"kress pro"-Chefredakteur Markus Wiegand über den Kampf um König Dieter

20.03.2018
 

Familienunternehmen erinnern an Königshöfe. Die Getreuen suchen die Gunst des Herrschers. Das ist im Unternehmen Dieter von Holtzbrincks nicht anders, meint Markus Wiegand im Editorial von "kress pro".

Wie es zugeht, wenn man im Reich des Verlegers Dieter von Holtzbrinck recherchiert, hat Bernd Ziesemer, der langjährige Chefredakteur des Hauses, nach dem Abgang von Gabor Steingart via Twitter präzise auf den Punkt gebracht: "Warum fällt mir in diesen Tagen bloß wieder der alte Mafia-Spruch ein? 'Die reden, wissen nicht. Die wissen, reden nicht.'"

Wer lange genug sucht, findet dann schon den ein oder anderen, der etwas weiß und auch redet. Und je mehr man selbst erfährt, desto mehr lockern sich die Zungen der Wissenden. Was bei den Recherchen zur Zukunft der Dieter von Holtzbrinck Medien auffiel: Viele Gesprächspartner sprachen vom Verleger einfach als "Dieter", obwohl auch hochrangige Führungskräfte die vertraute Anrede niemals wagen würden, wenn Dieter von Holtzbrinck den gleichen Raum betritt.

Der Verleger (76) ist in der Vergangenheit nicht dadurch aufgefallen, dass er allzu schnell die persönliche Nähe zu anderen gesucht hätte. Den engsten Zirkel seiner Getreuen kennt er schon Jahrzehnte. Es gab eine Ausnahme: Gabor Steingart. Der hatte 2001 im "Spiegel" die schwierige Familiengeschichte der Familie von Holtzbrinck aufgearbeitet. 2009 holte ihn Dieter von Holtzbrinck als Chefredakteur zum "Handelsblatt". Vor fünf Jahren wurde Steingart Geschäftsführer und bekam als Verleger schließlich sogar eine Beteiligung an der Handelsblatt-Gruppe.

Die Anteile sind nicht handelbar und fallen nach dem Ende des Arbeitsverhältnisses zurück ans Unternehmen, weshalb Steingart eigentlich kein richtiger Gesellschafter, sondern nur Anteilseigner auf Zeit war. Dennoch: Die Beteiligung war eine symbolische und finanzielle Anerkennung für Gabor Steingart. Und genau das sorgte im Haus für Stirnrunzeln. Verglichen mit anderen Vertrauenspersonen wie Michael Grabner, Rainer Esser oder Sebastian Turner war Steingart ein Emporkömmling, der die Statik im Kreis des Vertrauens durcheinanderbrachte. Und alle fragten sich: Was findet der Dieter nur am Gabor?

Der Aufstieg und der Fall von Gabor Steingart hat letztlich etwas Irrationales, das typisch für Familienunternehmen ist. Es ist eines der Missverständnisse in der Medienbranche, dass es für Führungskräfte darum geht, große Zielgruppen zu erreichen.

Die Zielgruppe in Familienunternehmen lässt sich ohne höhere Mathematik zahlenmäßig eingrenzen: sie ist genau 1, und zwar in Person des Verlegers und Mehrheitsgesellschafters. Und deshalb buhlen alle um seine Gunst. In vielen Verlagen erinnern die Zustände daher an Königshöfe: Wer hat das Ohr des Herrschers? Wem gewährt er eine Audienz? Wer ist in Ungnade gefallen? Und im täglichen Verteilungskampf: Wer bekommt mehr Budget?

In Aktiengesellschaften ist vieles einfacher. Letztlich geht es dort nur um eine Frage: Stimmt die Kasse? Als Vergleichsmaßstab dient der Index oder ein Benchmark in der Branche. Liegt der CEO auf Dauer unter dem Schnitt, kann er sich seine Abfindung ausrechnen und ein Haus weiterhüpfen. In Familienunternehmen ist der wirtschaftliche Erfolg nur eines der Kriterien für die Führungskräfte. Weiche Faktoren und verlegerische Fragen sind ebenso wichtig. Dieter von Holtzbrinck ist ein gutes Beispiel: Wenn er auch nichts zu verschenken hat, kann man ihm nur schwerlich vorwerfen, er habe die Gewinne maximiert. So stattet der Verleger das "Handelsblatt" mit einem Redaktionsbudget von rund 30 Millionen Euro jährlich aus. Gemessen an der überschaubaren Auflage: der mit Abstand höchste Etat der Branche. Das hat damit zu tun, dass sich der Verleger unter den Augen des kritischen Vaters einst in Düsseldorf seine Sporen abverdiente. Es geht Dieter um mehr als Rendite. Zeitverlag-Chef Rainer Esser sagte "kress pro" im Interview (10/2017), Dieter von Holtzbrinck habe noch nie zu ihm gesagt: "Na, es könnte aber auch noch ein bisschen mehr sein."

Das ist der Grund, weshalb sich viele eine mittelständische Verlagslandschaft wünschen. Als Bollwerk gegen die Rendite-Multis. Die romantische Vorstellung hat einen Haken: die Nachfolgefrage. Die größte Bedrohung für jedes Familienunternehmen sind bekanntlich die eigenen Erben. Nur selten gibt es Kinder, die das Format haben, große Unternehmen ähnlich gut zu führen wie ihre Mütter oder Väter.

Das Beispiel Dieter von Holtzbrincks zeigt allerdings auch: Wenn die Kinder nicht ins Unternehmen einsteigen, ist das auch keine Lösung. Warum, das lesen Sie in der Titelgeschichte dieser Ausgabe.

kress.de-Tipp: Das Editorial von Chefredakteur Markus Wiegand ist in der März-Ausgabe von "kress pro" (2018/2) erschienen. Die Titelgeschichte lautet "Wie Dieter von Holtzbrinck sein Reich neu ordnet und auf wen er dabei setzt." Die "kress pro"-Ausgabe gibt es in unserem Shop gedruckt und als E-Paper - sowie im iKiosk. Per E-Mail kann sie unter vertrieb(at)oberauer.com bestellt werden.

"kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. Zum "kress pro"-Abo.

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