Theodor-Wolff-Preisträger Benjamin Piel: Lokaljournalismus sollte nicht das Publikum erziehen wollen

11.04.2018
 
 

Lokaljournalismus sollte nicht Richter sein und das Publikum erziehen wollen, sondern mit weitem Blick die Basis bilden für den Austausch von Argumenten. In einem kress.de-Debattenbeitrag erklärt Benjamin Piel, künftig Chefredakteur vom "Mindener Tageblatt", warum sich Leser gegen pädagogische Journalisten wehren.

Es gibt Lokaljournalisten, die wähnen sich als Erzieher. Sie wollen ihr als kindlich angenommenes Publikum belehren, es an die Laufleine nehmen, es bloß nicht überfordern. Sie meinen verstanden zu haben, wie politisch, gesellschaftlich, ökonomisch zu handeln sei im Sinne einer besseren Welt. Sie sagen nicht nur, was ist, sondern was von dem Seienden richtig ist und was falsch, was hochwertig und was verwerflich. Kurz: Sie geben Denkvorgaben und schildern die Welt zwangsläufig einfacher als sie ist.

Doch wie Kinder sich eines Jugendtages wehren müssen gegen die bis dahin als liebevoll empfundene Umarmung, die sich plötzlich wie eine eisenharte Umklammerung anfühlt, wehrt sich das Publikum gegen Journalisten, die Anweisungen geben. 

Einige Medienkonsumenten haben das Gefühl, sich befreien zu müssen aus den Händen, von denen sie nicht den Eindruck haben, dass sie ihnen offene Wege weisen. Wer Lügenpresse ruft, ruft ein dummes Wort, das womöglich aus dem nicht so dummen Eindruck berechtigt zu sein scheint, dass Journalisten statt Menschen zu qualifizierten Entscheidungen und einem erwachsenen Blick auf vielfältige Facetten zu befähigen, ihnen Entscheidungen abnehmen wollen. 

Doch simplifizierend normativer Journalismus ist nicht geeignet, der Sauerstoff Erwachsener zu sein. Wer atmen will, wehrt sich.

Was also will, was ist Lokaljournalismus jenseits der Umklammerung, der Denkvorgaben, der Vereinfachung? Diese Art von Lokaljournalismus erkennt an, dass die Welt - selbst die kleine vor Ort - komplex ist, dass es viele Graustufen gibt statt bloß Schwarz und Weiß, richtig und falsch, gut und böse. Und er erkennt an, dass es zumutbar ist, diese Vielschichtigkeit nicht zu verbergen, sondern zu benennen. Dualismen machen die Welt nicht verständlicher, sondern tun bloß so.

Dem Publikum das zu zeigen, mag es verwirren, aber so ist das eben mit der Wirklichkeit. Wer mit erwachsenen, mit klugen Menschen zu tun hat, sollte aufhören, die Welt simpler zu machen als sie ist. Das Publikum erwartet das auch gar nicht. 

Es fühlt sich nicht überfordert, sondern ist dankbar, wenn es spürt, dass jemand sich die Mühe macht, die komplexe Realität anschaulich zwar, aber ohne Verhüllen des Komplizierten schildert. Es gibt fast nie nur eine Wahrheit, sondern viele Wahrheiten, die sich aus unterschiedlichen Wahrnehmungen der Wirklichkeit ergeben. Journalisten tun gut daran, diese Tatsache nicht zu verschleiern, das Publikum mündig zu machen statt es zu bevormunden.

