"Abgang von Gabor Steingart hat Handelsblatt nicht geschadet"

 

Der Weggang von Gabor Steingart hat Dieter von Holtzbrincks "Handelsblatt" mit Blick auf seine Wirkungsmacht nicht geschadet. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommt Media-Tenor-Chef Roland Schatz bei der Analyse des Zitate-Rankings vom ersten Quartal 2018. An der Spitze der meistzitierten Medien Deutschlands steht weiterhin "Der Spiegel".

Die Einschätzung von Roland Schatz kann natürlich erst einmal als Blick auf den Moment gewertet werden und muss Ende des Jahres auf Wiedervorlage ob ihrer Gültigkeit. Steingart und die Handelsblatt Media Group hatten sich im Februar getrennt (die gesamte Analyse gibt es in "kress pro" 2/2018, hier bestellen). In seinem Abschiedsbrief hatte Steingart selbst davor gewarnt, dass Nostalgie kein Geschäftsmodell sei. Offensichtlich hat seine ehemalige Redaktion, die von Sven Afhüppe geleitet wird, den Schreckmoment genutzt und viele, viele exklusive Storys ausgegraben.

Seit Steingarts Abgang habe das Blatt sein "Profil geschärft und sich auf seine Stärken konzentriert: Weniger Politikexpertise, mehr Unternehmens- und Wirtschaftsexpertise, insbesondere zur Banken- und Energiebranche", urteilt Roland Schatz. Interessant ist Schatzs Einschätzung vor allem auch, weil viele Journalisten bislang davon ausgehen, dass die Leuchtfigur an der Spitze den Takt vorgibt und den Erfolg des Blatts alleine bestimmt. Vielmehr ist es aber die Einheit, die zu oft in Vergessenheit gerät: es ist die gesamte Redaktion, die für den Erfolg oder Miss-Erfolg einer Zeitung verantwortlich zeichnet.

Gabor Steingart hat seinen ersten großen öffentlichen Auftritt seit seiner Trennung vom "Handelsblatt" beim European Newspaper Congress in Wien (13. bis 15. Mai 2018). Vielleicht geht er in seinem Vortrag auch auf die Ergebnisse von Media Tenor ein.

Laut der Media-Tenor-Untersuchung ist das Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" erneut meistzitiertes Medium im ersten Quartal 2018; die Dominanz aus früheren Jahren habe das Blatt aber verloren: "Das Rennen um die Meinungsführerschaft war in den letzten Quartalen stets ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Und auch dieses Mal bleibt die "Bild"-Zeitung nur mit wenigen Zitaten Rückstand auf den zweiten Platz verwiesen", erklärt Roland Schatz. Und fügt hinzu: "Die "Bild" hat im ersten Quartal aber auch Aufmerksamkeit durch Aktivitäten erhalten, die über das klassische journalistische Handwerk hinausgehen, wie die "Bild"-Inszenierung zum SPD-Mitgliederentscheid mit dem Hund Lima", so Schatz.

Journalistische Inszenierungen hätten insgesamt zugenommen wie die angebliche Email-Affäre der SPD, ausgelöst durch die "Titanic"-Redaktion, bei der die "Bild"-Redaktion auf einen Fake reingefallen war und in der im Anschluss Chefredakteur Reichelt offen von der "Titanic" bloßgestellt wurde; Reichelt stellte sich vor seine Redaktion, in der es vor der Veröffentlichung bereits Warnungen gegeben hatte, dass etwas mit der Story nicht stimme.

Größter Gewinner beim Zitate-Zuwachs ist das "Handelsblatt", größter Verlierer im ersten Quartal ist die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Die war früher wichtiger Meinungsführer zu EU politischen Fragen und der Debatte rund um die Währungsunion. Bei diesen Themen laufen laut Media-Tenor nun "Welt" und "Handelsblatt" der "FAZ" den Rang ab.

