José Redondo-Vega über Joko Winterscheidts "JWD": Tabubruch als Wille und Vorstellung

23.03.2018
 
 

Sie haben es wieder getan: Nach "Barbara" und "Gesund Leben/von Dr. Eckart von Hirschhausen" startet "G+J" mit "JWD" bereits das dritte Magazin mit einer prominenten Leitfigur. ProSieben-Moderator Joko Winterscheidt, "Editor-at-very-large", gibt im Editorial den Takt vor: "Journalismus funktioniert nicht mehr so, das eine Seite nur erzählt und die andere nur zuhört". Und "deshalb sind wir unterwegs. Um euch Geschichten mitzubringen, die Spaß machen und bewegen". Für kress.de hat der ehemalige "GQ"-Chefredakteur José Redondo-Vega "JWD" gelesen.

Ein junges Reportage-Heft soll es also sein, das lässt die Ansprache vermuten, dazu ein Mitglied aus der "Stern"-Familie, was in vielerlei Hinsicht geschickt ist, vor allem aber: eine Zeitschrift für Männer.

Ausgerechnet ein Männerheft. Ob Bauer, Burda, Funke oder Springer: Zwar suchen alle Großverlage gerade nach Konzepten für männliche Zielgruppen, schwanken zwischen Neugründung und Lizenzerwerb, schrecken am Ende aber zurück. Zu groß der Aufwand, zu unüberschaubar das Risiko, zu klein die Margen, heißt es. Man bleibt lieber beim Bewährtem, was im Zweifelsfall immer ein Frauenmagazin bedeutet, obwohl es für jede Altersgruppe - von frühreif bis spätgebärend - Titel in xfacher Redundanz gibt.

Dazu sollte man wissen: Nur noch "Playboy" und "Men's Health" verkaufen stabil über 100.000 Exemplare. Und: Das Segment Männermarkt war schon immer ein Scheinriese. Um die männliche Leserschaft valide darzustellen, müsste man zu den unterschiedlichen General-Interest-Titeln auch Fachzeitschriften aus dem Bereichen Computer, Sport, Auto oder Freizeit dazuzählen.

In kleineren Nischen fühlen sich nicht nur Männer, sondern auch Verlage wohler, weswegen Gruner und Jahr dazu mittlerweile ein kleines Portfolio angesammelt hat: "Beef" für den Koch und das Tier im Mann, "Business Punk" für alle heimlichen Gordon Gekkos und "Walden" für "Neon"-Leser, die jetzt doch erwachsen werden wollen und im Wald schonmal die Axt schwingen.

Diese Strategie mag man belächeln, ist aber nur konsequent: In der Nische kann man testen, erfolgreiche Ideen zu Marke formen und für das G+J-Anzeigenportfolio entsprechende Konzepte entwickeln. Große Auflagen erwartet da niemand und deswegen ist die Einführung von "JWD" (kress.de berichtete) auch in dieser Hinsicht bemerkenswert: Die Druckauflage liegt bei 200.000 Exemplaren, das Mediavolumen bei 2,5 Millionen Euro, der Copypreis bei 4,40 Euro, geplant sind zehn Ausgaben jährlich.

Das ist weder nischig, noch verklemmt, sondern eine Kampfansage. Aber auch, nach dem ersten Durchblättern: ein Experiment auf hohem Niveau.

Das Cover

Auffällig, ironisch, teilweise rätselhaft - und damit gegen jede Regel üblicher Covergestaltung. Der Namen "JWD" steht dabei für "Joko Winterscheidts Druckerzeugnis", impliziert natürlich auch "Janz weit draußen", was - Absicht oder nicht - über das ganze Projekt stehen könnte. Die Zeilen erschließen sich erst auf den zweiten Blick oder gar nicht, die Themen sind schwer erfassbar, das Coverfoto zwar auffällig, die Botschaft dahinter bleibt ein Geheimnis. Ein spitzes Produkt, das ganz auf Effekt und Testimonial setzt und damit volles Risiko geht. "JWD" gilt schon jetzt als Favorit bei den "Lead Awards", ein mutiger Titel - auch für den G+J-Vertrieb, der dennoch Haltung zeigt und bewusst auf ein unorthodoxes Konzept setzt.

