv über die Flüchtlingskrise zu berichten."

"Nicht objektiv" heißt für Leser: Skandalisieren, dramatisieren, wichtige Fakten verschweigen, Meinungen als Nachricht tarnen. "Objektiv" wäre das Gegenteil. Die Debatte im Journalismus über den Vertrauensverlust bei den Lesern und Zuschauer führt so zu diesen Forderungen:

  • Redakteure müssen erkennen, dass ihre Werte und Urteile und Vorurteile in ihre Entscheidungen einfließen: sie sollten darüber sprechen und Konsequenzen ziehen.

  • Redakteure müssen ihre Entscheidungen ehrlich dem Leser und Zuhörer erklären: Warum hat die Redaktion so und nicht anders entschieden.

  • Redakteure sollten nicht inflationär die Worte "objektiv" und "wahr" nutzen, erst recht nicht als Schlagworte gegen Kritik.

"Wir brauchen mehr kritisches Denken, Vernunft, Ehrlichkeit und vor allem Mut - um die eigene Beschränktheit anzuerkennen", endet auch Maren Urner. Schwierig wird diese Anerkennung, wenn sie zum Plädoyer wird für subjektiven, gar missionarischen Journalismus, gern als "Haltung" gelobt. Den Begriff der Objektivität "in einer erkenntnistheoretischen Diskussion völlig aufzulösen, hieße, zu jeder Verfälschung, Lüge und Manipulation einzuladen", ist im dpa-Handbuch zu lesen.

Wenn alles subjektiv ist, ist alles richtig. Das wäre in der Tat gefährlich für die Demokratie, wäre das Ende des Journalismus und der Moral.

Der Autor

Paul-Josef Raue ist neben Wolf Schneider der Autor des Standardwerks "Das neue Handbuch des Journalismus", das seit 20 Jahren bei Rowohlt erscheint. Das Stichwort "Objektivität - gibt es sie?" behandeln sie im Kapitel "Wie Journalisten Leser und Hörer informieren"; zudem verweisen sie auf das Stichwort "Manipulation". Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Raue neues Buch "Luthers Sprach-Lehre"" erschien 2017 im Klartext-Verlag. Sein Essay "Transmedialer Wandel und die German Angst" ist in dem Band "Die neue Öffentlichkeit" (Verlag Springer VS) zu lesen. Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier, Berlin und Salzgitter.

 

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