Ende einer Erfolgsgeschichte: Gruner + Jahr stellt "Neon" ein

 

"Neon" hat das Erwachsenenalter nicht mehr erreicht: Gruner + Jahr stellt das Magazin für junge Erwachsene nach 15 Jahren ein, die letzte Ausgabe erscheint am 18. Juni. Die Hintergründe.

Der Verlag will für die 20 betroffenen Mitarbeiter Weiterbeschäftigungsmöglichkeiten im Haus finden, schließt betriebsbedingte Kündigungen aber nicht aus. Auch das Schicksal von Chefredakteurin Ruth Fend ist noch offen.

Im Netz soll "Neon" aber weiterleben. Erst im Februar hat G+J bei Stern Digital ein eigenes Ressort für neon.de gegründet und den Anspruch formuliert, es zum "erfolgreichsten Portal für Millennials" machen. Weiter geht es auch mit dem "Neon"-Schwestertitel "Nido": Die Elternzeitschrift soll wie bisher sechsmal pro Jahr erscheinen.

Mit der Einstellung der gedruckten "Neon" zieht G+J die Konsequenz aus den sich kontinuierlich verschlechternden Leistungsdaten der Zeitschrift. Erfunden im Jahr 2003 von Michael Ebert und Timm Klotzek, war der Titel lange Zeit eine Erfolgsgeschichte sondergleichen. Mit dem Sound der frühen Jahre ("Planen oder treiben lassen?") traf er den Geschmack von Anfang-, Mitt- und Endzwanzigern, die noch auf der Suche nach ihrem Platz im Leben waren, es mit dem Finden aber nicht so eilig hatten.

In Spitzenzeiten verkaufte G+J 255.000 Exemplare von "Neon", doch seit 2012 geht die Auflage tendenziell zurück. Im vierten Quartal 2017 betrug sie laut IVW nur noch knapp 61.000 Exemplare - fast ein Drittel weniger als im Vorjahreszeitraum. Auch die Werbeeinnahmen gingen in den Keller: In den ersten drei Monaten des Jahres erzielte der Verlag mit Anzeigen bei "Neon" laut Nielsen Einnahmen von 1,8 Millionen Euro brutto. Das sind 16 Prozent weniger als im ersten Quartal 2017.

Bei G+J erklärt man den Niedergang des Zeitgeistmagazins "Neon" quasi mit dem veränderten Zeitgeist: Die Auflage des Magazins sei unabhängig von Orts- und Chefredakteurswechseln, modifizierten Redaktionskonzepten und Marketingmaßnahmen ins Trudeln geraten. "'Neon' ist eine große Erfolgsgeschichte für G+J, sie hat 15 Jahre gewährt, nun geht sie leider zu Ende", schreibt Publisher Alexander Schwerin in einer Stellungnahme zum Aus der Zeitschrift. "Wir haben gekämpft, aber es war nichts zu machen. Wenn bei einer Marke das gedruckte Magazin Jahr für Jahr immer weniger nachgefragt wird und gleichzeitig das digitale Angebot deutlich wächst, dann ist es vernünftig und unabänderlich, digital auszubauen und das Magazin einzustellen."

Mit der Unabänderlichkeit ist das freilich so eine Sache. "Die Einstellung von Neon ist das Ergebnis von jahrelangem verlegerischen Missmanagement", twitterte Dominik Wichmann am Mittwochmorgen in Richtung G+J. Der Tweet hat Gewicht: Wichmann ist Ex-Chefredakteur des  "Neon"-Muttertitels "Stern".

Tatsächlich ist der Verlag in den vergangenen Jahren mit seinem Vorzeige- und Nachwuchstitel fahrlässig umgegangen: Im September 2013 beschloss er, die in München beheimatete Redaktion nach Hamburg zu verfrachten, was einen erheblichen Teil des Teams zum Abschied veranlasste, darunter wichtige Leistungsträger wie die Chefredakteure Patrick Bauer und Vera Schroeder. Ihren Nachfolger Oliver Stolle ersetzte der zuständige G+J-Produktchef Stephan Schäfer 2015 mitten in einem Relaunch-Prozess durch Nicole Zepter. Sie erwies sich aber als Fehlbesetzung und wurde im Oktober 2016 durch Ruth Fend ersetzt. Auch mit Investitionen in die Digital-Präsenz von "Neon" hat G+J sich lange Zeit gelassen.

Die "Neon"-Party ist noch nicht ganz vorbei. In ihrem Abschiedsbrief auf stern.de lädt Chefredakteurin Fend ihre Leser schon einmal zu einer letzten Feier ein. Feierlaune muss sich bei vielen "Neon"-Machern und ehemaligen "Neon"-Machern allerdings erst noch einstellen.

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