Der Thriller-Bestseller-Autor, der seine Karriere als Lokalredakteur begann

 

JOURNALISMUS! Viele Krimi-Autoren waren Journalisten, sie kennen die Menschen, die Welt - und die Mächtigen. Zu den großen Polit-Thriller-Autoren zählt der Brite Frederick Forsyth. Er begann seine schriftstellerische Karriere als Lokaljournalist. Paul-Josef Raue hat für seine Kolumne die Autobiografie gelesen.

Wer auf der Suche nach einem ersten Satz ist, der originell ist und Lust aufs Lesen macht - hier ist einer:

"Wir alle machen Fehler, aber den Dritten Weltkrieg auszulösen, wäre schon ein ziemlich beachtlicher gewesen. Allerdings behaupte ich bis heute, dass es nicht allein meine Schuld war. Doch ich greife vor."

Vorworte sind oft überflüssig, oft reizlos. Das Vorwort mit dem Dritten Weltkrieg zu beginnen, beweist dagegen, dass der Autor neugierige Leser mag und spannend erzählen kann. Wer nach solch einem Vorspiel nicht weiterlesen will, sollte lieber Gebrauchsanweisungen oder Kochbücher mit ins Bett oder an den Strand nehmen.

Das Vorwort der Autobiografie von Frederick Forsyth ist nach dem ersten Satz noch aus mindestens zwei weiteren Gründen zu empfehlen:

1. Der Autor der Autobiografie, wie sie auf dem Umschlag angepriesen wird, beteuert auf Seite 16, keine Lebensgeschichte geschrieben zu haben.

2. Er schreibt wunderbare Sätze über das Schreiben, von denen jeder als erster Satz taugte, etwa über Ruhe, Frieden, vollkommene Stille und unabdingbare Einsamkeit: "Wenn man das bedenkt, ist Schreiben - seit der Abschaffung der Leuchtturmwärter - die einzige Arbeit, bei der man vollkommen allein sein muss."

Der Schreiber müsse ein Einzelgänger sein und zwanghafte Distanz üben. Wer als Journalist bei dieser Beschreibung nickt, der weiß endlich, warum sich Manager in Verlagen so schwer tun mit guten Journalisten; dasselbe gilt für Chefredakteure, die lieber Excel-Tabellen studieren als Artikel schreiben. Also sperre man gute Autoren nicht in Großraumbüros und schicke sie nicht mehr zu Teambuilding-Kursen - es sei denn man riskiere das Ende eines schreibenden Genies.

Es lohnt sich, in Forsyths Vorwort zu verweilen. Präziser kann man nicht beschreiben,  was ein Journalist ist, was er zu leisten hat und was eine vorbildliche Haltung ist:

1. "Unstillbare Neugier und ein gesundes Maß an Skepsis" sind die beiden Qualitäten, über die ein Reporter verfügen muss.

2. "Ein Journalist sollte sich nie mit dem Establishment gemein machen, allen verführerischen Schmeicheleien zum Trotz. Unsere Aufgabe besteht darin, die Mächtigen zur Rechenschaft zu ziehen, nicht, uns mit ihnen zu solidarisieren." Der Journalist achte auf Distanz wie ein  Vogel: Beobachten, aufschreiben, nachforschen, kommentieren, aber sich niemals verbünden.

Frederick Forsyth startete eine Karriere in der Luftwaffe der britischen Königin, aber entschied sich doch fürs Schreiben. Den ersten Vertrag bekam er als Lokalredakteur des "Eastern Daily Express" in der Hafenstadt King's Lynn, wo ihm der Chefreporter eintrichterte: "Nachprüfen, nachprüfen und noch einmal nachprüfen. Dann schreiben. So halte ich es immer noch."

