"1968": Wie der "Stern" Fotos manipulierte

 

Hat ein Militärpolizist in Bogota drei Hände? So viele sind es jedenfalls auf einem Foto im "Stern" vom 8. September 1968. Ein Redakteur hatte nicht aufgepasst, so blieb der schriftliche Hinweis aus dem Design unbeachtet: "Hand weg". Paul-Josef Raue hat sich für seine Kolumne die Bild-Manipulation angeschaut in der Wolfsburger Ausstellung "1968" mit Fotos des "Stern"-Fotografen Robert Lebeck. Es ist eine faszinierende Ausstellung über Journalismus, Wirklichkeit und Wahrheit, über die Arbeit von Redaktionen mit und ohne digitale Werkzeuge, über Abhängigkeiten und Hierarchien - und über die Historie, die Journalisten prägen, so oder so.

Am 22. August 1968 läuft Robert Lebeck, der "Stern"-Fotograf,  hinter der Limousine des Papstes her, die in Bogota, der Hauptstadt Kolumbiens, durch eine ekstatische Menge schleicht. Bob, wie ihn die Kollegen rufen, gelingt ein Schnappschuss, der eine Doppelseite füllt in der "Stern"-Reportage "Mit dem Papst nach Bogota". Die Szene ist verbürgt, die folgende ist von Ralf Beil erfunden: Beil ist Direktor des Kunstmuseums in Wolfsburg und Kurator der Lebeck-Ausstellung; früher hat er als Freier für die "NZZ" geschrieben:

Die "Stern"-Bildredaktion: "Das Bild mit den Indios müssen wir seitenverkehrt bringen, dann schauen sie in Richtung des segnenden Papstes... tolles Foto von Bob, wie der rote Teppich da noch schnell geglättet wird... Wenn wir beides groß bringen, haben wir darüber noch Platz für ein extremes Querformat. Wie wäre es, wenn wir die Bilder 28A und 29A zusammenschneiden, dann ist der Papst im Goldenen Schnitt und gleich noch umgeben von der Menge?

Zu lesen ist der imaginäre Dialog im Vorwort des Ausstellung-Katalogs, in dem Ralf Beil auch eine der Bild-Manipulationen aufdeckt, die in der "Stern"-Fotoredaktion offenbar Routine waren. In analogen Zeiten blieben die Manipulationen Handwerk, buchstäblich Werk von Händen: Sie legten Bilder übereinander  - wie für die Papst-Reportage -, sie klebten Teile aus anderen Fotos in ein Bild - wie eine zweite trauernde Frau am Sarg von Robert Kennedy -, sie retuschierten und sorgten für extreme Ausschnitte.

Diese Manipulationen geschahen bewusst, wobei die Designer, damals noch mächtiger als heute, den Vorwurf der Manipulation wohl nicht gelten ließen: Sie hatten ihren professionellen Begriff von Layout entwickelt, huldigten einer Ästhetisierung, die ethische Fragen nur am Rande zuließ, und verstanden sich als Avantgarde, sahen sich mehr als Künstler denn als Journalisten.

Die Ausstellung in Wolfsburg zeigt eine Fülle von Kontaktbögen, auf denen all die Bilder zu sehen sind, die der Fotograf mitgebracht hatte, die aber nie ins Blatt kamen: So wird die Ausstellung auch zu einer Fundgrube für Historiker des Journalismus, um herauszufinden, wie Redaktionen Wirklichkeit konstruieren, verändern und prägen. Dabei sind Fragen nicht leicht zu beantworten wie: Wo beginnt die bewusste Manipulation?

"Der Stern-Fotograf bildet die Wirklichkeit ab", moderiert Peter Kunz im "heute journal", als er über die Ausstellung berichtete. "Die Redaktion zuhause biegt sich die Bilder zurecht", ergänzt und kritisiert er. Als wenn es so einfach wäre: Auch der Fotograf sucht sich eine Perspektive, wählt aus, wohin er geht und wann er auslöst.  "Robert Lebeck ganz unverfälscht", lobt Peter Kunz und stellt die Redakteure als Fälscher hin und schwimmt im Strom der Medien-Kritiker: "Fakes in den News, schon damals."

Von Fälschungen könnte man sprechen, wenn sie bewusst geschehen. In der Ausstellung ist ein Kontaktabzug zu sehen, auf dem ein Redakteur schreibt "Hand weg" - ohne Folgen. Die Hand, die dritte Hand blieb im Foto, wohl aus Trägheit oder Zeitnot. Aber ist eine Manipulation schon eine Fake-News, wenn sie die Wirklichkeit zwar zuspitzt oder stilisiert,  aber nicht verfälscht?

Die großen historischen Fälschungen wurden in Auftrag gegeben, um die Geschichte umzuschreiben und politische Gegner zu ächten. Bundestags-Präsident Wolfgang Schäuble wies jüngst in einem Interview mit den Madsack-Zeitungen darauf hin: In der Geschichte sind immer schon Informationen und Nachrichten gefälscht worden; als Beispiel nannte er das berühmte Bild des Sozialdemokraten Philipp Scheidemann auf dem Reichstagsbalkon, das nicht im November 1918 entstanden, sondern zehn Jahre später gestellt worden ist. Für Schäuble sind Manipulationen und Fake-News, vor allem die "noch nie da gewesene Dimension" der Manipulationen im Netz, gezielte Angriffe auf die Glaubwürdigkeit der Medien.

