Joachim Braun: Was guten Lokaljournalismus ausmacht

 

Deutsche Zeitungsverlage sind die schwerfälligste Branche, die man sich vorstellen kann. Wären sie Schrittmacher der deutschen Wirtschaft, wir wären inzwischen auf einem Niveau mit Moldawien. Und jetzt, da die Gewinne nicht mehr fett zweistellig sind - jedenfalls bei den meisten - und das bewährte Geschäftsmodell Tageszeitung erodiert wird, fehlt es am Können, am Mut, und leider inzwischen oft auch am Geld, den digitalen Wandel aktiv zu gestalten. Von Joachim Braun.

Hinweis: Der Text ist eine gekürzte Version der Rede, die Joachim Braun, gerade geschasster Chefredakteur der "Frankfurter Neuen Presse", bei der Preisverleihung des Darmstädter Journalistenpreises im Jahr 2014 gehalten hat. Zuerst hatte Newsroom.de die Rede dokumentiert.

Produktentwicklung, Marktforschung - all dies sind Anforderungen, die Verlage erst lernen müssen. Und viele suchen ihr Heil ausschließlich in der Reduzierung von Kosten, also dem Verzicht auf Fachkräfte, statt sich darauf zu konzentrieren, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, sich neu zu erfinden. Und irgendwann fehlt diesen Verlagen dann tatsächlich die Kraft zum Wandel.

"Zeitungskrise ist eine Verlagskrise"

Unsere Zeitungskrise ist in erster Linie eine Verlagskrise. Eine Krise des Journalismus' ist sie nicht. Der Journalismus blüht, in Print, vor allem aber im Netz. Lokale Blogs, multimediales Storytelling, Datenjournalismus, Liveblogging, Videos, der Einsatz von Drohnen - nie war lokaler Journalismus so vielseitig wie heute, nie war er so interessant, so qualitativ hochwertig, so nah am Kunden - und nie war er so schlecht finanziert.

Wir erleben eine Gründerzeit, die nur zum Teil aus der Not geboren ist. Dann nämlich, wenn gut ausgebildete Journalisten von den Verlagen auf die Straße gesetzt wurden und diese wagemutig sind, um sich mit jungen Leuten mit Programmierkenntnissen zusammenzutun."

Klassische Print-Journalisten bleiben auf der Strecke"Hochspannende, journalistische Projekte entstehen aber auch durch Leute, die nicht aus dem tradierten Journalismus kommen. Wer auf der Strecke bleibt sind die gelernten Print-Journalisten, die Redakteure in Lokalzeitungen, deren Auflagen langsam schwinden, die Anzeigen nur noch lokal verkaufen können und deren öffentliches Ansehen in den Keller fällt.

Und das Blöde dabei: Wir sind auch noch selber schuld, denn unsere Zeitungen sehen vielfach noch so aus wie vor 20 Jahren. Der digitale Wandel wird trotz oder gerade wegen einer treuen 65-Plus-Leserschaft noch immer geleugnet.

Der stellvertretende Chefredakteur einer sehr großen süddeutschen Regionalzeitung wollte auf Facebook besonders lustig sein und postete: "Fühle mich richtig schlecht als Teil der mutlosen und konventionellen deutschen Medienszene, wo funktionierende Geschäftsmodelle Arbeitsplätze sichern und die Veränderungsprozesse mit Augenmaß gesteuert werden. Würde lieber irgendwo arbeiten, wo man versucht, mit dem Kopf durch die Wand zu rennen und fette rote Zahlen schreibt."

"Digital Natives" ist klassische Zeitung egal

Mich ärgern solche Kommentare, denn der Mann hat nicht kapiert, wohin die Reise geht und dass es nicht reicht "Veränderungsprozesse mit Augenmaß" zu gestalten, denn die Welt da draußen, die Welt der 20, 30, ja auch der 40-Jährigen richtet sich nicht nach solchen Bedürfnissen. Ihnen, den digital natives ist Zeitung, wie wir sie heute machen, schlicht egal.