Das Konzept

Es gibt viel zu entdecken, manchmal zu viel, dafür kommt keine Langeweile auf. Die Welt da draußen hat so einige Geschichten parat und "JWD" will viele davon erzählen. Das wirkt manchmal rastlos, manchmal chaotisch, ab und an auch bemüht.

Acht große Reportagen gibt es, die meisten opulent bebildert, dazu Kolumnen, ein Füllhorn kleinerer, aber origineller Rubriken, alles verteilt auf drei Heftteile mit den Namen "Das Beste von Welt", "Per Anhalter durch die Galaxis" und "Lifestyle für Rockstars".

Irritation gehört dabei zum Heftprinzip, ein ständiger Balanceakt zwischen Themenauswahl, Inszenierung und Textkonzept. Dem jungen, männlichen Leser wird nichts vorgeschrieben, sondern ein Angebot gemacht, das er oft nicht ablehnen kann. Eine lässige Ironie zieht sich durch alle 164 Seiten, was dem Heft eine entspannte, souveräne Haltung verleiht.

Interessant: Joko Winterscheidt zeigt sich ungewohnt ernst und es dürfte spannend zu beobachten sein, wie er in Zukunft diesen Spagat zwischen seriösem Reporter und clownesker TV-Figur hinbekommt. Man könnte das ganze Heft auch auf ein Wort reduzieren: antizyklisch.

Das Layout

Artdirector Heico Forster hat gute Arbeit geleistet. Das Heft wirkt insgesamt klar, kein Typo-Overkill blendet das Auge, dankenswerterweise hat er sich auf zwei Schriften konzentriert, die er auch nur sparsam variiert. Forsters graphisches Konzept bändigt die Fülle an unterschiedlichen Formen und Inhalten, ohne sich dabei allzu sehr in den Vordergrund zu spielen.

Allerdings: Die Brotschrift mit Serifen mag lesefreundlich sein, wird aber zu oft als großer Block und zu massig dargestellt. Das erschwert den Zugang zu den Geschichten und trübt das Lesevergnügen. Die Fotoreportagen sind alle optisch auf hohem Niveau, "JWD" zeigt sich auch hier als würdiges neues Mitglied der "Stern"-Familie.

Der Text

Der erste Eindruck: ziemlich viel zu lesen. Der zweite: Bei solchen Bildunterschriften könnte man - fast - auf längere Text verzichten. Es war schon ein kluger Schachzug von "Stern"-Chefredakteur Christian Krug, den Hamburger Blattmacher und Autor Michalis Pantelouris als Redaktionsleiter einzusetzen.

Pantelouris, der als Redakteur, Kolumnist und Buchautor in den vergangenen Jahren bereits einige Lifestyle-Titel geprägt hat, erhebt auch bei "JWD" kleinste Texte zur Kunstform. Erst sein Textkorsett mit Zeilen, Vorspännen und Captions verleihen dem Heft einen Sound, der das Heft jenseits der Zielgruppe interessant macht. Perlensucher werden ihre Freude haben.

Da verzeiht man gerne die manchmal mühevollen Versuche, möglichst jede Reportagen aus der Ich-Perspektive zu schreiben. Nicht in jedem Schreiber steckt ein Hunter S. Thompson. Um so angenehmer lesen sich die Geschichten der erfahrenen Stern-Autoren Janis Vougioukas ("Ich bin dein Leben") und David Baum ("Oh wie schön, das kaufen wir").

Einziger Sündenfall: das Interview mit dem deutschen Modemacher Philipp Plein, handwerklich ungelenk und von einer bemerkenswerten Distanzlosigkeit.

Fazit

Mit "JWD" bleibt G+J seinem verlegerischem Selbstverständnis treu, Experimente zu wagen und neue Märkte zu erkunden. Während andere Verlage jedem Internettrend hinterhergejagt sind und sich im digitalem Narrenturm wiederfinden hat der Vorstand am Baumwall verstärkt auf Print gesetzt - auch durch den konsequenten Ausbau der Kundenmagazin-Tochter "Territory".

Sicher: Da mag nicht immer alles erfolgreich gewesen sein.

