Vice-Personalchef Jannis Tsalikis im Interview: "Bei Virtue wird sich personell einiges bewegen"

 

Virtue, die Kreativ- und Werbeagentur von Vice, sucht in Deutschland gerade Mitarbeiter im Bereich Art, Konzept, Strategie und im Projektmanagement sowie Texter. Vice-Personalchef Jannis Tsalikis sagt, was sein Unternehmen Bewerbern zu bieten hat und von ihnen erwartet.

Das Gespräch ist Teil 2 einer Interviewreihe von kress.de mit den Personalverantwortlichen von Medienunternehmen.

kress.de: Herr Tsalikis, ist es gut oder schlecht, mit Basecap zum Vorstellungsgespräch bei Vice zu kommen?

Jannis Tsalikis: Es ist grundsätzlich irrelevant, wie man zu uns kommt. Hauptsache, man ist gepflegt und ist sich bewusst, dass man sich bei einem echten Unternehmen vorstellt. Kandidaten müssen verstehen, dass wir eine Firma sind, die Champions League spielt, und dementsprechend sollte ein Bewerber auch auftreten. Er oder Sie stellt sich ja nicht etwa bei einem kleinen Nachtclub vor.

kress.de: Vice ist sehr schnell gewachsen, in Deutschland beschäftigen Sie jetzt rund 130, im gesamten deutschsprachigen Raum 300 Mitarbeiter. Werden Sie hierzulande weiter expandieren?

Jannis Tsalikis: Aktuell befinden wir uns in einer weiteren Entwicklungsphase. Wir integrieren Vice mit den drei Geschäftsfeldern Digital, Virtue und TV in der DACH-Region und schaffen so schlankere Strukturen, Synergien und somit auch gute Voraussetzungen für weiteres Wachstum.

kress.de: Sie spielen auf die Einführung einer Holding für Deutschland, Österreich und die Schweiz im Februar an. Ist dieser Schritt mit dem Abbau von Arbeitsplätzen an einzelnen Standorten verbunden?

Jannis Tsalikis: Es sind im Zusammenhang damit keine Kündigungen geplant. Es gab bei uns vereinzelt Veränderungen, die aber jeweils andere Hintergründe haben. So haben wir zum Beispiel unsere Snapchat-Redaktionen innerhalb des Raums Europa, Naher Osten und Afrika integriert und somit die angesprochenen Synergien ermöglicht. Deshalb können wir zukünftig auch gesund wachsen.

kress.de: In welchen Bereichen suchen Sie in Deutschland gerade Personal und welche Qualifikationen sind besonders spannend für Sie?

"Wir schauen uns immer nach aufgeweckten, kompetenten Kollegen um, die Content wirklich verstehen" 

Jannis Tsalikis: Insbesondere bei unserer Kreativ- und Werbeagentur Virtue wird sich in Deutschland personell einiges bewegen. Wir suchen daher Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in den Bereichen Art, Konzept, Strategie und im Projektmanagement sowie Texter. Auch im Bereich Sales sind derzeit Stellen ausgeschrieben. Wir schauen uns immer nach aufgeweckten, kompetenten Kollegen um, die Content wirklich verstehen und sich mit Media auskennen.

kress.de: Welche Fähigkeiten und Eigenschaften sollten Kandidaten außer einer bestimmten fachlichen Qualifikation mitbringen?

Jannis Tsalikis: Wichtig sind uns neben Fachkompetenz, dass es ein Markenverständnis und eine Leidenschaft dafür gibt. Kandidaten, die sich für einen Job bei uns interessieren, sollten auf jeden Fall Vice gerne lesen und Lust auf die Themen haben, mit denen wir uns beschäftigen. Man muss an der Welt von Vice Interesse haben - egal, in welchem Bereich bei uns man arbeiten will. Wichtig ist auch, für sein jeweiliges Berufsfeld zu brennen.

kress.de: Gibt es Sätze in Bewerbungen oder bei Vorstellungsgesprächen, die Sie gar nicht gerne lesen oder hören?

Jannis Tsalikis: Es gibt natürlich Sätze, mit denen man sich ins Aus katapultiert. Es ist zum Beispiel nicht besonders schlau, auf die Frage nach dem Hauptbeweggrund für eine Bewerbung bei uns zu sagen: "Ich fand Berlin immer schon toll." Das höre ich aber Gott sei Dank selten.

kress.de: Über welche Kanäle suchen und finden Sie neue Mitarbeiter?

Jannis Tsalikis: Das ist ein Mix von Kanälen. Wir sourcen selbst, wir posten auf Facebook, bei Twitter, Xing oder Linkedin und wir haben Flatrates für Anzeigen in bestimmten Jobbörsen.

kress.de: Wo und wie sourcen Sie selbst?

Jannis Tsalikis: Wir sourcen hauptsächlich auf Xing und Linkedin. Meistens bin ich dort selbst mit meinem Profil unterwegs.

kress.de: Worauf achten Sie dabei?