Wie Lokaljournalismus aus meiner praxisbezogenen Sicht wieder die Relevanz bekommt, die er verdient, möchte ich hier klar machen. Es sind vor allem Forderungen an uns selber, die Journalisten. Aber auch Forderungen an Verleger, an Verlagsgeschäftsführer. Wenn die nicht an das Produkt Journalismus glauben, funktioniert es natürlich nicht.Mehr

Selbstbewusstsein

Wiebke Möhring, eine der wenigen deutschen Publizistik-Wissenschaftlerinnen, die sich auch inhaltlich mit dem Lokaljournalismus auseinandersetzen, hat von den lokaler Medien ein verheerendes Bild gezeichnet. Eine richtige Beobachtung. Und natürlich lässt sich an diesen Defiziten auch etwas ändern.

In den meisten Lokalzeitungen sind Journalisten längst Teil des Systems geworden, Bestandteil der örtlichen Eliten. In Bezug auf unsere wichtigste Tugend, die Glaubwürdigkeit, ist dies das pure Gift. Ein Symptom der Schwäche und ganz und gar nicht ein Aspekt von Selbstbewusstsein.

"Journalisten haben im Lions-Club nichts zu suchen"

Gerade Lokaljournalisten müssen sich wieder viel stärker ihrer eigentlichen Rolle bewusst werden. Uns muss klar sein, dass wir den Oberbürgermeister duzen dürfen, dass wir aber auf keinen Fall dessen Freund sind. Auch im Lions- oder Rotaryclub haben wir nichts verloren.

Wir Journalisten haben viele Privilegien. Die gibt uns das Grundgesetz. Was oft verkannt wird: Es geht nicht nur um Rechte, sondern um Pflichten - eine der wichtigsten ist die, unabhängig zu sein.Mitreißend schreibenWenn ich Lokalzeitungen lese, dann bin ich immer wieder irritiert von der Teilnahmslosigkeit der Texte, von dem nachrichtlichen Stil, von der puren Informationsübermittlung. Von einer Sprache, die nicht haften bleibt, weil ihr - zum Beispiel - die Bilder fehlen. Wer will so etwas noch lesen - in einem Medium, das ohnehin immer zu spät dran ist?Klar haben wir in Deutschland das System der strikten Trennung zwischen Bericht und Kommentar. Und klar finde ich das auch richtig. Aber nicht immer. Nicht bei allen Themen und Texten.

"Lokaljournalisten müssen Emotionen vermitteln"

Gönnen wir Lokaljournalisten uns doch mal nicht nur Streuselkuchen, sondern Buttercremetorte. Es macht doch Spaß, auch mal Emotion zu vermitteln, Begeisterung zu transportieren oder auch Ekel. Seien wir doch mutig und stellen uns damit auch der Kritik der Leser. Sie wird unweigerlich kommen.

Aber: Auch unsere Kritiker haben den Text gelesen. Sie setzen sich mit dem Artikel auseinander. Und das ist doch viel besser, als die Gleichgültigkeit, die bis heute viele journalistische Produkte - lokal wie überregional - durchzieht und von den Lesern auch so wahrgenommen wird.

Wir müssen die Themen setzenWir Lokaljournalisten müssen in unserem Verbreitungsgebiet mitteilen, was wichtig ist und dürfen dies nicht den Politikern überlassen, nicht den Vereinsmenschen und schon gar nicht irgendwelchen Interessenvertretern.

"Abschied von Terminjournalismus"

Dazu gehört natürlich auch, dass wir uns weitestgehend vom Terminjournalismus verabschieden. In Zeiten des Internets und der Medienvielfalt sind wir nicht mehr Chronisten, die, für die Nachwelt festhalten, was alles passiert ist. Nein, diese Zeiten sind vorbei, auch wenn viele Lokalredaktionen sich dem - noch - verweigern. Endgültig sind sie vorbei. Chronist sein können andere viel besser. Vereine auf ihren Webseiten, Verbände mit online gestellten Pressemitteilungen, das Rathaus mit seinem wöchentlichen Newsletter.

Unser Job ist mehr denn je, einzuordnen, unseren Lesern zu sagen, was ist wichtig für Euch. Was müsst Ihr unbedingt wissen. Worauf solltet Ihr Euch einstellen. Und: Warum?