Auch in der Diskussion um Digitalisierung, KI und Robotik tun sich die deutschen Medien weiter schwer, die Agenda voranzubringen: "Nicht nur hat die deutsche Politik das Thema Digitalisierung verschlafen, auch diedeutschen Medien laufen bei Themen rund um die IT-Branche den amerikanischen und britischen Medien deutlich hinterher", meint Roland Schatz.

Die Top 20 der meistzitierten Medien in den ersten drei Monaten 2018:

1. "Der Spiegel" (Chefredakteur: Klaus Brinkbäumer; Stellvertretende Chefredakteure: Susanne Beyer, Dirk Kurbjuweit, Alfred Weinzierl). 272 Zitate.

2. "Bild"-Zeitung (Vorsitzender der Chefredaktionen und Chefredakteur: Julian Reichelt; Stellvertreter des Chefredakteurs: Daniel Böcking (Digital), Ulrike Zeitlinger-Haake (Print); Chefredaktion: Sissi Benner, Nikolaus Blome, Martin Brand, Martin Heidemanns, Florian von Heintze, Bettina Kochheim, Mandy Sachse, Wolf-Ulrich Schüler; Chefredakteur Sport: Matthias Brügelmann; Stellvertretende Chefredakteure Sport: Henning Feindt; Walter M. Straten; Carli Underberg; Chefredakteur Auto: Tom Drechsler; Stellvertretender Chefredakteur Auto: Stefan Voswinkel; Chefredaktion: Tomas Hirschberger). 270 Zitate.

3. "Bild am Sonntag" (Chefredakteurin: Marion Horn; Stellvertretender Chefredakteur: Christian Lindner; Chefredaktion: Christoph Hülskötter, Kayhan Özgenc). 221 Zitate.

4. "New York Times" (Chefredakteur: Dean Baquet). 220 Zitate.

5. "Handelsblatt" (Verleger: Dieter von Holtzbrinck; Chefredakteur: Sven Afhüppe; Stellvertreter des Chefredakteurs: Sebastian Matthes (Head of Digital); Stellvertretende Chefredakteure: Peter Brors, Thomas Tuma). 161 Zitate.

6. "Süddeutsche Zeitung" (Herausgeber: Johannes Friedmann, Albert Esslinger-Kiefer, Thomas Schaub, Christoph Schwingenstein; Chefredakteure: Kurt Kister, Wolfgang Krach; Mitglied der Chefredaktion, Meinung: Heribert Prantl). 155 Zitate.

7. "Wall Street Journal" (Herausgeber: William Lewis; Chefredakteur: Gerard Baker; Stellvertretender Chefredakteur: Matthew J. Murray). 130 Zitate.

8. "Die Welt" (Herausgeber: Stefan Aust; Chefredakteur: Ulf Poschardt; Stellvertretende Chefredakteure: Peter Huth, Oliver Michalsky, Arne Teetz: Stellvertretende Chefredakteurin: Dagmar Rosenfeld). 124 Zitate.

9. "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (Herausgeber: Werner D'Inka, Jürgen Kaube, Berthold Kohler, Holger Steltzner). 118 Zitate.

10. "The Washington Post" (Herausgeber: Fred Ryan; Chefredakteur: Martin Baron). 116 Zitate.

11. "Welt am Sonntag" (Herausgeber: Stefan Aust; Chefredakteure: Ulf Poschardt; Peter Huth; Stellvertreter des Chefredakteurs: Oliver Michalsky, Arne Teetz: Stellvertretende Chefredakteurin: Dagmar Rosenfeld). 107 Zitate.

12. NDR (Chefredakteur: Andreas Cichowicz). 95 Zitate.

13. "Der Tagesspiegel" (Verleger: Dieter von Holtzbrinck; Herausgeber: Giovanni di Lorenzo, Sebastian Turner; Chefredakteure: Stephan-Andreas Casdorff, Lorenz Maroldt). 87 Zitate.