Jannis Tsalikis: Ich teste verschiedene Kombinationen aus Schlagwörtern und finde so meistens die Leute, die ich suche. Dadurch, dass ich schon seit OpenBC-Zeiten dabei bin, habe ich in beiden Professional Networks ewig viele Kontakte, und das hilft bei der Suche enorm. Der Rest bleibt mein persönliches Betriebsgeheimnis.

"In manchen Bereichen würde sich jemand über 40 bei uns natürlich schwer tun"

kress.de: Vice ist eine Medienmarke für jüngere Leute. Kann ich mir eine Bewerbung sparen, wenn ich über 40 Jahre alt bin?

Jannis Tsalikis: Der Altersdurchschnitt unserer Mitarbeiter liegt bei gut 30 Jahren. Wir gucken bei Bewerbern aber natürlich weder nach Alter noch nach Geschlecht oder Optik. Für uns ist entscheidend, dass die Leute ein tieferes Interesse und Freude an der Marke Vice mitbringen, kompetent sind und etwas bewegen wollen. In manchen Bereichen würde sich jemand über 40 bei uns natürlich schwer tun: Wie will er einen Text schreiben, in dem es um die Handhabung von Snapchat durch 13- oder 14-Jährige geht? Per se schließen wir aber ganz sicher niemanden aus.

kress.de: Ist es sinnvoll, Ihnen eine Initiativbewerbung zu schicken?

Jannis Tsalikis: Ja, aber man darf nicht böse sein, wenn man eine Absage bekommt, weil es gerade keine Vakanz gibt.

kress.de: Bilden Sie auch aus?

Jannis Tsalikis: Wir bilden Azubis in den Bereichen IT, Büromanagement, Bild und Ton und Marketing/Kommunikation aus. Außerdem bieten wir Traineeships im redaktionellen Bereich an.

kress.de: Sind für Ihre Redaktionen Bewerber, die aus der klassischen Verlagswelt kommen, prinzipiell interessant?

Jannis Tsalikis: Laura Himmelreich, die Chefredakteurin von Vice.com in Deutschland, kommt ja vom "Stern". Entscheidend ist das Mindset: Man muss sich mit unserer Tonalität und unseren Themen identifizieren können. Das ist für einige nicht so einfach.

kress.de: Im Jobbereich Ihrer Website werben Sie unter anderem mit regelmäßigen Feedbackgesprächen, frischem Obst, Wasser, Fußball und Yoga-Kursen. Stimmen denn auch Faktoren wie Arbeitszeit und Bezahlung?

Jannis Tsalikis: Ich will diese Benefits gar nicht so hoch hängen. Wir versuchen nur, den Kollegen ein schönes Umfeld zu bieten, in dem sie gerne arbeiten. Was Arbeitszeiten anbelangt, sind wir klar: Wir haben eine Vertrauensarbeitszeit. Man muss pünktlich erscheinen, es gibt aber keine Stechuhren. Wie bei anderen Werbeagenturen oder Startups auch wird kurz vor einer Deadline oder bei wichtigen Wahlen manchmal lange oder sogar bis in die Nacht hinein gearbeitet. Für solche Situationen haben wir aber klare Regelungen. Es gibt dann halbe oder ganze Ausgleichstage und somit wird bei uns die vereinbarte Arbeitszeit eingehalten.

kress.de: Sie bieten in der Regel unbefristete Jobs an?

Jannis Tsalikis: Das ist richtig. Das ist bei uns ein Standard. Ausnahmen werden nur gemacht, wenn wir wissen, dass ein Projekt explizit nur kurze Zeit dauert.

"Unser Ziel ist es, Lohngerechtigkeit, insbesondere auch zwischen Männnern und Frauen, zu gewährleisten"

kress.de: Zum Thema Bezahlung haben Sie noch nichts gesagt.

Jannis Tsalikis: Wir orientieren uns an Ausbildung, Kenntnisstand und Erfahrung. In einem kompetitiven Arbeitsmarkt müssen wir in einem fairen Rahmen agieren, allein auf die Kraft der Marke können wir uns dort nicht verlassen. Das heißt, wir bezahlen absolut marktgerechte Gehälter. Das Thema "faire Bezahlung" ist uns generell sehr wichtig. Wir befassen uns gerade mit dem Thema Equal Pay im Unternehmen und haben dafür ein externes Beratungsunternehmen engagiert. Die erste Phase ist bereits abgeschlossen, und es hat sich gezeigt, dass die Ungleichheit bei der Bezahlung bei uns nicht überbordend groß ist. Unser Ziel ist es, bis Ende 2018 Lohngerechtigkeit, insbesondere auch zwischen Männern und Frauen, möglichst zu 100 Prozent zu gewährleisten.

kress.de: Nennen Sie doch einmal Zahlen. In welcher Spanne bewegt sich zum Beispiel das Gehalt eines Jungredakteurs, der mit einem Volontariat, aber ohne Berufserfahrung als Redakteur zu Vice.com kommt?

