Alf Frommer über Fatalismus in Newsletter-Form

02.05.2018
 
 

Der "Tagesspiegel Checkpoint" hat seit seiner Erstausgabe im November 2014 dem schon totgesagtem Newsletter-Format neues Leben eingehaucht. Mit einer ganz eigenen Tonalität kommentiert er seitdem das Stadtleben Berlins, das seit jeher zwischen Wahn und Sinn mäandert. Langsam aber wird gerade sein eigenständiger Sound eher zu einem weiteren Problem der Hauptstadt. Eine Kritik von Alf Frommer.

Im April 1995 zog ich als junger Mann nach Berlin. Die Stadt war damals noch ärmer, aber für mich auch noch einen Tick mehr sexy, als zu Zeiten von Wowereit. Ich kam aus München, wo alles geregelt war, alles sauber und auf bayrische Art sehr deutsch. Ganz anders war Berlin: hier funktionierten viele Dinge nicht und das war auch gut so. Sonst hätte der Mythos Berlin-Mitte der 90er niemals geboren werden können. Denn wer braucht schon ordentlich getrennten Müll, wenn sich in einem kreativen Chaos alles zu einem äußerst schmackhaften Großstadtbrei vermischt. Damals übrigens noch ohne Superfood wie Chia-Samen oder Goji-Beeren.

Natürlich verändern sich die Ansprüche an eine Stadt. Und was gestern gut war, ist es heute nicht mehr. Gerade in Berlin, wo sich in den letzten 20 Jahren gefühlt alles verändert hat. Seit Ende 2014 kommentiert der Tagesspiegel Checkpoint die lokalen Geschehnisse und Veränderungen. In seinen besten Zeiten erinnerte er an die Harald Schmidt Show in ihren besten Tagen. Launig und leicht mit einer Prise Ironie und Eigenhumor machte man sich darüber lustig, was alles in der Stadt nicht wirklich funktioniert.  Und das ist einiges: Der Großflughafen BER ist das Symbol für das Scheitern deutscher Ingenieurskunst und kostet den Steuerzahler por Tag 1 Millionen Euro - übrigens hat dies bis jetzt noch nicht dazu geführt, irgendjemanden für dieses Desaster verantwortlich zu machen. Die Berliner Verwaltung liegt komplett am Boden und der öffentliche Nahverkehr hatte auch schon bessere Zeiten.

Was aber anfangs funktionierte ist jetzt wie ein Witz, den man zu oft gehört hat - es quält einen mehr, als dass es einen erfreut. Denn das Problem des Checkpoints ist: es ändert sich nichts. Der BER bleibt eine Ruine, wer einen Pass beantragen will, wartet Monate und die S-Bahn ist halt auch nie pünktlich. Rubriken wie der "BER count up" oder das "S-Bahnbetriebsstörungs-Bingo" haben sich abgenutzt oder arten aus. So wird ausgiebig über einzelne ausgefallene Rolltreppen der Berliner Verkehrsbetriebe berichtet, als ob das Wohl und Wehe der Bewohner daran hängt. Aus ganz vielen Mosaiksteinchen wird so das Gesamtbild einer "Failed City" zusammengebastelt. Dagegen ist journalistisch nichts einzuwenden, da vieles den Tatsachen entspricht. Die wichtigere Frage ist jedoch: wohin soll es führen?

Journalismus ist auch immer das Herstellen von Öffentlichkeit. Dies war früher seine größte Waffe. Durch das Aufdecken von Skandalen wurden Rücktritte oder Verbesserungen erzwungen. Heute aber ist gefühlt alles öffentlich. Und selbst wenn etwas aufgedeckt wird, merkt man nur marginale oder keine Veränderungen. Panama oder Paradise Papers? Irgendwie verpufft. Rolltreppe im Anhalter Bahnhof seit Wochen defekt? Wen interessiert es. Die Krise des Journalismus ist auch die Krise des Checkpoints: wenn sich durch Berichterstattung nichts mehr verändert, dann flüchtet man sich in Fatalismus. Und was gestern noch glänzend ironisch war ist heute nur noch matter Zynismus, der sich täglich wiederholt. Am Schluss war Harald Schmidt eben auch nur noch eine schlechte Parodie seiner selbst.

Niemand erwartet nun, dass der Checkpoint die Hauptstadt bejubelt. Dies ist nicht die Aufgabe von Journalisten. Doch wir leben in einer Zeit der ständigen Beta-Phase. Der Newsletter muss an seinem Sound arbeiten und eventuell nicht aus jeder defekten Ampel einen weiteren Baustein des gescheiterten Berlins machen. Dieses Lamentieren ist irgendwie sehr deutsch und wenn sich dann nicht einmal was ändert, sondern die Beschreibung des Scheiterns zum Selbstzweck des Newsletters wird, dann sollte man Innehalten und etwas ändern (so wie es die Stadt auch ständig macht).

Ich habe mich damals in Berlin verliebt, weil es nicht wie München war: perfekt. Die Stadt war schmutzig, laut, prollig und auf angenehm undeutsche Art unorganisiert. Zum Glück. Denn Perfektion mag vielleicht auf den ersten Blick anziehend wirken - ist am Ende aber auch verdammt langweilig. Siehe München.

Autor: Alf Frommer

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