DJV-Chef Frank Überall: "In so einem Laden würde ich nicht arbeiten wollen"

 

Die kress.de-Berichterstattung über die Reaktion der Condé-Nast-Deutschland-Geschäftsführung auf ein anonymes Schreiben an alle Mitarbeiter, einen Betriebsrat zu gründen, sorgt für viel Aufregung. Moritz von Laffert wolle einen "Keil in die Belegschaft" treiben, sagt DJV-Vorsitzender Frank Überall am kress.de-Telefon.

kress.de: Herr Prof. Dr. Überall, in einem Brief an die Mitarbeiter von Moritz von Laffert, Geschäftsführer von Condé Nast Deutschland, wird deutlich, dass er mehr als unglücklich ist mit dem Aufruf eines anonymen Absenders zur Gründung eines Betriebsrats. Ist das eigentlich üblich, dass der erste Aufruf zur Gründung eines Betriebsrats anonym erfolgt?

Frank Überall: Nein, das ist absolut unüblich - vor allem in der Zeitungs- und Zeitschriftenbranche, in der es Betriebsräte in den meisten Verlagen gibt.

kress.de: Was bedeutet das eigentlich für ein Medienhaus, wenn dann so ein Aufruf doch von anonymer Seite erfolgt?

Frank Überall: Das lässt tief blicken und ein Betriebsklima der Angst und Unsicherheit erahnen. In so einem Laden würde ich nicht arbeiten wollen.

kress.de: Dabei wirbt Geschäftsführer von Laffert doch damit, dass er sich bei Condé Nast Deutschland eine "gute, offene Arbeitsatmosphäre" wünscht. Reicht das nicht?

Frank Überall: Das ist doch kein Wunsch, sondern ein Scheinargument, mit dem der Geschäftsführer einen Keil in die Belegschaft treiben will. Gäbe es eine "gute, offene Arbeitsatmosphäre", wäre kein anonymes Schreiben erforderlich, um einen Betriebsrat auf den Weg zu bringen.

kress.de: In Teilen der Belegschaft bei Condé Nast wird der Brief vor allem als Warnung an die Mitarbeiter verstanden, einen Betriebsrat nicht zu gründen; auf Nachfrage von kress.de hat Sprecherin Ines Thomas dem widersprochen. Verstehen Sie die Sorge des Geschäftsführers vor einem Betriebsrat?

Frank Überall: Ein funktionierender Betriebsrat kann Schluss machen mit selbstherrlichem Durchregieren eines Geschäftsführers bis in die Verästelungen eines jeden Arbeitsplatzes. Insofern verstehe ich die Angst dieses Geschäftsführers gut. Aber ist das nicht jämmerlich, wenn er zu nichts anderem fähig ist als zu diesem Mitarbeiterbrief? Wer dagegen das Betriebsverfassungsgesetz ernst nimmt und die Chancen erkennt, dass eine verantwortliche Mitwirkung von Beschäftigten auch dem Interesse des Unternehmens dienen kann, braucht nun wirklich keine Angst vor einem Betriebsrat haben!

kress.de: Statt eines Betriebsrats wirbt Herr von Laffert für die Gründung eines "Mitarbeiter-Kulturrats". Was unterscheidet den von einem Betriebsrat?

Frank Überall: Im Betriebsverfassungsgesetz gibt es keine Kulturräte, sondern nur Betriebs- und Personalräte. Nur sie haben Rechte und sind deshalb in der Lage, sich für die Interessen der Mitarbeiter einzusetzen.

kress.de: Also hat ein "Mitarbeiter-Kulturrat" außer der Möglichkeit von freundlichen Gesprächen keine Rechte?

Frank Überall: So ist es. Wahrscheinlich besteht das einzige Recht des Mitarbeiter-Kulturrats darin, täglich dem Geschäftsführer zu huldigen.

kress.de: Was kann die Geschäftsführung machen, um die Gründung eines Betriebsrats noch zu verhindern?

Frank Überall: Sorry, Bülend Ürük, aber Sie glauben doch nicht, dass ich jetzt ernsthaft am kress.de-Telefon den Gewerkschaftshassern unter den Arbeitgebern Tipps gebe, wie sie unseren Kolleginnen und Kollegen das Leben erschweren können?

kress.de: Na gut, aber was würden Sie dann den Mitarbeitern empfehlen, die einen Betriebsrat gründen möchten?

Frank Überall: Ich rate den Mitarbeitern vor allem dazu, dem DJV beizutreten, wenn sie es noch nicht getan haben. Denn bei uns bekommen sie Informationen und die nötige Rückendeckung gegen selbstherrliche Chefs - und konkrete Hilfestellung auch bei der Gründung von Betriebsräten.

Mit Prof. Dr. Frank Überall, Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands und Hochschul-Professor in Köln, sprach kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

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