Was zeichnet einen "Lokaljournalisten par excellence" aus?

 

Welche Eigenschaften muss der ideale Ressortleiter oder Chefredakteur besitzen? Paul-Josef Raue hat sich für seine Kolumne einen bewegenden, mit Herzblut geschriebenen Nachruf auf den Lokalchef der "Süddeutschen Zeitung" durchgelesen und entdeckt darin ein leidenschaftliches Bekenntnis zu dem wichtigsten Beruf in einer Demokratie - und dem schönsten allemal.

Anfang April hört sich Christian Krügel ein Konzert in Breslau an, ein "grandioses", wie er auf Facebook schreibt. Zwei Tage später, am 7. April, postet er ein Foto, das ihn strahlend vor einer deftigen  schlesischen Mahlzeit und einem großen Krug Bier zeigt - ein Genießer des Lebens. Es ist sein letzter Facebook-Eintrag.

Knapp zwei Wochen später steht der Nachruf auf Christian Krügel, Münchner Lokalchef der "Süddeutschen", in seiner Zeitung. Er war gerade mal 48 Jahre alt, als eine Schlagader im Gehirn platzte und ihn aus dem Leben riss. "Es ist ein Tod, der in der Nacht kam, der sich nicht wahrnehmbar angekündigt hatte, heimtückisch, unfassbar - vor allem für jene, die Christian Krügel gerade noch in Konferenzen und am Newsdesk gesehen hatten oder plaudernd auf dem Flur", schreibt Wolfgang Krach, einer der beiden "SZ"-Chefredakteure.

Der Chefredakteur selbst schreibt den Nachruf für den Lokalchef, einen langen Artikel mit mehr als 1200 Wörtern, in denen Achtung, ja Ehrfurcht vor einem vorbildlichen Journalisten zu spüren ist. Krach greift nicht zu Textbausteinen, in die wir uns flüchten, wenn wir über einen Toten nur Gutes schreiben wollen; er listet penibel genau auf, warum Krügel ein Vorbild war, geachtet und beliebt.

"Ressortleiter zählen in einer Redaktion in der Regel nicht zu den Menschen, die besonders beliebt sind", schreibt Krach. "Sie müssen jeden Tag Entscheidungen treffen, darunter solche, die unangenehm oder hart sind, die der eine für falsch hält und die der anderen nicht passen." Krach weiß aus eigenem Erleben, wie schwer es ist, eine Redaktion zu führen - erst recht eine lokale; er hat das Lokale als Qualitäts-Ressort gerettet in den wohl schwersten Zeiten der "Süddeutschen"; auf Beifall durfte er damals bei kaum einer Entscheidung hoffen.

Was macht einen Chef zum Vorbild in einer Redaktion? Warum war Christian Krügel "einer der besten Ressortleiter", den die "SZ" je hatte? "Er konnte mit Überzeugung und Leidenschaft für seine Meinung werben, andere Menschen mitreißen und begeistern", erinnert sich Krach: Wer so mit seinen Kolleginnen und Kollegen  umgeht, muss ihnen nicht nach dem Mund reden, muss sich nicht scheuen, Unangenehmes auszusprechen, und er kann harte Entscheidungen treffen.

"Menschen, die lange Verantwortung für etwas tragen, neigen dazu, möglichst wenig verändern zu wollen und sich Neuem zu verschließen, wenn es halbwegs gut läuft", resümiert der Chefredakteur. Zu Recht: In den meisten Redaktionen sind Chefs beliebt, die zwar die tief greifenden  Veränderungen sehen, sie mehr oder weniger laut beklagen, aber den Wandel scheuen - erst recht wenn sie schon lange dabei sind.  

Krügel entdeckte offenbar mehr Chancen als Gefahren - und setzte sich an die Spitze des Wandels. Er machte es vor, "lotete auf Facebook und Twitter aus, ob und wie soziale Medien Journalisten helfen könnten" -  und "um die Anliegen der Leser besser zu verstehen".

Das sind die entscheidenden Fähigkeiten eines guten Chefs: Leidenschaft für die Profession und Respekt für die Menschen, für Redakteure wie Leser. Wolfgang Krach lobt auch: "Christian Krügel war klug, hartnäckig, uneitel, respektiert, empathisch und sympathisch";  gerade das Uneitle ist hervorzuheben in einem Beruf, der so viele Eitle ertragen muss, erst recht in einer großen Zeitung, die geachtet ist und gefürchtet.