14. WDR (Chefredakteurin: Sonia Mikich). 86 Zitate.

15. "Die Zeit" (Herausgeberrat: Jutta Allmendinger, Zanny Minton Beddoes, Florian Illies, Josef Joffe, René Obermann; Chefredakteur: Giovanni di Lorenzo; Stellvertretende Chefredakteure: Moritz Müller-Wirth (Managing Editor), Sabine Rückert, Bernd Ulrich; Mitglieder der Chefredaktion: Malin Schulz, Holger Stark, Stefan Willeke). 86 Zitate.

16. Funke Mediengruppe (Chefredakteur Funke Zentralredaktion Berlin: Jörg Quoos. Stellvertretender Chefredakteur: Jochen Gaugele; Chefredakteur Digital: Thomas Kloß). 83 Zitate.

17. CNN (Chefredakteurin: Meredith Artley). 78 Zitate.

18. "Rheinische Post" (Herausgeber: Karl Hans Arnold, Man­fred Droste, Flo­rian Merz-Betz, Irene Wen­de­roth-Alt; Chefredakteur: Michael Bröcker; Stellvertretende Chefredakteure: Horst Thoren, Stefan Weigel; Mitglied der Chefredaktion: Eva Quadbeck). 77 Zitate.

19. Redaktionsnetzwerk Deutschland (Chefredakteur: Wolfgang Büchner; Mitglieder der Chefredaktion: Rüdiger Ditz, Marco Fenske, Matthias Koch). 72 Zitate.

20. "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (Herausgeber: Werner D'Inka, Jürgen Kaube, Berthold Kohler, Holger Steltzner). 72 Zitate.

Einordnung Roland Schatz: "Der Spiegel bleibt im Media Tenor Zitate-Ranking meistzitiertes Medium nach dem ersten Quartal 2018 mit nur wenigen Zitaten Vorsprung vor der "Bild"-Zeitung. Das "Handelsblatt" überholt "Süddeutsche Zeitung" und "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Auch die Funke Mediengruppe setzt mehr Themen als zuvor, während das Redaktionsnetzwerk Deutschland nicht mehr so häufig mit seinen Inhalten auf sich aufmerksam macht."

Die exklusive kress.de-Übersicht: Meistzitierten Medien zu unterschiedlichen Branchen

Im Politikteil

1. "Bild"

Roland Schatz: "Die "Bild"-Berichterstattung zum SPD-Mitgliederentscheid (Fall um den Hund Lima) und zur angeblichen Mail-Affäre der SPD brachten neben vielen Zitaten auch einiges an Kritik ein, so dass nicht immer exklusive Politik-Inhalte der Hintergrund für die "Bild"-Erwähnungen waren."

Im Wirtschaftsteil

1. "Handelsblatt"

Roland Schatz: "Das Handelsblatt ist klar erste Adresse für Informationen aus der Welt der Wirtschaft und Unternehmen, insbesondere zum Abgasskandal in der Automobilbranche, aber auch mit exklusiven Informationen zur Banken- und Energiebranche."

Parteien/Parteipolitik

1. Der Spiegel

Roland Schatz: "Seit der Bundestagswahl haben parteipolitische Themen viel Raum im Zitate-Ranking eingenommen. "Der Spiegel" und die "Bild"-Titel gaben den Ton an. Nach der GroKo-Einigung im Februar beziehen sich die Medienzitate nun wieder stärker auf politische Inhalte."

Innere Sicherheit/Spionage/Kriminalität

1. Die Zeit

Roland Schatz: "Mit den Enthüllungen rund um das Dossier über den "Schattenmann" Dieter Wedel bringt sich die "Zeit" insbesondere im Januar intensiv ins Gespräch in der MeToo-Debatte zu Sexismus und sexualisierter Gewalt."

Innenpolitik

1. New York Times

Roland Schatz: "Innenpolitische Themen gewinnen im Zitate-Ranking stark an Bedeutung, die New York Times etwa mit ihren Recherchen zur Personalpolitik von US-Präsident Trump oder den Enthüllungen rund um Sonderermittler Robert Mueller."