Wir müssen unseren Lesern Orientierung geben. Orientierung durch hintergründige Aufklärung, aber auch durch Meinungsbeiträge, in denen wir bewerten, was passiert ist.Meine Forderung vier: Haltung zeigenKommentare in Lokalzeitungen, wenn es sie denn überhaupt gibt - neulich las ich über ein Vierteljahr eine große Regionalzeitung und fand nicht einen einzigen lokalen Kommentar - Kommentare in Lokalzeitungen folgen in der Regel dem Muster sowohl als auch. Ausgewogen sind sie, nicht zu unfreundlich. Der Journalist will sich bloß nicht festlegen. Könnte ja Ärger geben.

Solche Kommentare sind den Platz nicht wert. Denn was habe ich als Leser davon? Was bringt mir ein solcher Kommentar?

Dass es an Haltung fehlt, ist eine der meist geübten Kritiken an Zeitungen. Ich finde zu Recht. Gerade wir Lokaljournalisten müssen dorthin gehen, wo es weh tut. Wir müssen Stachel im Fleisch sein."Lokaljournalisten müssen Stachel im Fleisch sein"Wenn wir schreiben, dass der Oberbürgermeister oder der Landrat wegen seiner politischen Fehler eigentlich unverzüglich zurücktreten müsste, dann gibt es ein sagenhaftes Echo. Tatsächlich müssen wir als Journalisten nichts befürchten, wenn wir diese Forderung nachvollziehbar begründen können - wenn das der Geschäftsführer oder der Verleger auch so respektieren.

Mit klarer Kante aber gewinnen wir in den Augen der Leser Größe. Und wir bekommen plötzlich von Menschen ganz bereitwillig brisante Informationen, die wir selber bisher nicht darum gebeten hätten.

Haltung lohnt sich also.

Es gibt allerdings eine Gefahr: Der Grat, in der Öffentlichkeit als Nörgler abgespeist zu werden, ist schnell überschritten.

Verzichten lernen

Wer Themen setzen möchte, muss auch bereit sein, dass wir gewisse Dinge nicht mehr tun, etwa weil uns die Zeit fehlt, der Platz oder weil es sie nicht braucht.

"Redaktion muss alte Zöpfe abschneiden"

Viele Dinge in der Lokalzeitung sind verzichtbar, in jeder Zeitung sind es andere. Die Redaktion muss allerdings den Mut haben, alte Zöpfe abzuschneiden.

Es geht dabei auch um eine grundlegende Richtungsentscheidung: Mittelmäßiges Material hat in der Zeitung von heute nichts verloren, sondern nur gutes oder sehr gutes.

Geschichten erzählenGeschichten erzählen ist eigentlich selbstverständlich und eine journalistische Tugend. Aber noch immer bestehen viele Zeitungen aus Nachrichten. Ein, zwei Quellen und dann war es das. Als ob das, was dort steht, nicht alles schon längst bekannt ist.

"Nachricht alleine ist hinfällig"

Auch im Lokalen ist die Nachricht heute hinfällig. Die Leser wissen längst Bescheid, was am Vortag passiert ist - im günstigsten Fall vom eigenen Internetauftritt. Stattdessen muss die Zeitung Mehrwerte bieten, die Langsamkeit des gedruckten Produktes als Qualität entwickeln und die gewonnene Zeit nutzen, um Hintergründe aufzuzeigen, Konsequenzen eines Vorgangs, Lebenshilfe und Nutzwertiges.

Das ist tatsächlich ein Allgemeinplatz, aber schauen Sie sich mal aufmerksam Zeitungen an. Noch immer haben die News dort einen Stellenwert, der dem bei den Lesern überhaupt nicht entspricht.Den Leser ernst nehmen!

Das will doch wohl jeder. Aber tun wir das auch? Kommen wir wirklich mit den Lesern in Kontakt? Wissen wir, was unsere Kunden wollen? Auch wenn wir aus den sozialen Medien ständig neue Themen generieren und gut mit Infos versorgt werden, haben wir Nachholbedarf. Wir müssen den Lesern viel stärkeren Einblick und auch Mitwirkungsmöglichkeiten geben in die Abläufe in der Redaktion und sie zum Teil des Produkts machen.

Ich bin jedenfalls überzeugt, dass wir die meisten Innovationen in den nächsten Jahren bei Thema Beteiligung der Leser haben werden. Klar sagen möchte ich allerdings: Hier geht es nicht um Bürgerjournalismus. Im Gegenteil, wir Journalisten publizieren, aber wir holen uns die Unterstützung der Leser, unserer Kunden.