Krügel, wie ihn sein Chefredakteur zeichnet, ist das Gegenbild zum einsamen Cowboy, zu einem, der seiner Redaktion fremd bleibt und fremd blieben will. Isabell Hülsen und Alexander Kühn haben das Gegenbild vor einigen Wochen in einem großen "Spiegel"-Porträt entdeckt: Julian Reichelt, den Chefredakteur von "Bild": "Reichelt und die Redaktion, das ist Abkumpeln.  Menschliche Nähe aber ist es nicht." Sein "vielleicht einziger Freund" sei der Chefreporter. "Den Rest der Redaktion hält Reichelt auf Abstand."

Von Reichelts Leben außerhalb der Redaktion wissen die Kolleginnen und Kollegen nichts - eben ein einsamer Cowboy, der auf einem Feldbett in der Redaktion schläft, auf die Schutzweste aus den Kriegseinsätzen schaut und sich selbst genügt.

Krügels Leben kannten seine Redakteure: Ein Musik liebender Katholik in Bayern, der gerne über seinen Glauben sprach; ein Vater, der sich auf die Firmung seines Sohnes freute (die er nicht mehr erlebte: Da lag er schon im Koma); ein Familienmensch, der nicht abschalten konnte und zu Hause beim Rasenmähen eine Mail verschickte, wie man eine Stelle in einer Lokalredaktion  besetzen könne.

Da scheint kurz eine weniger schöne Seite im Leben eines Chefs durch. So sehr einer weiß, wie wichtig Schutz und Nähe der Familie sind, so wenig gelingt der Spagat zwischen Arbeit und Leben: Krügel war der erste morgens in der Redaktion und abends der letzte, ein Workaholic eben. Es gibt ihn nicht, den perfekten Chef.

Viele, wenn nicht die meisten Journalisten, die Karriere machen und uneitel bleiben, kommen aus dem Lokalen. Krügel war, so Krach, "ein Lokaljournalist par excellence". Als Student schrieb der gebürtige Münchner frei für die Dachauer Lokalausgabe der "SZ"; sein Volontariat bei der "Passauer Neuen Presse" führte ihn nach Altötting und Burghausen. Als Redakteur kehrte er zur "Süddeutschen" zurück und blieb dem Lokalen treu, nur einige Jahre unterbrochen, als er zum Chef vom Dienst befördert wurde.

Chefs, die gerne und gut schreiben, wollen sich auch gerne im Blatt sehen. Ist es ein wichtiges Signal, wenn ein Chef uneigennützig ist und nicht selber in der Öffentlichkeit glänzen will? Offenbar. Jedenfalls sorgte Krügel dafür, so Krach, dass "seine" Leute journalistisch glänzen konnten. Wer in der Redaktion vorne sitzt, kann öffentlich durchaus mal zurücktreten, Platz schaffen für die anderen.

Auch wenn der Anlass traurig ist: Wolfgang Krach hat einen musterhaftem Nachruf geschrieben, aus dem wir dreierlei lernen können. Wie schreibe ich mit respektvoller Distanz über einen Menschen, der mir nahe stand; was zeichnet einen Journalisten aus, der eine Redaktion leitet; und drittens: wie kann ich gleichzeitig fordern, fördern und sympathisch bleiben?

Beim Tod eines Menschen, der ein  fröhlicher war, darf auch ein Redakteur sentimental werden wie in den abschließenden Zeilen des Berichts über das Begräbnis. Detlef Esslinger, der Vize-Ressortleiter Innenpolitik, erzählt von Krügels bestem Freund, mit dem er Pläne fürs Alter geschmiedet hatte: "Sie würden regelmäßig zum Viktualienmarkt gehen, eine Halbe trinken, auf ihr schönes Leben zurückschauen. Und weil daraus nun nichts mehr wird, hat der Freund das Bier zum Friedhof mitgebracht. Christian Krügels Grab ist in Gröbenzell bestimmt das einzige, in dem neben dem Sarg nun eine Flasche Paulaner ruht."

Quellen

Krachs Nachruf "Grenzenlos gut" erschien online am 20. April.

Esslingers Bericht über das Begräbnis "Sieben Strophen und so viele Fragen" am 25. April.

Das Porträt über Julian Reichelt stand im "Spiegel" 17/2018.

Der Autor

Paul-Josef Raue war dabei, als im November 2012 "Netzwerk Recherche" bei einer Tagung im Haus der "Süddeutschen" über den Lokaljournalismus debattierte und eingangs Kurt Kister, der Chefredakteur, das Wirken des Lokalredakteurs mit persönlichen Worten würdigte. Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus; sein Buch "Luthers Sprach-Lehre" erschien 2017 im Klartext-Verlag. Der Essay "Transmedialer Wandel und die German Angst" ist gerade erschienen in dem Band "Die neue Öffentlichkeit" (Verlag Springer VS). Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier, Berlin und Salzgitter.

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