Selbst der vom Erfolg verwöhnte Bestseller-Autor schaut im Alter mit Dankbarkeit zurück: Die Ausbildung in der kleinen Stadt war für das, was kam, hervorragend Im Lokalen zu starten - das ist immer noch ein goldener Rat: Menschen auf dem Markt zu begegnen ist allemal sinnvoller und erfolgreicher, als durch die Löcher der sozialen Netzwerke zu fallen. Die gab es in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg noch nicht, Forsyths Lob des Lokalen zielt gegen die Snobs und Eitlen in den Mantelredaktionen und nationalen Blättern:

"Redakteure überregionaler Zeitungen, ganz zu schweigen von Agenturen, lernen ihre Leser nie kennen. Bei einer Regional- und Lokalzeitung sind die Leser direkt draußen vor der Tür und kommen persönlich herein, um sich über Ungenauigkeiten zu beschweren. Daher müssen die Ansprüche hoch sein, und das sind sie. Ich kann mich an einen alten Zausel erinnern, der puterrot vor Wut in die Redaktion gestürmt kam, um sich darüber zu beschweren, dass in dem Artikel über die Ergebnisse der Ziervogel-Ausstellung in der Getreidebörse sein Kanarienvogel an falscher Stelle aufgeführt worden war. Er war wirklich außer sich vor Wut."

"Ich habe Journalisten nie gemocht. Ich habe sie alle in meinen Büchern sterben lassen." Das soll Agatha Christie gesagt haben. Auch Frederick Forsyth lässt in seinem Thriller "Das schwarze  Manifest" einen Journalisten sterben, einen von denen, die meinen, etwas Besseres zu sein, die nie im Lokalen ihr Brot verdient haben: Der Starkolumnist Mark Jefferson hatte ausschließlich im Londoner politischen Journalismus Karriere gemacht.

Jefferson fliegt nach Moskau, interviewt im neuen Russland einen ranghohen Politiker, bekommt nur vorbereitete Antworten zu hören, stellt eine unbequeme Frage und wird wenig später auf der Straße erschossen. "Eine Passantin blickte auf den Liegenden hinunter, hielt ihn für einen weiteren Betrunkenen, sah dann ein dünnes Rinnsal Blut und fing zu schreien an."

Mit ein wenig Glück wird Forsyth Auslandskorrespondent bei Reuters - dank seiner Ausbildung in einer Lokalredaktion. In einem Londoner Pub spricht ihn ein Agentur-Redakteur an, der kurz vor der Pensionierung steht: Auch er startete seine Karriere im Lokalen, ist mit dem  Chefreporter in King's Lynn zusammen ausgebildet worden und schleppt Frederick spontan zum Chefredakteur.

Auch so beginnen Karrieren, erst mit Glück, dann mit Können. Aus dem Lokalreporter wird ein Korrespondent, der die Welt sieht und den Stoff sammelt für seine Thriller, von denen er Millionen verkaufte. Er ist Journalist geblieben, ein "zynischer alter Journalist", wie er von sich in einem der letzten Sätze seiner Autobiografie schreibt. Die ist mit einer erträglichen Eitelkeit geschrieben und vor allem für Journalisten unterhaltsam und auch lehrreich - wie im Südafrika-Kapitel, das noch zu Zeiten der Apartheit spielt.

Forsyth spricht mit dem rhodesischen Außenminister, einen "Super-Rassisten": "Ich glaube, während ich zuhörte, nickte und lächelte, argwöhnte keiner von ihnen, dass ich genau gegenteilige Ansichten vertrat. Doch was sie enthüllten, war nützlich für die daheim." Darf sich ein Journalist verstellen? Um an eine gute Geschichte zu kommen? Ich glaube: ja.

Der Autor

Paul-Josef Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus; sein Buch "Luthers Sprach-Lehre"" erschien 2017 im Klartext-Verlag. Sein Essay "Transmedialer Wandel und die German Angst" ist gerade erschienen in dem Band "Die neue Öffentlichkeit" (Verlag Springer VS). Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier, Berlin und Salzgitter.

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