Allerdings zeigen Beispiele wie "Barbara", "Gesund Leben/von Dr. Eckart von Hirschhausen" oder der "Stern"-Ableger "Crime", dass es neben Anzeigen- immer noch Auflagen-Potentiale gibt. Das Prinzip "Erst schießen, dann fragen" scheint demnach erfolgsversprechender als das in manchen Verlagen verbreitete "Selbstmord aus Angst vor dem Tod".

Viel wird bei "JWD" davon abhängen, inwieweit Joko Winterscheidts seine Fan-Base aktivieren kann (zwei Millionen Follower auf Twitter, 1,5 Millionen auf Facebook). Und ob er das Potential zu einer Integrationsfigur wie Barbara Schöneberger hat. Die bedient ihre Zielgruppe inzwischen punktgenau: Wer Schönebergers gedrucktem Alltagskanon aus Kinderchaos, Stylingtipps und fortschreitender Zellulitis folgt, fühlt sich als Leserin - bei aller Ironie - positiv bestätigt und als Teil eines geschlossenen Systems.

Jüngere, männliche Leser sind weniger treu, launenhafter und erliegen leichter den Verlockungen des Internets - so zumindest die landläufige Meinung. Um deswegen die Frage direkt zu beantworten: Nein, "JWD" wird keinen aufwendigen Digital-Auftritt haben, sondern unter dem Dach von "stern.de" schlüpfen. Was wieder scheinbar gegen jede Regel ist, aber in Wahrheit inhaltlich und kaufmännisch klug überlegt. Das hält Strukturen und Kosten schlank.

Den Anzeigenkunden gefällt es. Das Heft liegt schwer, aber griffig in der Hand, was nicht nur an der Papierdichte liegt, sondern an den 27 Anzeigenseiten plus zwei Beiheftern (darunter ein versponserter - nicht nur ironisch gemeinter - Thessaloniki-City-Guide).

"JWD" ist ein Wagnis, aber auch eine Hoffnung. Auf neue Leserschaften, originelle Konzepte, mutige Verleger. Vor allem aber auf das Beste was man als Medium seiner Leserschaft bieten kann: gute Unterhaltung.

Das Team hinter JWD "Joko Winterscheidts Druckerzeugnis"

"Editor at very large" und Namensgeber ist der Moderator und Unternehmer Joachim "Joko" Winterscheidt, Chefredakteur Christian Krug, Redaktionsleiter Michalis Pantelouris, Art Director Heico Forster und Fashion Director Marcus Luft.

Redakteure und Autoren des Magazins sind David Baum, Nilz Bokelberg, Tim Cappelmann, Nora Gantenbrink, Nele Justus, Friedemann Karig (Beratung), Philipp Kohlhöfer, Ingo Neumayer, Sophie Passmann, Marie Pfeiffer, Frederik Seeler, Daniel Sippel und Janis Vougioukas. Für die Grafik zuständig sind Linna Grage und Bente Rappmund, die Bildredaktion liegt bei Laura Cristoforetti. Chef vom Dienst ist Derik Meinköhn, Geschäftsführende Redakteurin Nicole Granzin, die Projektleitung liegt bei Patricia Hildebrand, die Schlussredaktion bei Matthias Reisner sowie Bob Andrews (Recherche und Archiv).

Publisher sind Alexander von Schwerin und Nica Volquartz (Publishing Manager), Brand Solutions und verantwortlich für Anzeigen ist Anja Dreßler, Distribution und Sales Christopher Höpfner, DPV Deutscher Pressevertrieb, die G+J-Herstellung machen Heiko Belitz (Leitung), Martin Laue, Marketing verantwortet Lena Rautenstrauch, die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Sabine Grüngreiff (Leitung). Gedruckt wird "JWD" bei Mohn Media in Gütersloh.

José Redondo-Vega

Zum Autor: José Redondo-Vega formte als langjähriger Chefredakteur die Zeitschrift "GQ" zu einer 360-Grad-Marke. Davor entwickelte und leitete er den Online-Auftritt von "Vanity Fair" und war Chefredakteur vom "kressreport". Zurzeit berät er Verlage und Unternehmen.

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