Flüchtlinge/Asylpolitik

1. Bild am Sonntag

Roland Schatz: "Insbesondere die Interviews mit Innenminister Seehofer in der "Bild am Sonntag": "So mache ich Deutschland so sicher wie Bayern" und in der "Bild"-Zeitung: "Der Islam gehört nicht zu Deutschland" bringen den Springer-Titeln viel Aufmerksamkeit ein.

Unternehmen/Strategie

1. Handelsblatt

Roland Schatz: "Das Handelsblatt bringt sich im ersten Quartal wieder stärker zu strategischen Unternehmensthemen ins Gespräch wie mit den Informationen rund um den E.ON-RWE-Innogy-Deal und den Anstrengungen von Niki Lauda im Bieterverfahren um den Air Berlin-Ableger Niki."

Automobil

1. Bild am Sonntag

Roland Schatz: "Die "Bild am Sonntag" bleibt zu den Entwicklungen in der Automobilbranche am Ball und die erste Adresse für exklusive Informationen. Das "Handelsblatt" kommt hier noch nicht mal auf halb so viele Erwähnungen."

E-Technik/IT

1. New York Times

Roland Schatz: "Die Enthüllungen von "New York Times" und "Observer" zum Daten-Missbrauch bei Facebook durch die britisch-amerikanische Firma Cambridge Analytica hat diesen Medien viel Resonanz eingebracht. Deutsche Medien spielen zur IT-Branche weiter keine Rolle."

Banken

1. Handelsblatt

Roland Schatz: "Im Jahr 2017 ist die Bankenbranche aus Mediensicht etwas aus der Schusslinie gekommen - Hintergrund waren nicht zuletzt die Skandale um die Autobauer. Zuletzt werden vor allem die "Handelsblatt"-Recherchen zum Bankensektor aber wieder intensiver nachgefragt."

Einzelhandel

1. Lebensmittel-Zeitung

Roland Schatz: "Bezeichnenderweise ist eine Fachzeitschrift wie die "Lebensmittel-Zeitung" inzwischen meistzitiert zum Einzelhandel. In den Jahren zuvor waren mit "Wirtschaftswoche" und "Handelsblatt" die Holtzbrinck-Titel tonangebend.

Hintergrund: Die Auswertung

Insgesamt haben die Analysten um Roland Schatz zwischen Januar und März 2018 in den Politik- und Wirtschaftsteilen der deutschen Meinungsführermedien 6.472 Zitate ausgewertet. Jeder Artikel wird von den Analysten gelesen und jedes Zitat auf seine Relevanz geprüft, zudem überprüfen sie, ob eine inhaltliche Recherche-Leistung mit dem Zitat verknüpft ist und Nachrichten transportiert werden oder nicht.

Untersucht wurden "Berliner Zeitung", "Bild", "Die Welt", "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Frankfurter Rundschau", "Leipziger Volkszeitung", "Süddeutsche Zeitung", "taz", "Tagesspiegel", ARD Tagesschau und Tagesthemen, ZDF Heute und Heute Journal, Fakt, Frontal 21, Kontraste, Monitor, Panorama, Report (BR), Report (SWR), Börse im Ersten, "Die Zeit", "Focus", "Spiegel", "Stern", "Super Illu", "Bild am Sonntag", "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung", "Welt am Sonntag", "Handelsblatt", "Wirtschaftswoche", "Capital", "Manager Magazin" sowie die 7-Uhr-Nachrichten vom Deutschlandfunk. Bei Printmedien wird der Politik- und Wirtschaftsteil ausgewertet. TV- und Hörfunksendungen werden vollständig erfasst, ebenfalls das "Handelsblatt".

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Ihre Kommentare
Kopf

Sebo

10.04.2018
!

Der Erfolg eines Online Magazin's wird also an der Anzahl der Zitate festgemacht? Na wenn das so einfach ist ...


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