Zur Nachahmung empfohlen: "SZ"-Redakteure gehen zu Werkstattgesprächen in Schulen

 

JOURNALISMUS! Die Bürger wissen oft nicht, wie Medien arbeiten. Und so klagen sie bei Pegida und in den sozialen Medien über Fake News und Manipulation. Eigentlich müsste an den Schulen gelehrt werden, was wir sperrig "Medien-Kompetenz" nennen. Doch Lehrer erfahren darüber wenig bis nichts in der Ausbildung. Paul-Josef Raue erzählt in seiner Kolumne von einem vorbildlichen Projekt: Statt zu lamentieren gehen 80 Redakteure der "Süddeutsche Zeitung" in die Schulen und führen 90 Minuten dauernde Werkstatt-Gespräche.

Die "Süddeutsche Zeitung" bietet an, was viele Zeitungen anbieten: Projektwochen in Schulen, für die sie ihre Zeitung kostenlos zur Verfügung stellen. Jährlich sind das bei der "SZ" mehr als 1300 Klassen und 32.000 Schüler beim Projekt "Schule & Zeitung", zum Teil finanziert durch Sponsoren.

Den Redakteuren reichte das nicht. Sie organisieren selber "Werkstatt-Gespräche" und gehen seit Mitte 2016 regelmäßig in die Schulen: Im Schuljahr 2017/17 waren es 155 Termine mit 240 Klassen hauptsächlich in der Region München, vor allem an Gymnasien und Berufsschulen; erreicht wurden so bis zu 7000 Schüler und Schülerinnen. In diesem Schuljahr könnten es noch mehr Termine, Klassen und Schüler werden. Einige Schulen organisieren sogar für komplette Jahrgänge Veranstaltungen mit 100 bis 200 Schülern.

So läuft das Projekt ab:

1. Stufe. Redakteure werden gesucht, die Lust auf ein Werkstatt-Gespräch haben: Im ersten Jahr machten schon um die 50 mit, die im Durchschnitt dreimal in eine Schule gingen; darunter waren auch einige Pensionisten wie Ex-Chefredakteur Gernot Sittner und der preisgekrönte Reporter Peter Sartorius. Inzwischen sind schon 70 bis 80 "SZ"-Journalisten dabei, darunter etwa 10 Pensionäre.

2. Stufe. Die Lehrer bekommen einen Brief, können sich bewerben und erhalten vor dem Werkstattgespräch Material zur Vorbereitung, zum Beispiel eine 50-seitige Power-Point-Präsentation "Wie funktionieren Medien" sowie einen Sonderdruck mit der Dokumentation zu den Tweets während des Münchner Amoklaufs.

3. Stufe. Die Redakteure stimmen sich mit den Lehrern ab und bitte diese, mit den Schülern Fragen vorzubereiten. Hier einige Beispiele für diese Fragen:

  • Woran erkennt man den Unterschied zwischen "wahren" und "falschen" Artikeln?

  • Wie frei dürfen Sie berichten und wo liegen Ihre persönlichen Grenzen?

  • Wo sehen Sie den Journalismus in zehn Jahren?

  • Haben Sie manchmal Gewissensbisse, wenn Sie Informationen über Skandale veröffentlichen und somit das Leben betroffener Personen beeinträchtigen?

  • Wurde ein Artikel von Ihnen schon mal als Lüge bezeichnet?

  • Wie prüfen Sie Ihre Informationen auf den Wahrheitsgehalt?

  • Würden Sie sich in Ihrem nächsten Leben wieder für den Journalismus entscheiden?

  • Welche Note hatten Sie im Deutschabitur?

  • Was waren die Tiefpunkte in Ihrem Berufsleben?

  • Können Sie Ihre Arbeitszeiten selbst bestimmen oder werden diese vorgegeben?

  • Beeinflusst der Beruf das private Leben?

4. Stufe. Dank und Begeisterung wie beispielsweise von einem Landschulheim: "Es war sehr angenehm. Die Fragen reichten von: Wurden Sie schon einmal bedroht oder beschimpft? Bis zu: Wie viel verdient man?"

5. Das Ziel der Werkstatt-Gespräche: "Wir schaffen Vertrauen in die SZ, indem wir ganz einfach von unserer täglichen Arbeit erzählen: Wie gründlich wir recherchieren. Wie sorgsam wir berichten. Wie wir mit Betroffenen umgehen. Welche Standards wir haben... Wir wollen niemanden zum SZ-Abo überreden, sondern überzeugen, Qualitätsmedien zu lesen."

Info

https://schule-und-zeitung.sueddeutsche.de/

Mailadresse der Redakteurin, die die Werkstatt-Gespräche organisiert:

Christa.Eder(at)sueddeutsche.de

Informationen zu weiteren Schul-Projekten der Zeitungen in Deutschland:

jule : Initiative junge Leser GmbH / Thorsten Merkle

merkle(at)junge-leser.org / Tel. +49 (0) 5139 - 98 44 50

Dokumentation 1

Brief an "Liebe Lehrerinnen und Lehrer",

ein kleiner Test, der sich vielleicht im Unterricht praktizieren ließe, um etwas Medienkunde zu betreiben: Man gebe Trump ein bei Google, Facebook oder Twitter. Einfach nur Trump, ohne Donald, ohne Präsident. Das Ergebnis:

Ungefähr 2.930.000.000 Treffer nach einer halben Sekunde bei Google. Schier endlos lange Listen bei Facebook und bei Twitter. Da lässt sich alles finden, für jeden Geschmack.