Drei Beispiele:

1.) Viele Journalisten mögen die AfD und Trump nicht. Das ist gut nachvollziehbar. Das Problem ist nur: Es ist nicht Aufgabe des Journalismus, Wahlausgänge zu beeinflussen, Sympathien zu verhindern oder zu begünstigen, sondern Menschen eine informierte Basis zu verschaffen, sich ein Bild von der Realität zu machen. Das ist ein großer Unterschied. Wer Menschen davon abhalten will, mit diesem oder jenem zu sympathisieren, der wird damit so oder so scheitern. Menschen haben einen natürlichen Drang, sich nicht bevormunden lassen zu wollen. Wer sich bevormundet fühlt, der handelt aus Prinzip gegen den Bevormundenden. Wer das Publikum für erwachsen hält, der fragt ergebnisoffen nach den Motiven der herrschenden Verhältnisse. Wie kann es sein, dass eine Partei von teils geifernden Leuten so populär ist? Warum geben diese Leute so hässliche Dinge von sich? Was sind ihre Motive? Wie ticken diese Menschen? Was wollen, wie denken sie? Was ist das für ein Typ, der wie der AfD-Politiker Jens Meier von der "Herstellung von Mischvölkern" fantasiert? Sich über ein solches Zitat zu erregen ist so berechtigt wie einfach. Es führt aber nicht sehr weit. Wer Journalismus als Schilderung und Verurteilung solcher Aussagen versteht, der reiht Aufregen an Aufreger, ohne die Welt tatsächlich verständlicher zu machen. Wer eine AfD-Sau nach der nächsten durchs Dorf treibt, der wird zum Knecht der AfD, die genau diesen Mechanismus bedient. Der Journalist Tobias Haberl hatte den Ex-NPD-Vorsitzenden Udo Voigt für eine lange Zeit während seiner Arbeit als EU-Parlamentarier beobachtet. Das Resultat war die Reportage "Reihe 7, Platz 88", ein ausgeruhtes, nüchtern beobachtendes, intensives Stück, das weit weg ist von kreischender Skandalberichterstattung. Seinem Text stellt Haberl zwei Fragen voran: "Wie hält die Demokratie so einen aus? Und hat ihn dieses Amt verändert?" Es sind ergebnisoffene Fragen, auf die der Text begründete Antworten auf Basis einer sorgsam betrachteten Realität gibt. Haberl nennt Voigt "gefährlich", aber er tut es nicht aus dem Handgelenk, sondern nach wachem Studium einer Person, die er trotzdem nicht als Unperson abtut. Hat Haberl das getan, wovor so viele Journalisten eine bemerkenswert große Angst haben: dem Rechtsextremen eine Plattform geboten? Nein. Er hat eine Kontroverse ausgehalten und viel Zeit mit einem Menschen verbracht, der so ganz anders sein und denken dürfte als er selbst. Haberl hat Dinge, die innerhalb der Gesellschaft passieren, beleuchtet. Es sind jene Dinge, die nicht verschwinden, nur weil man sie ignoriert oder durchs Dorf hyperventiliert. Journalisten beobachten das Geschehen und mag es noch so unerfreulich, noch so falsch sein. 

2.) Ein Mann greift die Mitarbeiterin eines Jobcenters mit einem Messer an. Natürlich, diese Tat ist zu verurteilen. Wir leben glücklicherweise in einer Gesellschaft, die es für illegitim erklärt, andere Menschen physisch anzugreifen. Dass Medien eine solche Tat verurteilen, ist nicht nur berechtigt, sondern notwendig. Es reicht aber nicht. Denn spannend sind die Motive des Täters. Zu verstehen, warum er so gehandelt hat. Das ist ein berechtigtes Interesse des Publikums, die Erklärungsansätze sind relevant. Lokalmedien haben manchmal Angst, sie könnten eine Tat so erklärbar machen, dass die Recherche am Ende wie eine Rechtfertigung des Kriminellen aussieht. Diese Angst ist unberechtigt, denn sie verkennt: Menschen möchten das scheinbar Unerklärliche begreifen. Mit moralischer Absolution hat das nichts zu tun. Vielleicht ergibt eine solche Recherche, dass Sanktionen des Jobcenters den Täter in die Enge getrieben haben. Vielleicht hat Behördenwillkür einen Menschen an den Rand des Wahnsinns getrieben. Vielleicht ergeben sich Fragen an das System des Umgangs mit Arbeitslosen insgesamt. Vielleicht ist es auch ganz anders. Es ist einfach zu sagen, dass die Gewaltbereitschaft innerhalb der Gesellschaft zunimmt und diese Entwicklung zu verurteilen. Die Suche nach den tatsächlichen Gründen ist schwerer.

