Wie Martin Wunnike den Mittelbayerischen Verlag zum Meister im Regionalgeschäft macht

25.04.2018
 

Der Mittelbayerische Verlag gilt als eines der innovativsten regionalen Medienhäuser. Der Vorsitzende der Geschäftsführung, Martin Wunnike, sagt im Interview mit "kress pro", wie eine Redaktion in Zukunft arbeiten muss, wie eine gedruckte Zeitung künftig aussehen sollte und welches Führungsmodell er als vorbildlich für die Branche betrachtet. 

"kress pro": Herr Wunnike, der Medienwandel schreitet rasant voran: Wohin wollen Sie mit Ihrem Haus?

Martin Wunnike: Das Haus entwickelt sich immer weiter, um sich zukunftsfähig zu machen. Wir wollen daher eine regionale Content-Marketing- und Kommunikations-Agentur werden, die Kommunikationslösungen Print und Digital für regionale Geschäftskunden bietet, darüber hinaus eigene regionale Medien wie Zeitungen, Anzeigenblätter und Nachrichtenportale betreibt und regionale Marktplätze schafft. Auf dieser Basis muss unser neues Management-Board nun Geschäftsmodelle und Leitbilder entwickeln. Alte und neue Geschäftsfelder erhalten dabei denselben Stellenwert, auch wenn sie unterschiedliche Erträge erwirtschaften. Allerdings dürfen Projekte nicht langfristig Verluste einfahren.

"kress pro": Wie groß ist derzeit der Print-Anteil am Gesamtumsatz, welchen Anteil soll das digitale Geschäft künftig haben?

Martin Wunnike: Wir zielen nicht darauf ab, etwas Altes mit etwas Neuem zu "ersetzen". Uns interessiert das schon lange nicht mehr! Ich finde diese Betrachtungsweisen mehr als altbacken. Deshalb ist es unseriös, mit irgendwelchen Controller-Verteilschlüsseln aufwändig aufzuschlüsseln. Wir sind unter anderem eine Nachrichtenmarke, aber eben auch eine Kommunikations-Agentur und verdienen unser Geld mit regionalen Kommunikationsdienstleistungen im weitesten Sinne. Es ist für uns völlig egal, ob das in Print oder Digital ist. Und wir haben ja fast immer auch crossmediale Elemente.

"Try and Error ist das Konzept des Hauses"

"kress pro": Wie überwinden Sie interne, finanzielle Widerstände?

Martin Wunnike: Try and Error ist das Konzept des Hauses. Wir experimentieren gern und gehen Risiken ein. Das wurde uns auch extern bei einem Workshop attestiert: Unser Unternehmen ermuntert die Mitarbeiter, Fehler zu machen, so die Beobachtung eines Beraters. Uns wurde daher empfohlen, diese Einstellung wie einen Schatz zu hüten und zu bewahren. Beim ersten Mal beispielsweise, als wir Live-Übertragungen von den Regensburger Schlossfestspielen gemacht haben, ist uns die Technik ab und an zusammengebrochen. Da haben wir uns auch schon mal blamiert. Das ist dann halt so und wir machen weiter. Aber wir stellen nicht vorher alles immer völlig infrage.

"In Zukunft ist eine gute Redaktion auch für die Vermarktung zuständig"

"kress pro": Wie meistern Sie dabei das Spannungsfeld zwischen Redaktion und Werbevermarktung?

Martin Wunnike: Content und Vermarktung müssen in einer Hand sein. In Zukunft ist eine gute Redaktion auch für die Vermarktung zuständig. Nicht im Sinne von Anzeigenverkauf, sondern: Wie kann ich mit Content Wertschöpfung erzielen? Wie kann ich mich als Redaktion zukunftsfähig aufstellen? Nach meinen Erfahrungen haben unsere Redakteure heute dazu eine ganz andere Einstellung als früher, auch durch das duale Studium. Die jungen Beschäftigten haben das erfolgsabhängige Content-Modell verinnerlicht.

"Die Jungen nehmen das Medienangebot an, das am schönsten oder am schnellsten zu konsumieren ist" 

"kress pro": Wie befruchten sich Print und Digital dabei?

Martin Wunnike: Die Digital Natives haben kein Modernitätsverzugsproblem, wie manche Menschen in meinem Jahrgang 1962, die fast schon verzweifelt digital leben wollen. Die Jungen sind völlig neutral und entspannt und nehmen das Medienangebot an, das am schönsten oder am schnellsten zu konsumieren ist. Wir werden daher perspektivisch zwei Angebote haben: ein digitales Qualitätsangebot mit sehr wenig Werbung, das sich hauptsächlich aus dem Lesermarkt selbst finanziert und vielerlei Annehmlichkeiten bietet. Dazu kommen Reichweitenportale, die wir für klassische Werbung nutzen. Früher haben wir in Print also ein Angebot benötigt, heute und in Zukunft brauchen wir mindestens zwei.

"Die Lesekultur wird Print sein"

"kress pro": Wie wirkt sich das auf Gedrucktes aus?

Martin Wunnike: Die Lesekultur wird Print sein. Schnelle, kurze Informationen gibt es hingegen digital. So passen wir uns langsam dem Digitalen auch im Gedruckten an und vereinheitlichen den Auftritt der Nachrichtenmarke. Nach meinen Vorstellungen sollte eine gedruckte Zeitung irgendwann einmal so aussehen wie ein digitales Angebot. Denn für die Digital Natives ist es egal, auf welchem Weg sie das Angebot nutzen, wenn es gleich aussieht. Wichtig ist, dass sie die Nachrichtenmarke M im Kopf haben. Daher sind wir auch im Prozess des Logowandels: Irgendwann wird es im Kopf der Zeitung nur noch das M für Mittelbayerisches Medienhaus geben. Den neuen Markenauftritt haben wir übrigens gemeinsam - vom Azubi bis zum Verleger - mit dem bekannten Berater Uli Veigel kreiert.

"Die Redaktion prägt die Zukunftsstrategie"

"kress pro": Können Sie wirklich alle Beschäftigten auf diesem Weg mitnehmen?

Martin Wunnike: Es war und ist wichtig, dass die Redaktion die Zukunftsstrategie prägt und daher ist der Chefredakteur Manfred Sauerer in Personalunion auch Geschäftsführer. Mit dieser Personalie haben wir ein Zeichen gesetzt. In diesem Führungsmodell sehe ich die Zukunft der Branche. Zudem ist es entscheidend, dass Alt und Jung zur Belegschaft gehören und sich ergänzen: Wir benötigen Menschen für die Transformation, die als Digital Natives aufgewachsen sind. Denn nur mit älteren Beschäftigten können manche Prozesse nicht schnell und reibungslos umgesetzt werden.

kress.de-Tipp: Das Gespräch mit Martin Wunnike, Vorsitzender der Geschäftsführung Mittelbayerischer Verlag, ist ein Auszug eines Interviews, das im "kress pro"-Dossier "Der Mittelbayerische Verlag: Strategien im Regionalgeschäft" erschienen ist. Darin zeigt "kress pro"-Autor Michael Stadik die Eckpfeiler der Strategie, zählt die acht Grundsätze des MV in der Vermarktung auf und bereitet neun Rezepte für die Redaktionsführung auf. Das Dossier können Sie digital oder gedruckt erwerben. Per E-Mail kann es unter vertrieb(at)oberauer.com bestellt werden. Eine Übersicht aller erschienen "kress pro"-Dossiers finden Sie hier. "kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. Zum "kress pro"-Abo.

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