Sich Zeit nehmen

Unter der steigenden Arbeitsverdichtung in vielen Lokalredaktionen, die dazu noch mit weniger Leuten auskommen müssen, versuchen die Kollegen, einfach abzuarbeiten, was reinkommt. Das Mögliche zu erledigen. Die Pflicht.

Ich halte das für einen falschen Weg. Wir müssen in den Redaktionen immer wieder diskutieren können, was wir tun und wie wir es tun. Und wir brauchen Konzepte gegen die Übermacht der Pflicht. Die Leser jedenfalls merken, wie wir ertrinken. Für die macht Zeitunglesen genauso wenig Spaß wie für uns Zeitungmachen unter solchen Bedingungen.

Ich plädiere deshalb dafür, Freiräume zu schaffen und die Seele der Zeitung, wie es in meinem Zitat heißt, immer wieder aufs Neue zu formulieren oder wenigstens zu entdecken.

Das ist natürlich in erster Linie ein Appell an Verleger und Geschäftsführer: Aber Zeit zum Reflektieren zu haben, ist unbedingt notwendig, um Qualitätsjournalismus - jetzt verwende ich doch dieses Buzzword - weiterzuentwickeln.

Auch Journalisten müssen Unternehmerisch denken und zur Marke werden.Sie müssen raus aus dem Hintergrund. Sie müssen sich den Lesern stellen. Das wollen viele Kollegen nicht. Für die ist es schon ein Kulturbruch, wenn ihr Porträtbild zum Kommentar gestellt wird.

Aus eigener Erfahrung kann ich Ihnen sagen, die Leser goutieren es, wenn Journalisten stärker auftreten.

Vergessen wir Online

Präzise gesagt: Vergessen wir unsere Website, den Onlinejournalismus. Alles Schnee von gestern.Wenn man aber in die USA schaut, nach Skandinavien oder auch nach Indien (wo es überhaupt kein Breitband-Internet gibt), dann ist dies nur der erste Schritt. In großen Teilen der Welt ist der einzig wesentliche Kanal für journalistische Inhalte heute Mobile. Auch im Lokaljournalismus. Wir haben keine Erlösmodelle dafür, aber vor allem haben wir kaum journalistische Konzepte. Um zu überleben, brauchen wir die aber besser heute als gestern.

"Zeitungswebsiten sehen alle gleich aus"

Ob nun mobil oder andere digitale Kanäle, wir müssen aufhören, Zeitung ins Internet pressen zu wollen. Schauen Sie sich Zeitungswebsiten an.Sie sehen alle gleich aus. Sie transportieren die tradierte Ressorteinteilung ins Netz. Nichtzeitungsleser - und gerade die wollen wir doch digital ansprechen - kennen diese Systematik gar nicht. Wo der Redakteur bestimmt, was wichtig ist und nicht der Leser. Auch das ist nicht mehr zeitgemäß.Wer wissen will, wie die Zukunft ausschaut, der sieht sich Zeitungswebseiten in Skandinavien an oder Newsseiten in den USA.vox.com zum Beispiel ist ein Beispiel für eine extrem erfolgreiche Nachrichten-Webseite, die aber nicht von einem Verlagshaus gesteuert ist, sondern eine Neugründung ist, ein Startup. Ob diese Medien den Wandel geschafft haben, wird die Zukunft weisen."Von der Zukunft träumen"Wir haben jedenfalls zu tun, in die Gegenwart zu kommen. Von der Zukunft dürfen wir allenfalls träumen. Aber wir haben eine gute Chance.

Ich zitiere zum Schluss noch einmal Mr. Media Thomas Koch: "Zeitungen geben den Menschen Kraft, wenn es um die Interessen ihrer Leser geht. Sie sind ihr Verbündeter im Kampf um lokale Interessen und lokale Politik. Sie sind das Spiegelbild ihres Lebens. Sie sind auch der Spiegel, den sie ihren Lesern vorhalten. Sie sind eine Instanz. Sie sind die stärkste meinungsbildende Kraft, die ein Medium vor Ort entfachen kann. In dieser Rolle sind sie nicht wegzudenken."

Dass es so bleibt, dafür sollten wir kämpfen. Denn ohne Zeitungen, ohne professionellen, unabhängigen Journalismus, ist eine Demokratie, wie wir sie kennen, nicht denkbar.

Autor: Joachim Braun

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