3.) Gerade im Lokalen mangelt es oft an Multiperspektivität. Zu oft kommt die eine Seite zu Wort, die Gegenseite aber nur unausgewogen oder gar nicht. Das Rathaus soll neu gebaut werden: Aus welchen Gründen sind manche dafür, was sind die Argumente der Gegner? Eine Schule wird geschlossen: Warum halten die Verantwortlichen diesen Schritt für richtig, aus welchen Gründen gehen die Eltern auf die Barrikaden? Ein Bordell entsteht: Warum können die Behörden nichts dagegen tun und warum sind die Nachbarn trotzdem schwer verärgert? Wer diese Fragen stellt und ausführlich beantwortet, der zeichnet ein ausgewogenes Bild dessen, was passiert. Und zwar ohne sich vorschnell auf diese oder jene Seite zu schlagen, ohne die andere, die konträre Sicht auf die Dinge auszublenden. Kritisch kommentieren lässt sich das Ganze dann immer noch. Apropos: Das wundervolle Format "Pro & Contra", das zwangsläufig immer zwei Seiten ausleuchtet, eignet sich bestens, um einen Diskurs nicht zu stoppen, sondern zu beleben. Lokalmedien sollten es wieder mehr hervorkramen.

Denn genau das sollte Lokaljournalismus in umstrittenen Fällen tun: Nicht zu allererst Richter sein, nicht das Publikum erziehen wollen, sondern mit weitem Blick Basis sein für den Austausch von Argumenten. Plattform für Debatten, Podium, auf dem sich widerstreitende Positionen auf Augenhöhe begegnen. Lokalredaktionen, die so vorgehen, pädagogisieren keine Diskurse weg, sie befähigen mündige Bürger, an lokalen Prozessen teilzuhaben und sich auf gut informierter Grundlage ihre Meinung zu bilden.

kress.de-Tipp: In seine "Hall of Future" hat kress im vergangenen Jahr 25 prägende Medienmacher von morgen aufgenommen, darunter den Autor dieses Debattenbeitrags, Benjamin Piel. Der Theodor-Wolff-Preisträger übernimmt zum 1. Juni 2018 die Chefredaktion vom "Mindener Tageblatt" vom langjährigen Chefredakteur Christoph Pepper. Die Ausgezeichneten wie Benjamin Piel werden offiziell beim "European Newspaper Congress" in die "Hall of Future" aufgenommen. Beim European Newspaper Congress 2018 vom 13. bis 15. Mai in Wien tauschen 500 Chefredakteure und Medienmanager ihre besten Konzepte aus, berichten über erfolgreiche Cases und diskutieren über Werte und Verantwortung. Das komplette Programm und die Anmeldung finden Sie hier. Der European Newspaper Congress wird vom Medienfachverlag Johann Oberauer, der Stadt Wien und Norbert Küpper, Zeitungsdesigner in Deutschland, veranstaltet.

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Ihre Kommentare
Kopf

libertador

12.04.2018
!

Ich stimme mit dem Autor überein, dass man den Leser nicht erziehen sollte.
Allerdings muss man beim darstellen von Multiperspektivität darauf achten, dass man als Journalist versuchen sollte das Ganze an belegbare Fakten anzuschließen und sich nicht darauf beschränken "der eine sagt" "der andere sagt" darzustellen. Eine solche reine Meinungsdarstellung nutzt dem Leser auch nicht.
Der Jounalist sollte die Meinungen auf belegbare Fakten überprüfen.


dazydee

12.04.2018
!

Das einzige, mit dem ich nicht übereinstimme ist die Beschränkung auf Lokaljournalismus. Die angesprochenen Themen und Thesen sind für den Journalismus ganz allgemein genauso gültig.

Leider gibt es in meiner Gegend gar keinen Lokaljournalismus mehr, denn die Lokalzeitung unterscheidet sich nur noch marginal von Gratis-Anzeigenblättern...


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