Jannis Tsalikis: Man müsste sich das individuell anschauen. Tatsächlich steigen die meisten Jungredakteure ohne abgeschlossenes Volontariat als Trainee oder Jungredakteure bei uns ein, deren Gehälter liegen zwischen 1.900 und 2.500 Euro pro Monat. Leute mit abgeschlossener Ausbildung oder Journalistenschule fangen meist direkt als Senior Editor bei uns an, deren Gehälter liegen höher.

kress.de: Wie fördern Sie diejenigen, die schon an Bord sind, und welche Weiterbildungsmöglichkeiten bieten Sie?

Jannis Tsalikis: Wir sind in Deutschland kein riesengroßes Medienhaus, eine Akademie oder ähnliches können wir nicht finanzieren. Trotzdem bieten wir intern Weiterbildungsmöglichkeiten an und sind natürlich auch bereit, wo es nötig ist, Weiterbildung durch passende Dienstleister zu ermöglichen.

kress.de: Die "New York Times" hat Ende 2017 über Fälle sexueller Belästigung in Ihrem Mutterunternehmen berichtet, woraufhin sich auch zwei ehemalige deutsche Mitarbeiterinnen mit Klagen über die Machokultur bei Vice zu Wort gemeldet haben. Sind Sie diesen Vorwürfen nachgegangen und gibt es Konsequenzen?

"Bei Vice bekommen Mitarbeiter maximale Beinfreiheit"

Jannis Tsalikis: Mir ist zuerst einmal wichtig zu erwähnen, dass es - soweit es uns bekannt ist - bei den Vorwürfen in Deutschland nicht um sexuelle Belästigung ging, sondern um ein Verhalten von Vorgesetzten, mit dem die Betroffenen nicht einverstanden waren. Gerade die internationalen Fälle haben uns aber dazu bewegt, dass wir Strukturen geschaffen haben, die Fehlverhalten minimieren und ein Umfeld für ein gutes und sicheres Miteinander schaffen. Unsere Belegschaft hat zum Beispiel ein Gremium gewählt, das Sparringspartner fürs Management und Ansprechpartner für Mitarbeiter ist, die sich unwohl fühlen. Unser Ziel ist, dass sich alle Mitarbeiter bei uns wohl fühlen, egal welches Geschlecht, welche Religion oder Herkunft sie haben. Deswegen wird das Gremium auch in Zusammenarbeit mit externen Beraterinnen und Beratern prüfen, inwieweit es sinnvoll ist, die beiden erwähnten, älteren Fälle nochmal aufzurollen.

kress.de: Sie sind seit 2013 bei Vice. Was zeichnet für Sie die Kultur des Unternehmens aus?

Jannis Tsalikis: Ich bin zu Vice gekommen, weil ich gerne gestalte und mache. Bei Vice bekommen Mitarbeiter maximale Beinfreiheit. Ich durfte schon sehr viele meiner Ideen und HR-Projekte umsetzen, das finde ich einfach richtig gut. Zum Beispiel ein eigenes Rekrutierungssystem und das Informations-Tool "Internal Hub" entwickeln, für das Vice 2017 einen Personalmanagement-Award gewonnen hat.

kress.de: Und was sind die Nachteile?

Jannis Tsalikis: Wenn man in einem dynamischen Umfeld arbeitet, bei einem Unternehmen, das bei jedem Thema Vorreiter ist oder sein will, muss man jeden Tag Vollgas geben. Das kann auch anstrengend und mühsam sein. Man muss das wollen.

kress.de: Vice-Deutschlandchef Benjamin Ruth hat Anfang 2016 im Interview mit "kress pro" gesagt, Vice sei eine "arschlochfreie Zone". Gilt das noch immer?

Jannis Tsalikis: Ja, wir versuchen natürlich den Arschlochfaktor so klein wie möglich zu halten. Wir arbeiten jeden Tag für eine offene Kultur und ein gutes Miteinander. Wir sind gegen Teamführung, die in napoleonischer Manier von oben nach unten durchregiert. Am Ende zählt das Team, und das kann nur gut funktionieren, wenn sich jeder Einzelne darin angenommen und respektiert fühlt.

Zur Person: Jannis Tsalikis, 43, ist seit Dezember 2013 HR-Director bei Vice Media. Zuvor hatte er diese Position bei der Kommunikationsberatung MSL Germany inne. Frühere berufliche Stationen waren die Werbeagenturen Scholz & Friends und BBDO. Tsalikis bloggt unter www.arbeitgebermarkenfreunde.de über HR-Themen.

Das Gespräch mit Vice-Personalchef Tsalikis ist Teil 2 einer kress.de-Interviewreihe mit den Personalverantwortlichen von Medienunternehmen. Lesen Sie auch:
Teil 1 - Florian Klages, Leiter Corporate HR bei Axel Springer, verrät, wie man bei Springer schnell Karriere macht.

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