Wie aber soll angesichts dieser Fülle von Treffern, angesichts des Übermaßes an Informationen und Gerüchten, Wahrheiten und Halbwahrheiten und vielleicht auch sogenannten Fake News ein einzelner Leser (oder neudeutsch: User) noch wissen, auf was und wen er sich verlassen kann, und auf was und wen nicht.

Deshalb braucht es gut ausgebildete Journalisten, die den Bürgern helfen, in dieser unüberschaubaren Datenmenge den Überblick zu behalten. Und was inzwischen beinahe genauso wichtig ist: Journalisten müssen ihr Handwerk und ihre Haltung erklären. Gemeint ist nicht Haltung im Sinne von Meinung, sondern Haltung im Sinne von journalistischen Standards. Wie recherchieren wir; wir wählen wir aus, über wen und was wir berichten; wie gehen wir mit den Menschen und Organisationen um, die in unseren Beiträgen vorkommen.

Deshalb bieten Journalisten der "Süddeutschen Zeitung" seit dem vergangenen Schuljahr verstärkt Werkstattgespräche an Schulen an...

Dokumentation 2

Sieben einfache Tipps für Schüler: Wie gehe ich mit sozialen Medien um? Wie bewahre ich in heiklen Situationen Ruhe und poste nichts Falsches?

Von Dirk von Gehlen und Klaus Ott, Redakteure bei der Süddeutschen Zeitung in München

  1. Ich weiß, dass von mir weitergereichte Infos vor allem von Freunden geglaubt werden. Damit ich meinen Freunden nichts Falsches erzähle, auch nicht aus Versehen, poste ich nicht einfach so drauf los. Gerade dann, wenn Lage besonders heikel und unüberschaubar ist.

  2. Bevor ich etwas veröffentliche oder an meine Freunde schicke, atme ich dreimal tief durch - und suche mindestens zwei verlässliche Quellen (zum Beispiel die Polizei) für das, was ich woanders gelesen oder gehört habe.

  3. Ich verbreite keine Gerüchte! Ich halte mich nur an bestätigte Informationen und versuche gerade nicht, herum zu spekulieren. Ich halte ich mich an offizielle Stellen wie die Polizei oder Rettungsdienste, an seriöse Medien und an Accounts, die ich kenne und einschätzen kann, die als seriös anerkannt sind!

  4. Ich poste, retweete und verbreite keine Texte, Bilder und Filme, von denen ich nicht weiß, wo sie herkommen und wer dahinter steht. Wenn Schlimmes passiert, sind im Internet leider auch Betrüger unterwegs, die mit Absicht Fotomontagen und bewusste Lügen verbreiten. Ich bin vorsichtig und halte mich fern von denen, indem ich nichts weiterschicke, was ich nicht kenne.

  5. Infos und Fotos von einer Tat, die ich habe oder bekomme, gebe ich der Polizei. Ich stelle solche Infos und Fotos nicht ins Internet. Vor allem dann nicht, wenn ich damit die Menschenwürde der Opfer verletze oder gar den Tätern helfe.

  6. Ich achte darauf, dass ich nicht sofort und unüberlegt drauflos schreibe, wie sich Probleme angeblich ganz einfach lösen ließen. Meistens gibt es eben keine einfachen Lösungen. Und ich gebe niemandem auf die Schnelle, einfach so, die Schuld, wenn die Lage noch gar nicht klar ist. Ich verbreite keine einseitigen Schuldzuweisungen, auch nicht von anderen, weder durch Retweets oder Zitate oder sonst irgendwie.

  7. Egal wie schlimm die Lage sein mag: Ich versuche, nicht in Panik verfallen! Und ich versuche, nicht dazu beizutragen, dass sich Angst verbreitet. Das ist ja gerade das Ziel von Terror: Angst und Hass zu verbreiten. Da mache ich nicht mit! Ich versuche ganz im Gegenteil, ruhig zu bleiben und durch mein eigenes Verhalten zu einer gewissen Ruhe in sozialen Medien beizutragen.

Der Autor

Paul-Josef Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Er hat eine Reihe von Schulprojekten organisiert: Schon Anfang der neunziger Jahre in Marburg ein erfolgreiches mit dem Institut, das Lehrer aus- und weiterbildet. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus; sein Buch "Luthers Sprach-Lehre"" erschien 2017 im Klartext-Verlag. Der Essay "Transmedialer Wandel und die German Angst" ist gerade erschienen in dem Band "Die neue Öffentlichkeit" (Verlag Springer VS). Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier, Berlin und Salzgitter.

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