Es gibt weitere historische Fälle von Fälschungen, vor allem  durchs Wegretuschieren: Trotzki musste verschwinden, weil Lenin es so wollte, Castros Schwestern verbannte Fidel aus dem Familienalbum, weil sie ins Exil gingen. Die Liste der Fälschungen ist lang.

Die "Stern"-Manipulationen 1968 waren keine Fake-News, sie taugen nicht für eine  AfD-Kampagne zur Lügenpresse, aber sie sind "Geschichtsklitterung", wie Direktor Ralf Beil in unserem Gespräch kommentiert.  "Die Bearbeitung geschah ohne Not, sie war unnötig", sagt Beil. Die unbearbeiteten Fotos waren stark in der Aussage und Gestaltung, sie brauchten keine Manipulation, aber wahrscheinlich stand die Designer-Ehre dagegen, ein Foto einfach so ins Magazin zu heben.

Die Ausstellung, die ein Glückfall für den Journalismus ist, zeigt beispielhaft, wie Redaktionen Wirklichkeit prägen - auch durch Auswahl oder Weglassen von Themen. So sind Lebecks Bilder von Rudi Dutschkes Uni-Rede in Prag während des "Frühlings" nie erschienen - mit einer Ausnahme: Das Ehepaar Dutschke in einem Kabrio auf der Stadtrundfahrt stellten die Redakteure später einmal auf die Leserbrief-Seite mit der Zeile "Rudi Dutschke mit seiner Frau im Urlaub."

Die Ausstellung zeigt einige Beispiele für die Diskrepanz zwischen Text und Bild: In einer Reportage über die VW-Stadt beispielsweise schreibt der Reporter von der Tristesse einer Retortenstadt, während der Fotograf lebenslustige Menschen fotografiert: Drei ältere Frauen auf der Terrasse eines Cafés, mehrere Tortenstücke vor sich, eine große Schale Sahne und das obligatorische Kännchen Kaffee;  Jugendliche sind als Demonstranten im Stadion bei der Vereidigung von Rekruten zu sehen, fröhlich im Hallenbad oder bei der Pflege von Pionier-Gräbern. Es scheint, als wären Reporter und Fotograf in unterschiedliche Städte gefahren.

Die große und nachdenkliche Ausstellung wäre eine Chance für Redaktionen, speziell für die des "Stern", den Lesern zu erklären, wie sie gearbeitet hat und wie sie heute arbeitet: Nach welchen Kriterien suchen Redaktionen Bilder aus? Warum verändern sie Fotos? Wann wird aus der Bearbeitung eine Manipulation? Wann eine Fälschung? Was ist der Unterschied zwischen den analogen und digitalen Zeiten? Und - was ist Wirklichkeit? Was ist Wahrheit in den Medien?

Info - Die Ausstellung

"Robert Lebeck 1968" ist im Kunstmuseum Wolfsburg bis zum 23. September zu sehen. Das Museum hat zur Ausstellung einen 8-Minuten-Film  auf Youtube ins Netz gestellt.

Journalisten können sich nach Registrierung auf der Webseite den reich bebilderte, 320 Seiten umfassenden Katalog mit starken Texten herunterladen.

Die Ausstellung ist die erste große Ausstellung in einem bedeutenden Museum zu "1968", allerdings ohne die gängigen Fotos und Themen. "Das Jahr der Studentenunruhen fand ohne mich statt", schrieb Robert Lebeck in seinem Buch "Erinnerungen eines Fotoreporters". "Als in Paris die Barrikaden brannten, arbeitete ich in Florida an einer Serie über zwei ermordete Studentinnen; während Studenten vor dem Springer-Hochhaus demonstrierten, fotografierte ich die Taufe von Hildegard Knefs Kind; und als die Russen in Prag einmarschierten, begleitete ich gerade den Papst nach Bogotá."

Aber gerade in den unveröffentlichten Lebeck-Bildern von scheinbaren Rand-Schauplätzen spiegeln sich die politischen Veränderungen, geben Tiefenschärfe einem Jahr des Umbruchs.

Die meisten der 119 Fotos, die in der Ausstellung gezeigt werden, sind erstmals zu sehen und nie im Magazin oder anderswo erschienen. Zudem sind 33 Original-Kontaktbögen ausgestellt.

Robert Lebecks Leben

Lebeck wurde 1929 in Berlin geboren, studierte Völkerkunde, aber arbeitete als freier Fotograf, ehe er in die Redaktion des "Stern" wechselte; kurze Zeit war er auch in der Gründungsphase "Geo"-Chefredakteur.

Schon früh zeigten Museen Lebecks Bilder, so 1962 das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Er wurde 1991 geehrt mit dem Erich-Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Fotografie, 2002 mit dem Infinity-Award und  2007 mit dem Henri-Nannen-Preis für sein Lebenswerk. Lebeck starb im Juni 2014 in Berlin.

Der Autor

Paul-Josef Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus mit großen Kapiteln in "Wie man Leser gewinnt" über Layout, Foto, Bildunterschrift und Infografik; sein Buch "Luthers Sprach-Lehre" erschien 2017 im Klartext-Verlag. Der Essay "Transmedialer Wandel und die German Angst" ist gerade erschienen in dem Band "Die neue Öffentlichkeit" (Verlag Springer VS). Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier, Berlin und Salzgitter.

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